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UKE-Studie

Antikörper gegen SARS-CoV-2 gute Option bei Risikopatienten

Die bisher kaum genutzten monoklonalen Antikörper, die in der frühen Phase einer Coronainfektion gegeben werden können, sind einer neuen Studie zufolge wirksam und gut verträglich. Auch zu Rekonvaleszenten-Plasma gibt es Neues.
Daniela Hüttemann
14.09.2021  16:30 Uhr

Über ihre klinischen Erfahrungen am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) berichten Ärztinnen und Ärzte in der aktuellen Ausgabe des »Epidemiologischen Bulletins«. Demnach bekamen zwischen Februar und Juni 45 ausgewählte SARS-CoV-2-infizierte Patientinnen und Patienten mit besonderen Risikofaktoren monoklonale Antikörper in der frühen Infektionsphase verabreicht, um sie vor einem schweren Verlauf zu bewahren. 35 Patienten erhielten intravenös Bamlanivimab (700 mg) und zehn die Kombination aus Casirivimab und Imdevimab (je 1200 mg). Die Anwendung erfolgte im Rahmen eines individuellen Heilversuchs, da bislang immer noch keines der im Januar eingekauften Präparate eine EU-Zulassung hat.

Das Durchschnittsalter der Patienten lag bei 58,4 Jahren. Alle hatten mindestens einen Risikofaktor für einen schweren Covid-19-Verlauf, darunter Alter, Immunsuppression, kardiovaskuläre Erkrankung, Krebs oder Diabetes. Die Verläufe wurden retrospektiv ausgewertet. Die Zahl komplizierter Verläufe und Todesfälle sei im Vergleich zu anderen hospitalisierten Patienten mit ähnlichen Komorbiditäten geringer gewesen. Die meisten der mit Antikörpern behandelten Patienten waren aufgrund anderer medizinischer Probleme über die zentrale Notaufnahme des UKE gekommen und die SARS-CoV-2-Infektion wurde erst durch das Routinescreening bei der Aufnahme entdeckt. Die Antikörpertherapie startete im Schnitt 1,7 Tage nach positivem Testergebnis.

Follow-up-Daten lagen für 39 der 45 Behandelten vor. Zwei hatten einen asymptomatischen Verlauf und 28 einen unkomplizierten. Vier Patienten mussten aufgrund von Covid-19 in stationäre Behandlung. Ein Patient befand sich bereits auf der Intensivstation und zwei weitere mussten im weiteren Verlauf dorthin verlegt werden, einer davon jedoch aufgrund eines elektiven Eingriffs. Drei Patienten verstarben trotz Antikörperbehandlung an Covid-19: ein vierjähriges adipöses Kind mit hoher Virämie, ein 64-Jähriger mit COPD und vorbestehender Sauerstofftherapie sowie ein kardiovaskulär vorerkrankter 95-Jähriger auf Normalstation.

Dabei wurde die einmalige Infusion der Antikörper als Kurzinfusion über eine Stunde allgemein gut vertragen. Es seien keine schweren, unerwünschten Wirkungen aufgetreten. Bei jedem dritten Patienten wurden Symptome wie Fieber und Schüttelfrost dokumentiert. »Diese konnten aber nicht von den durch eine SARS-CoV-2-Infektion verursachten Beschwerden differenziert werden«, so das UKE.

Die vom Bundesgesundheitsministerium eingekauften Antikörper werden über sogenannte Stern- und Satellitenapotheken verteilt. Die Lieferung erfolgt zunächst an die Sternapotheken, in der Regel von Universitätskliniken, und von dort aus an Krankenhäuser in der Region.

Limitiert ist der Antikörpereinsatz derzeit vor allem, weil er so früh in der Infektion und derzeit nicht überall erfolgen kann. »Die niedrige Anzahl an Einweisungen von niedergelassenen Fach- und Hausärztinnen/-ärzten zeigt aus unserer Sicht, dass diese Therapieoption in der frühen Phase der SARS-CoV-2-Infektion bei Patientinnen und Patienten mit Risikofaktoren möglicherweise noch nicht genügend bekannt ist«, so ein Fazit der Studienautoren. »Auch stellen sich infizierte Risikopatientinnen/-patienten möglicherweise gar nicht bei ihren Fach- und Hausärztinnen/-ärzten vor, solange keine Symptome auftreten, somit wird das für die Gabe der monoklonalen Antikörper sinnvolle Zeitfenster nicht genutzt.«

Genesenen-Plasma muss viele neutralisierende Antikörper haben

Neue  Ergebnisse gibt es auch zum Rekonvaleszenten-Plasma, also der Antikörpertherapie mit Blutplasma von genesenen Covid-19-Patienten. Zu ihrer Wirksamkeit und Verträglichkeit gibt es bereits verschiedene Studien. »Die Gesamtbetrachtung der bisher verfügbaren Ergebnisse zeigt, dass der hochdosierte Einsatz von Rekonvaleszenten-Plasma bei sehr früher Gabe wirksam sein kann, um bei vulnerablen Personen mit hohem Risiko die Entwicklung eines schweren Covid-19-Verlaufes zu verhindern«, teilt heute die Deutsche Gesellschaft für Transfusionsmedizin und Immunhämatologie (DGTI) mit. Entscheidend sei dabei, dass das verwendete Plasma eine sehr hohe Konzentration neutralisierender Antikörper enthält.

Neu sind Daten aus der prospektiven, kontrollierten und randomisierten CAPSID-Studie, die der DRK-Blutspendedienst Baden-Württemberg-Hessen koordiniert.  Die Ergebnisse wurden jetzt im »Journal of Clinical Investigation« veröffentlicht und sollen kommende Woche im Rahmen der DGTI-Jahrestagung vorgestellt werden. »In der CAPSID-Studie haben wir gesehen, dass das Standard-Rekonvaleszentenplasma bei Patientinnen und Patienten mit einem fortgeschrittenen Verlauf, also bei denjenigen, die bereits hospitalisiert sind und Atemunterstützung benötigen, nicht mehr wirksam ist«, so erläutert Professor Dr. Hubert Schrezenmeier, Erster Vorsitzender der DGTI.

Dennoch gebe es Signale für einen möglichen Nutzen von Rekonvaleszenten-Plasma auch bei Patienten mit schweren Verläufen, sofern durch das Plasma hohe Mengen neutralisierender Antikörper verabreicht werden. Patienten, die kumulativ eine höhere Menge solcher Antikörper erhalten hatten, zeigten schneller eine klinische Besserung. Im Schnitt konnten sie nach 21 Tagen aus dem Krankenhaus entlassen werden, im Gegensatz dazu waren es in der Kontrollgruppe 51 Tage. Die Überlebenswahrscheinlichkeit lag 60 Tage nach der Behandlung bei 91,6 Prozent versus 68,1 Prozent.

»Wir sehen in den Studienergebnissen, dass es bei der Behandlung mit Rekonvaleszentenplasma sehr stark auf die Konzentration der Antikörper im Plasma ankommt«, so Schrezenmeiers Fazit. Mittlerweile ließen sich Spender gezielter aussuchen, um ausreichend hoch dosiertes Plasma zu gewinnen.

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