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Schutzausrüstung

Apotheken in der zweiten Reihe?

Bei der Belieferung mit Schutzausrüstung müssen Apotheken weiter auf die Verteilung durch die Länder setzen. Das sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) auf Nachfrage der PZ.
Anja Köhler
03.04.2020  21:06 Uhr

Knapp 37 Millionen Atemschutzmasken der Klassen FFP2, FFP3 und OP sind bisher in Deutschland angekommen. Ihre Verteilung wird beim Logistikunternehmen Fiege im thüringischen Apfelstädt im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) koordiniert. Die meisten Lieferungen kämen aus China, hieß es bei einem Pressetermin am Freitag in Apfelstädt. Die Ware werde in China von deutschen Vertretern des TÜV Nord geprüft, mit Lufthansa Cargo nach Frankfurt am Main geflogen, von den dortigen Behörden verzollt und schließlich mit bis zu 25 Sattelschleppern unter Polizeischutz nach Thüringen transportiert. Nach einem Verteilungsschlüssel des BMG werde die Ware aufgeteilt und unter anderem über das Technische Hilfswerk deutschlandweit verteilt.

200 Mitarbeiter des Unternehmens Fiege sind allein in diesen Prozess rund um die Uhr eingebunden, sagte Vorstandschef Jens Fiege, nachdem er Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die Lager des Unternehmens gezeigt hatte. Vom Start in China bis zur Ankunft bei den deutschen Empfängern vergingen in der Regel 48 Stunden. »Die Logistik ist schnell, sicher und stabil«, die Ware könne demnach unterwegs nicht abhandenkommen. Dafür sorge auch der Schutz rund um das Firmengelände durch die Bundespolizei und unternehmenseigene Wachleute.

Allerdings seien die Lieferketten in China nicht immer so stabil, »wie wir uns das wünschen«. Einzelne Lieferungen wären ausgeblieben. Vor Ort gebe es einen harten Kampf um die Ware, das sei insgesamt keine gute Entwicklung, sagte Spahn. Er räumte ein, »dass wir manche Enttäuschung erleben. Wir sind in den vergangenen zwei Wochen durch ein tiefes Tal gegangen.« Dennoch zeigte er sich vorsichtig zuversichtlich, die deutschlandweiten Engpässe bei Schutzausrüstung in den Griff zu bekommen. Die bisher gelieferten Masken sorgten für Entlastung, reichten aber nicht aus. Spahn wolle sich mit Prognosen über weitere Lieferungen zurückhalten. Denkbar sei auch, Masken zu sterilisieren, um sie mehrfach verwenden zu können. Entsprechende Tests würden derzeit erwogen.

Auf die Frage der PZ, inwieweit Apotheken bei der Verteilung von Schutzausrüstung berücksichtigt werden, sagte Spahn: »Die Apotheken gehören zu dem Adressatenkreis, der über die Länder versorgt wird.« Der starke Schwerpunkt liege angesichts der momentanen Schwierigkeiten auf den Pflegeeinrichtungen und Kliniken. Aber: »Wenn es uns gelingt, die Zahl der Masken zu erhöhen, dann werden nach und nach auch die anderen Bereiche des Gesundheitswesens besser versorgt werden können.« Mittelfristig – »da sind wir jetzt noch nicht« – müsse man zurück zu den klassischen Verteilungen kommen. »Wir haben im Gesundheitswesen ja Vertriebs- und Verteilungswege zu Krankenhäusern, Apotheken und Arztpraxen. Die können im Moment aber nicht funktionieren, weil dort angesichts der Weltmarktlage nichts ankommt.«

Apotheken fühlen sich übersehen

In dieser Woche war Kritik laut geworden, Apotheken würde während der Coronavirus-Pandemie bei der Schutzausrüstung nicht ausreichend bedacht. Die Apothekenschaft werde »allzu gern übersehen«, bemängelte etwa der Präsident der Landesapothekerkammer Brandenburg, Jens Dobbert. Dabei leisteten die Apotheker mit ihren Mitarbeitern herausragende Arbeit. Der Sprecher der Kammer, Marcel Uhr, ergänzte, es sollte nicht nur an die Ärzte gedacht werden. »Spätestens, wenn der Arzt ein Rezept ausgestellt hat, geht es zur Apotheke und da fehlt dann der nötige Schutz.« Mitunter müssten sich Mitarbeiter notdürftig behelfen. Auf PZ-Nachfrage hatte Uhr gesagt, der Kammer fehle die Berechtigung, selbst Schutzausrüstung für die Apotheken zu bestellen. Ein Appell, die Apotheken bei der Verteilung von Schutzausrüstung nicht zu vernachlässigen, war auch vom Landesapothekerverband Baden-Württemberg gekommen.

Unterdessen sieht Spahn offenbar Erfolge in Sachen knapper Desinfektionsmittel. Schrittweise sei eine deutliche Entlastung möglich, sagte er am Freitag in Thüringen. Die zuständigen Ministerien hätten durch eine Reihe von Ausnahmegenehmigungen ermöglicht, »dass auch Ausgangsprodukte für die Herstellung von Desinfektionsmitteln genutzt werden können, die sonst nicht genutzt werden konnten, etwa Alkohol von Spirituosenherstellern«. Gleiches gelte für Bioethanol aus der Kraftstoff- und der chemischen Industrie. Die Kunst bestehe darin, »aus einem Tanklastzug Ethanol einen 5-Liter-Behälter für das Pflegeheim oder die Arztpraxis zu machen«. Dafür gebe es im Moment noch keinen klassischen Weg, so Spahn.

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