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Covid-19

Antikörper sind nach Genesung lange stabil

Wie lange sind neutralisierende IgG-Antikörper nach einer überstandenen Covid-19-Erkrankung stabil? Laut aktuellen Studien ist dies offenbar deutlich länger der Fall, als zu Beginn der Pandemie angenommen wurde.
Theo Dingermann
17.05.2021  11:00 Uhr

In einer aktuellen Studie, die in »Transboundary and Emerging Diseases« publiziert wurde, beschreiben Sissy Therese Sonnleitner und Kollegen von der Abteilung für Hygiene und medizinische Mikrobiologie der medizinischen Universität Innsbruck, dass neutralisierende Antikörper bei der Mehrzahl untersuchter Covid-19-Rekonvaleszenten auch nach bis zu zehn Monaten noch gut nachweisbar waren. Konkret ließen sie sich in dieser Studie mithilfe eines enzymgekoppelten Neutralisationstests bei 77,4 Prozent der 34 eingeschlossenen Probanden nach knapp einem Jahr immer noch sehr gut detektieren.

Alle Probanden dieser Studie hatten sich zu Beginn des vergangenen Jahres in der Hot-Spot-Region Ischgl im österreichischen Tirol mit SARS-CoV-2 infiziert. Drei Patienten (8,8 Prozent) waren asymptomatisch mit SARS-CoV-2 infiziert gewesen, 20 Patienten (58,8 Prozent) hatten einen leichten, sechs (17,6 Prozent) einen mittelschweren und fünf (14,7 Prozent) einen schweren Verlauf der Erkrankung gezeigt. Untersucht wurden 18 Frauen und 16 Männer.

Bei der Mehrheit (30 von 33; 90,9 Prozent) der getesteten SARS-CoV-2-positiven Patienten ließ sich in der Rekonvaleszenzphase (> 21 Tage nach Symptombeginn) im April 2020 eine Serokonversion nachweisen. Bei 24 von 31 Probanden (77,4 Prozent) war bis Februar 2021, also zehn Monate nach der Infektion, die Serokonversion immer noch nachweisbar. Sieben Patienten verloren die neutralisierenden Antikörper gegen SARS-CoV-2 innerhalb des Studienzeitraums von zehn Monaten, während einer – ein männlicher Patient mit leichten Symptomen – erst nach drei Monaten neutralisierende Antikörper entwickelte. 

Die Autoren resümieren, dass SARS-CoV-2-infizierte Personen über einen Zeitraum von zehn Monaten nach der Primärinfektion nachweislich neutralisierende Antikörper produzieren können. Die Befunde deuten auf eine lang anhaltende, vermutlich schützende humorale Immunantwort nach Wildtyp-Infektion hin.

Ähnliche Ergebnisse aus Wuhan

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch eine deutlich größere Studie von Zhenyu He und Kollegen vom National Clinical Research Center for Respiratory Diseases, China-Japan Friendship Hospital in Peking. In dieser Längsschnittstudie, die in »The Lancet« publiziert wurde, wurden zunächst zufällig ausgewählte Angehörige von 4600 Haushalten untersucht. Letztlich nahmen 3556 Familien mit 9542 Einzelpersonen an der Erstuntersuchung im April 2020 teil. Von diesen wurden 532 (5,6 Prozent) positiv für Pan-Immunglobuline gegen SARS-CoV-2 getestet. Das entspricht einer bereinigten Seroprävalenz von 6,92 Prozent in der Bevölkerung.

82,1 Prozent der Teilnehmer, bei denen Pan-Immunglobuline nachweisbar waren, waren asymptomatisch erkrankt. 13,0 Prozent produzierten zu Studienbeginn IgM-Antikörper, 15,8 Prozent wurden positiv für IgA-Antikörper getestet, 100 Prozent für IgG-Antikörper und 39,8 Prozent für neutralisierende Antikörper. Der Anteil der Personen mit Pan-Immunglobulinen und neutralisierenden Antikörpern blieb bei den beiden Nachuntersuchungen (die erste im Juni 2020 und die zweite von Oktober bis Dezember 2020) stabil. Allerdings waren die neutralisierenden Antikörpertiter bei asymptomatischen Personen niedriger als bei bestätigten Fällen und einem symptomatischen Krankheitsverlauf. Die ohnehin geringen Anteile von Personen mit nachweisbaren IgM- und Ig-A-Titern sanken bei den Nachfolgeuntersuchungen weiter. So fiel der Anteil der Probanden mit IgM-Antikörpern von 13 Prozent im April auf 3,9 Prozent im Juni und 1,5 Prozent im Oktober bis Dezember. 

Die Autoren dieser Studie heben positiv hervor, dass die Titer spezifischer Antikörper gegen SARS-CoV-2 über eine lange Zeit nahezu konstant blieben. Sie mahnen aber auch an, dass eine Massenimpfung erforderlich ist, um einen Herdenschutz zu bewirken, da überraschenderweise die bereinigten Seroprävalenz in der stark betroffenen Region um Wuhan bei nur 6,92 Prozent der Bevölkerung  lag.

Professor Dr. Christian Drosten, Virologe an der Charite in Berlin, kommentierte die Studie in dem NDR-Podcast »Coronavirus-Update« vom 27. April. Beim IgM sei es normal, dass es verschwindet. Diese Sofortantikörper verschwänden auch bei anderen Infektionskrankheiten nach etwa sechs Wochen wieder. Aber auch der Anteil der Menschen mit IgA-Antikörpern nehme mit der Zeit deutlich ab, was bedeute, dass der Schleimhautschutz schwächer werde, der für die Verhinderung von Infektionen wichtig ist. »Nach einem Dreivierteljahr hat gerade noch ein Viertel der damals IgA-positiven Patienten jetzt noch IgA nachweisbar. Gleichzeitig sinkt die Höhe des IgA«, sagte Drosten. »Beim IgG sehen wir das nicht. Da haben wir gesagt, wir sind immer noch bei 91 Prozent nach neun Monaten.« Ein Immunschutz bleibt also bestehen. 

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