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Neue Regeln

Angabe der Dosierung auf Rezept wird Pflicht – droht die Retaxfalle?

Künftig sind Ärzte dazu verpflichtet, auf dem Rezept konkrete Angaben zur Dosierung zu machen. In der Testphase klappt dies aber noch nicht richtig: Apotheker berichten über hohe Fehlerquoten. 
Ev Tebroke
29.10.2020  15:30 Uhr

Ab 1. November müssen Ärzte bei der Verschreibung von Fertigarzneimitteln stets die Dosierung auf dem Rezept vermerken. Das gilt auch für Betäubungsmittelrezepte. Damit findet eine langjährige Forderung der Apotheker praktische Anwendung. Vorgabe ist die 18. Änderung der Arzneimittelverschreibungsverordnung (AMVV). Der Oktober war vom Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) als Probemonat vorgesehen, um zu schauen, wie die Umsetzung der neuen Regelungen funktioniert. Aber aller Anfang ist schwer: Die Apotheker berichten über etliche Probleme, etwa fehlerhafte Medikation oder Dosierangaben, die therapeutisch keinen Sinn machen. Insgesamt ist demnach bislang rund ein Drittel aller Rezepte fehlerhaft.

Nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) enthalten die Praxisverwaltungssysteme (PVS) seit Anfang Oktober ein entsprechendes Update, sodass die Verordnungssysteme die neuen Angaben unterstützen. Der GKV-Spitzenverband hatte die Apotheken über die »Testphase« informiert. Und es sei zu erwarten, dass spätestens ab dem 1. November sämtliche Arzneimittelverordnungen auch Dosierungsangaben enthalten. Fakt ist, mit Inkrafttreten der Verordnung wird scharfgestellt: Bei fehlenden Angaben auf dem abgerechneten Rezept dürfen die Kassen retaxieren. Die Apotheker müssen die Rezepte also stets auf Vollständigkeit der Angaben prüfen und die Dosierung gegebenenfalls nach Rücksprache mit dem Arzt ergänzen.

Die KBV hat die Ärzte in einer Praxisnachricht vom 22. Oktober auf das entsprechende Software-Update hingewiesen. »Der Anforderungskatalog für Verordnungssoftware ist bereits seit dem 1. Oktober um eine entsprechende Funktion ergänzt, damit die neue Vorgabe von der Software rechtzeitig und fehlerfrei unterstützt wird. Rückfragen seitens der Apotheken an die Arztpraxis sollen auf diesem Weg möglichst vermieden werden«, heißt es. Doch bislang sieht der Apothekenalltag noch anders aus und es sind viele Rückfragen nötig.

Becker: »Kein Vorwand für Retaxierungen«

»Der Oktober war für die Arztpraxen ein Testmonat«, so der Vorsitzende des Deutschen Apothekerverbandes (DAV), Fritz Becker. Die Apotheker hätten gesehen, dass es hier und da noch Schwierigkeiten mit der Software und der korrekten Bedruckung von Rezepten gibt. Das sei nicht ungewöhnlich bei solchen Umstellungen. »Resultierende Formfehler auf Rezepten dürfen den Krankenkassen aber nicht als Vorwand dienen, Rezepte zu retaxieren und den Apotheken die Vergütung vorzuenthalten«, betonte er.

Grundsätzlich begrüßen es die Apotheker, dass nun ihre langjährig gehegte Forderung rechtlich umgesetzt ist: »Die Angabe der Dosierung auf dem Rezept kann eine kritische Informationslücke zwischen Arzt, Patient und Apotheke schließen und somit die Arzneimitteltherapie maßgeblich verbessern«, so Becker. »Dosierungsfehler sowie dadurch hervorgerufene Risiken lassen sich reduzieren, indem ein mögliches Wissensdefizit des Patienten direkt im Gespräch in der Apotheke behoben wird. Mit der verpflichtenden Dosierungsangabe auf dem Rezept hat der Gesetzgeber eine langjährige Forderung der Apothekerschaft und des Sachverständigenausschusses für Verschreibungspflicht aufgegriffen.«

Folgende Angaben sind künftig Pflicht

Bei Fertigarzneimitteln muss hinter dem verordneten Produkt das Kürzel: ≫0-0-1≪ in der Verordnungzeile aufgedruckt sein.

Beispiel: Ramipril XYZ-Pharma 2,5 mg 20 Tbl. N1 PZN01234567 ≫0-0-1≪

Haben Patienten einen Medikationsplan oder eine schriftliche Dosierungsanweisung an die Hand bekommen, entfällt zwar die Dosierungsangabe. Der Arzt muss aber auf der Verordnung notieren, dass dem Patienten eine solche Anweisung vorliegt. Dafür gibt es das neue Kürzel Dj (Dosierungsanweisung ja), das automatisch auf dem Rezept erscheint, wenn der Arzt diese Option am PC wählt.

Beispiel: Ramipril xyz-Pharma 2,5 mg 20 Tbl. N1 PZN 01234567 ≫ Dj ≪

Bei der Verordnung von Betäubungsmitteln ist nach wie vor die Angabe einer Gebrauchsanweisung mit Einzel- und Tagesgabe verpflichtend notwendig. Im Falle, dass dem Patienten eine schriftliche Gebrauchsanweisung übergeben wurde, erfolgt der Hinweis ≫gemäß schriftlicher Anweisung≪.

Beispiel Angabe der Dosierung:

Oxycodon – xyz-Pharma 20 mg Retardtbl. 20 St. N1 PZN01234567 ≫2 x tägl. (morgens und abends) 1 Tablette≪

Angabe, dass eine schriftliche Dosierungsanweisung vorliegt:

Fentanyl - xyz-Pharma 12µg/h 5 Matrixpfl. 2,89 mg N1 PZN01234567 ≫gemäß schriftlicher Anweisung≪

Auch die Kennzeichnungspflicht bei Rezepturen wird entsprechend an die neuen Vorgaben angepasst. Dies geht mit der Verordnung zur AMVV-Änderung einher, die am 21.Oktober 2020 mit Verkündung im Bundesgesetzblatt in Kraft getreten ist. Die Angabe der Gebrauchsanweisung ist demnach nur erforderlich, sofern die Arzneimittel nicht an den verschreibenden Arzt abgeben werden.

»Heilung« in vielen Fällen möglich

Bislang ist bei fehlenden Angaben auf dem Rezept in der Regel eine Rücksprache mit dem Arzt erforderlich. Wenn dies nicht möglich ist, darf der Apotheker das Rezept nicht bedienen, der Patient muss warten. Mit der Neuregelung zum 1. November darf der Apotheker in dringenden Fällen folgende fehlende Angaben auf dem Rezept ergänzen: das Geburtsdatum der Person, für die das Arzneimittel bestimmt ist; das Datum der Ausfertigung; die Darreichungsform, sofern die Bezeichnung des Fertigarzneimittels, des Wirkstoffs oder des in der Apotheke hergestellten Arzneimittels nicht eindeutig ist; die Angaben zur Gebrauchsanweisung bei in der Apotheke hergestellten Arzneimitteln; die Angaben zur Dosierung.

Auch in nicht dringenden Fällen dürfen Apotheker Rezepte auch ohne ärztliche Rücksprache »heilen«, wenn ihnen die fehlenden Angaben zweifelsfrei bekannt sind. Dies betrifft den Vornamen der verschreibenden Person oder deren Telefonnummer zur Kontaktaufnahme; den Hinweis in der Verschreibung auf einen Medikationsplan, der das verschriebene Arzneimittel umfasst; oder den Hinweis auf eine schriftliche Dosierungsanweisung.

 

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