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Assoziation

Antibiotika erhöhen Darmkrebsrisiko – ein bisschen

Schwedische Forscher haben anhand der Analyse von Registerdaten einen Zusammenhang zwischen Antibiotikagebrauch und Darmkrebs festgestellt. Der Risikoanstieg war jedoch gering und nur bei häufigem Antibiotikaeinsatz vorhanden.
Annette Rößler
09.09.2021  18:00 Uhr

Ein Problem beim systemischen Einsatz von Antibiotika ist bekanntlich, dass sie auch Bakterien töten, die für den Menschen nützlich sind. So wird etwa die Bakteriengemeinschaft im Darm unter Umständen so empfindlich gestört, dass schädliche Erreger wie Clostridioides difficile überhandnehmen, was schwere Durchfälle verursacht. Eine Studie von Forschern der Universität Umeå in Schweden zeigt jetzt, dass exzessiver Antibiotikaeinsatz auch langfristig nachteilig sein kann, weil er die Entstehung von Darmkrebs begünstigt. Dieser Zusammenhang hatte sich bereits in früheren Untersuchungen gezeigt.

Für ihre populationsbasierte Fallkontrollstudie konnte die Gruppe um Sai San Moon Lu Daten von 40.545 Darmkrebspatienten und 202.720 Kontrollpersonen ohne Krebsdiagnose aus ganz Schweden berücksichtigen. Erfasst wurde bei allen Teilnehmern, ob beziehungsweise wie lange sie im Studienzeitraum zwischen 2005 und 2016 Antibiotika verordnet bekommen hatten – wobei man davon ausging, dass sie sie dann auch eingenommen hatten – und bei den Krebspatienten zusätzlich Stadium und Lokalisation des Tumors.

Die Forscher waren sich bewusst, dass bei dieser Art von Analyse die Gefahr für eine systematische Verzerrung besteht. So wäre es theoretisch denkbar, dass eine bereits bestehende, aber noch nicht diagnostizierte Darmkrebserkrankung zu Symptomen führt, die eine Verordnung von Antibiotika nach sich ziehen. Um eine solche umgekehrte Kausalität auszuschließen, führten sie eine Sensitivitätsanalyse durch, bei der sie Antibiotikaverordnungen in den zwei Jahren unmittelbar vor der Krebsdiagnose ausschlossen. Und siehe da: Eine in den Rohdaten noch vorhandene positive Assoziation zwischen häufigem Antibiotikagebrauch und Darmkrebs verschwand daraufhin, wie das Team im »Journal of the National Cancer Institute« berichtet.

Weiterhin vorhanden war jedoch ein Zusammenhang zwischen Krebs im proximalen Kolon, also im rechtsseitigen, oberen Dickdarm: Bei Personen, die im Untersuchungszeitraum (ohne die letzten zwei Jahre) insgesamt über mehr als sechs Monate Antibiotika eingenommen hatten, war das Erkrankungsrisiko verglichen mit Personen, die überhaupt keine Antibiotika eingenommen hatten, um 17 Prozent erhöht. Betroffene Wirkstoffklassen waren Chinolone, Sulfonamide und Trimethoprim. Vor allem bei Frauen war dagegen das Risiko, ein Rektumkarzinom zu entwickeln, bei häufigem Gebrauch von antibiotischen Wirkstoffen aller Klassen etwas reduziert.

Erklärungen und Einordnung

Die Autoren werten ihre Ergebnisse als Beleg dafür, dass eine ausgedehnte Antibiotikaeinnahme tatsächlich über die Beschädigung des Darmmikrobioms zur Krebsentstehung beitragen könne. Hierfür spreche das beobachtete erhöhte Risiko im proximalen Teil des Kolons, wo die Bakteriendichte deutlich höher sei als im distalen Kolon und im Rektum. Normalerweise ist Krebs im linken, hinteren Teil des Kolons und im Rektum häufiger als im rechten. Untermauert wird die These der Dysbiose als Krebsauslöser auch von einer weiteren Analyse, die die Forscher vornahmen: Bei Personen, die aufgrund häufiger Harnwegsinfekte den in Deutschland nicht gebräuchlichen Wirkstoff Methenamin einnahmen, der zwar harnwegsdesinfizierend, aber nicht antibiotisch wirkt, war kein erhöhtes Darmkrebsrisiko feststellbar.

Als Erklärung dafür, dass vor allem Frauen bei häufigem Antibiotikagebrauch seltener ein Rektumkarzinom entwickelten, vermuten die Forscher eine mögliche Besiedelung dieses Darmabschnitts mit Chlamydien. Diese sexuell übertragbare Harnwegsinfektion könne bei Frauen aufgrund der anatomischen Nähe häufiger als bei Männern auf das Rektum übergreifen. Chlamydien hätten ein malignes Potenzial und könnten im Rektum persistieren – wenn sie nicht durch Antibiotika beseitigt würden.

Alles in allem sollte diese Studie Patienten, die aus gutem Grund ein Antibiotikum verordnet bekommen, jedoch nicht davon abhalten, es auch anzuwenden. »Es gibt absolut keinen Anlass zur Besorgnis, bloß weil man ein Antibiotikum eingenommen hat«, betont Seniorautorin Dr. Sophia Harlid in einer Mitteilung der Universität. Der Risikoanstieg sei gering und das absolute Risiko des Einzelnen werde nur wenig beeinflusst. Im Rahmen des Darmkrebsscreenings könnten zudem Tumoren früh entdeckt und möglicherweise bereits im Vorstadium entfernt werden.

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