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Tag der deutschen Einheit

Apotheken zur Wendezeit – Alles auf neu

Am heutigen 3. Oktober jährt sich die deutsche Wiedervereinigung zum 30. Mal. Wie haben Apotheker aus Ost und West diese ereignisreiche Zeit erlebt? Und wie wurde aus zwei Apothekensystemen ein einziges? Zwei prominente Zeitzeugen aus der Apothekerschaft erinnern sich.
Anna Pannen
03.10.2020  08:00 Uhr

In diesen Tagen hat Hans-Günter Friese wieder seinen alten Videorekorder hervorgeholt und eine bestimmte VHS-Kassette eingelegt. Der ehemalige BAK- und ABDA-Präsident ist auch nach 30 Jahren noch emotional ergriffen, wenn er die Bilder sieht. Sie zeigen den offiziellen Festakt zur Wiedervereinigung der Bundesregierung am 3. Oktober 1990 in der Berliner Philharmonie. Friese war damals selbst dabei, als Vertreter der Bundesapothekerkammer, neben Vertretern anderer freier Berufe. Auf dem Video sieht man ihn im Publikum sitzen, vierte Reihe von vorne. Dort lauschte er den Reden von Richard von Weizsäcker, Rita Süssmuth, Sabine Bergmann-Pohl und Walter Momper. Seine Frau hat die Fernsehübertragung damals aufgezeichnet, deshalb kann Friese den Ablauf auch heute immer wieder Revue passieren lassen.

Hans-Günter Friese beim Festakt der Wiedervereinigung

»Die ganze Veranstaltung war sehr emotional« erzählt Friese. »Besonders, als am Ende die Nationalhymne gespielt und gesungen wurde, waren wohl alle Zuhörer ergriffen«. Friese erinnert sich noch genau, dass am selben Tag auch der Apothekertag in Düsseldorf stattfand. »Ich bin am frühen Nachmittag direkt aus der Philharmonie zum Flughafen gefahren«. In Düsseldorf seien die Kollegen ebenfalls sehr gerührt gewesen. »Brigitte Schilling, Apothekerin aus Sachsen hat eine Rede gehalten und es herrschte allgemein große Freude, nun ein einheitlicher Berufsstand zu sein«.

Wie war das DDR-Apothekenwesen organisiert?

Bis es soweit war, lag 1990 allerdings noch eine Menge Arbeit vor den Apothekern in den neuen Bundesländern. In der DDR war das Apothekenwesen schließlich staatlich organisiert gewesen, nur ein verschwindend kleiner Teil der Offizinen war in Privatbesitz. Die restlichen wurden auf Bezirks- und Kreisebene verwaltet. 229 Kreise verfügten jeweils über ein pharmazeutisches Zentrum. Völlig andere Bedingungen als im Westen. Jeder Kreisapotheker fungierte als Vorgesetzter der Apotheker und des gesamten Apothekenpersonals im jeweiligen Gebiet. Auch Abrechnung und Warenlieferung waren über das Zentrum organisiert. Die Verwaltung funktionierte auf Bezirksebene.

»Das war schon ein großer Unterschied zur Organisation der selbstständigen Apotheken in den alten Bundesländern« sagt Friedemann Schmidt. Schmidt ist heute selbst ABDA-Präsident, 1990 aber war er frisch approbierter junger Apotheker. Die Arbeit in staatlichen Apotheken hat Schmidt selbst nur noch als Praktikant während des Studiums kennengelernt, dafür aber den Prozess der Neustrukturierung intensiv miterlebt. Unter anderem hat er hat am 1. September 1990 eine der beiden ersten selbstständigen Apotheken in Leipzig gegründet. Der Berufsstand habe damals intensiv darüber diskutiert, wie die Neuorganisation der Apotheken in den neuen Bundesländern aussehen soll, erzählt Schmidt. Die übergroße Mehrheit der Apotheker im Osten sei dafür gewesen, es den Westapotheken gleichzutun und den Weg in die Selbstständigkeit zu gehen. »Ein paar hatten aber auch Angst vor diesem Schritt«. So sei eine Zeitlang ein staatliches Apothekenmodell, wie es bis 2009 in Schweden galt, im Gespräch gewesen. Es sei sogar eine Delegation nach Schweden gereist, um sich das dortige System anzusehen. Letztendlich sei man aber doch übereingekommen, ein selbstständiges Apothekensystems aufzubauen.

Schmidt: Extrem erfolgreicher Einigungsprozess für Apotheken

Schmidt bezeichnet den Einigungsprozess im Fall der Apotheken als »extrem erfolgreich«. Gerade im Vergleich zu anderen Berufsgruppen, die sich im Nachhinein als aufgekauft und von Westdeutschen abgehängt empfanden, hätten die Apothekerkollegen aus West und Ost von Anfang an sehr kollegial zusammengearbeitet. Gleich nach der Wende habe es erste Partnerschaften mit Landesverbänden und -kammern gegeben, man habe sich gegenseitig besucht, ostdeutsche hätten westdeutschen Kollegen über die Schulter geschaut, es gab Fortbildungen und gemeinsame Reisen. Die Treuhand und der Großhandel hätten ebenfalls umfangreiche Hilfe geleistet beim Aufbau der Selbstverwaltung, erzählt Schmidt.

Auch Hans-Günter Friese erinnert sich lebhaft an diese Zeit. Damals seien ostdeutsche Kollegen auf Einladung in seinen regionalen Kammersitz Münster gereist, um sich westdeutsche Apotheken anzusehen. Übernachtet wurde in den privaten Wohnungen der westfälischen Kollegen. Richtige Freundschaften seien damals entstanden, erzählt Friese, teilweise besuche man sich noch heute gegenseitig.

Dass es um das Apotheken- und das gesamte Gesundheitssystem nicht gut stand, war für Friese schon vor dem Mauerfall abzusehen. Im August 1989 war er Teil einer vom DDR-Ministerium für Gesundheitswesen begleiteten Delegation aus Vertretern der westdeutschen Gesundheitsberufe. Eine Woche lang habe man sich Gesundheitseinrichtungen und auch Apotheken angesehen. »Es war damals schon ein offenes Geheimnis, dass es wirtschaftlich nicht mehr gut läuft in der DDR“« erzählt er. Man sei offiziell um Hilfe gebeten worden, unter anderem sollte es eine große Arzneimittellieferung aus dem Westen geben. Der Mauerfall nur drei Monate später machte die damals getroffenen Vereinbarungen allerdings weitgehend überflüssig.

Ab Ende 1989: Der Aufbau eines neuen Gesundheitssystems

Ab Ende 1989 war Friese dann bei vielen Gesprächen dabei, in denen das künftige Gesundheitssystem in den neuen Bundesländern ausgelotet wurde. Genau wie Schmidt erinnert er sich daran, dass es unter Apothekern nur wenige Gegenstimmen zur Selbstständigkeit gab. Sehr schnell sei die ABDA gemeinsame Interessenvertretung der gesamtdeutschen Apotheker geworden, sehr schnell habe man auch ein Kammer- und Verbandssystem im Osten geschaffen, noch 1990 wurden Präsidenten und Vorstände gewählt. Auch was darüber hinaus anstand – passende Räume für die Standesvertretungen finden, Büroeinrichtungen, Technik für die neuen Vertretungen organisieren – sei innerhalb eines guten Jahres abgeschlossen gewesen. »Der Zufriedenheitsgrad war groß, ich glaube bei uns hat vieles besser funktioniert als in anderen Berufsständen«, so Friese.

Vielleicht auch deshalb, weil die Bedingungen für die ostdeutschen Apotheker außergewöhnlich fair waren. So galt bis 1995 eine Übergangsregelung, die den ostdeutschen Apothekenleitern ein Vorkaufsrecht einräumte. Westdeutsche Apotheker durften in den neuen Bundesländern so lange keine Apotheken kaufen oder übernehmen, lediglich neue gründen. Wer sich die Selbstständigkeit doch nicht zutraute, konnte seine Apotheke übergangsweise von der Treuhand verwalten lassen. Die anderen kamen unkompliziert an Kredite zu fairen Bedingungen, auch gab es Finanzhilfen durch die Kreditanstalt für Wiederaufbau, den Großhandel und auch durch europäische Institutionen.

Übertragung des Apothekenrechts auf die neuen Bundesländer

Die ehemaligen Kreisapotheker wurden in den meisten Fällen in die neuen Verwaltungen übernommen und wirkten im Auftrag der Treuhand an der Privatisierung mit. Das Apothekenrecht wurde eins zu eins auf die neuen Bundesländer übertragen. »Das war ein sehr erfolgreicher Teil des Einigungsprozesses«, sagt Friedemann Schmidt. Für die meisten Apotheken in den neuen Bundesländern habe danach eine wirtschaftlich erfolgreiche Zeit begonnen, insbesondere der zuvor im Osten kaum übliche Verkauf von Produkten zur Selbstmedikation sei gut angelaufen. Es habe viele Neugründungen gegeben und heute sei die Situation für Apotheker in Ost wie West nahezu dieselbe.

Schmidt erinnert sich deshalb gerne an die ersten Jahre nach dem Mauerfall zurück. »Es war eine Zeit des Aufbruchs, wir Apotheker konnten schnell und unbürokratisch Entscheidungen treffen und hatten einfach das Gefühl, viel zu bewegen«, erinnert sich der ABDA-Chef. Und so wird Schmidt genau wie Hans-Günter Friese am kommenden Samstag wieder vor dem Fernseher sitzen, den offiziellen Reden lauschen und die Ereignisse vor 30 Jahren noch einmal Revue passieren lassen.

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