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Hörsturz

Anzeichen, Unterschiede und Therapie

Ein Hörsturz trifft den Betroffenen meist völlig unvorbereitet. Um einen medizinischen Notfall handelt es sich nicht. Eine Untersuchung sollte jedoch bald nach Einsetzen der Symptome erfolgen – nicht nur, um eine Therapie zu beginnen.
Maria Pues
23.10.2020  09:00 Uhr

Bei einem akuten idiopathischen sensorineuralen Hörverlust (Hörsturz) kommt es ohne erkennbare Ursache zu einer Schallempfindungsschwerhörigkeit im Innenohr. Meist tritt diese lediglich auf einem Ohr auf, nur ausnahmsweise auf beiden. Die Betroffenen hören plötzlich schlechter und haben das Gefühl eines großen Wattebausches im Ohr. Auch ein Druckgefühl, der Eindruck eines Halls und ein pelziges Gefühl um die Ohrmuschel (periaurale Dysästhesie) können auftreten. Neben dem Hörverlust kann es zu Schwindelgefühlen (Drehschwindel) und zu einem Tinnitus kommen. Manche Patienten verspüren nur eine leichte und rasch vorübergehende Beeinträchtigung, andere empfinden einen Hörsturz als bedrohlich. Rund 160 bis 400 von 100.000 Menschen in Deutschland erkranken jährlich daran. Die meisten von ihnen sind zwischen 40 und 60 Jahre alt – Tendenz fallend. Männer und Frauen erkranken gleich häufig, Kinder sind nur sehr selten betroffen.

Um einen medizinischen Notfall handelt es sich bei einem Hörsturz nicht. Dennoch sollten Betroffene rasch einen Arzt aufsuchen – nicht zuletzt, um andere Ursachen für die Beschwerden auszuschließen. Die Dringlichkeit richtet sich nach der Stärke der Beschwerden, eventuellen Begleitsymptomen und Vorschädigungen sowie nicht zuletzt nach dem individuellen Leidensdruck des Patienten. Zur Diagnostik gehören verschiedene Hörprüfungen, eine Untersuchung der Ohren auf eventuelle Fremdkörper, eventuell eine Blutuntersuchung auf Anzeichen einer Entzündung oder Infektion und (bei Bedarf) ein MRT.

Ursachen unbekannt

Ursachen und Pathomechanismen des Hörsturzes sind weitgehend unbekannt. Diskutiert wurden bisher vaskuläre und rheologische Störungen, Infektionen und zelluläre Regulationsstörungen. Die Leitlinie unterscheidet nach dem Frequenzbereich, in dem die Hörminderung stattfindet und nach der Stärke des Hörverlustes.

Da die Ursachen für einen Hörsturz nicht bekannt sind, gibt es keine kausale Therapie. Viele Optionen, die in den vergangenen Jahren versucht wurden, hat man wegen fehlender Wirksamkeit und/oder nicht tolerierbarer Nebenwirkungen wieder verlassen. Eine Therapieentscheidung erfolgt heute vor allem auf der Basis von zwei Kriterien: der Stärke des Hörverlustes und dem Leidensdruck für den Patienten. So kann laut Leitlinie zwei bis drei Tage abgewartet werden, ob es zu einer Spontanremission kommt, wenn der Hörverlust nur schwach ausgeprägt ist und er den Betroffenen nur wenig beeinträchtigt. Tritt keine Besserung ein, erfolgt üblicherweise eine Therapie mit Glucocorticoiden.

Mittel der Wahl hoch dosierte Glucocorticoide

Bei starkem Hörverlust, bei vorgeschädigtem Gehör und wenn es gleichzeitig zu vestibulären Beschwerden kommt, empfiehlt die Leitlinie eine rasche Therapieeinleitung. Dabei werden zunächst hoch dosierte Glucocorticoide gegeben. Dabei sollten täglich 250 mg Prednisolon über drei (bis fünf) Tage gegeben werden; ein Ausschleichen ist danach aus endokrinologischer Sicht nicht erforderlich. Die Datenbasis ist jedoch auch hier recht dünn. Eine Therapie mit niedrig dosiertem peroral verabreichten Cortison wird nicht empfohlen.

Die dreiarmige, randomisierte, dreifach verblindete HODOKORT-Studie prüft derzeit unterschiedliche Dosierungen und Applikationsformen an 312  Patienten. Sie erhalten entweder fünf Tage lang 250 mg/Tag Prednisolon intravenös (plus peroral Placebo für zehn Tage) oder fünf Tage lang 40 mg/Tag Dexamethason oral (plus fünf Tage Placebo intravenös oder peroral). Als Kontrolle dient eine Gruppe, die 60 mg Prednisolon peroral über fünf Tage plus ausschleichende Dosen (plus fünf Tage lang Placebo intravenös) erhält. Erste Ergebnisse werden 2021 erwartet.

Bei ausbleibendem Therapieerfolg oder wenn Kontraindikationen für eine systemische Corticoid-Gabe bestehen, können diese auch intratympanal (Injektion in das Mittelohr) gegeben werden. Eine Kombination aus intratympanaler und sytemischer Corticoid-Gabe zeigte sich in einer Meta-Analyse als effektivste von sechs verglichenen Therapien.

In vielen Fällen kann eine Therapie ambulant erfolgen. Eine stationäre Therapie empfiehlt die Leitlinie unter anderem bei sehr starkem Hörverlust, bei vestibulärer Begleitsymptomatik oder bei schweren internistischen Begleiterkrankungen, zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stoffwechselerkrankungen oder neurologischen beziehungsweise psychiatrischen Erkrankungen.

Vieles obsolet

Nicht mehr empfohlen werden durchblutungsfördernde Maßnahmen, zum Beispiel durch Infusion von Hydroxyethylstärke (HES) oder einer Gabe von Naftidrofuryl oder Pentoxyphylin. Die Hypothese, dass Viren zu den Beschwerden führen, konnte ebenfalls nicht bestätigt werden. Antivirale Therapien werden daher nicht empfohlen. Auch die hyperbare Oxygenierung, bei der reiner Sauerstoff eingeatmet wird, um dessen Konzentration im Blut und in den Geweben zu erhöhen, kommt nicht mehr zum Einsatz.

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