Pharmazeutische Zeitung online
Trendforschung

Anders leben nach Corona?

Der Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx gründete 1998 das »Zukunftsinstitut« mit Sitz in Frankfurt und Wien. In einem Essay geht er der Frage nach, wie die Welt vor dem Hintergrund der Coronavirus-Krise im kommenden Herbst aussehen könnte.
Jennifer Evans
25.04.2020  08:00 Uhr

Für seine Prognosen nutzt Matthias Horx die Methode der Rückschau oder Re-Gnose, wie er sie nennt. Anders als bei der Pro-Gnose schaut man mit dieser Technik nicht in die Zukunft, sondern von der Zukunft aus zurück ins Heute. Auf diese Weise lassen sich seiner Auffassung nach nicht nur äußere Geschehnisse, sondern auch die innere Adaption auf eine veränderte Welt am besten antizipieren.

Horx geht unter anderem davon aus, dass der jetzige Verzicht auf soziale Kontakte nur selten zu Vereinsamung geführt haben wird. Im Gegenteil: Nach dem ersten Schock über den Shutdown hätten viele Menschen es sogar als Erleichterung empfunden, dass ihr Rennen, Reden und Kommunizieren auf multiplen Kanälen plötzlich zu einem Halt gekommen sei. »Verzichte müssen nicht unbedingt Verluste bedeuten, sondern können sogar neue Möglichkeitsräume eröffnen«, so Horx. Beispielweise neue Begegnungen mit Menschen, einen intensiveren Kontakt zu alten Freunden sowie engere Bindungen zu Familie, Nachbarn und Bekannten. Sogar lang anhaltende, zwischenmenschliche  Konflikte könnten sich durch die neue Qualität der Kontakte gelöst haben, bemerkt er.

Eine entscheidende Erkenntnis der Krise wird nach Ansicht des Trend- und Zukunftsforschers auch sein, wie sehr sich die »Kulturtechniken des Digitalen in der Praxis bewährten«. Damit meint er, dass sich Tele- und Videokonferenzen  plötzlich als praktikabel und produktiv herausstellen und in Zukunft womöglich nicht immer ein Business-Flug für den geschäftlichen Austausch nötig ist. Zudem wird die Arbeit im Homeoffice das  Improvisationstalent jedes Einzelnen etwa in puncto Zeitmanagement trainiert haben.

Renaissance alter Kulturtechniken

Während jetzt zu Pandemie-Zeiten die Technik ihren großen Auftritt feiert, erleben aber auch »veraltete Kulturtechniken eine Renaissance«, ist Horx überzeugt. Anstelle von Anrufbeantwortern nehmen wieder reale Menschen den Hörer ab und man spricht miteinander. Nach seiner Ansicht wird durch die Krise eine neue Kultur der Erreichbarkeit und Verbindlichkeit entstanden sein. Auch Spaziergänge und Bücherlesen werden im Herbst 2020 einen neuen Kult erfahren haben, während die Beliebtheit von TV-Serien mit zum Beispiel eher brutalen Inhalten an Wert abgenommen haben werden. Krisen wirkten, indem sie alte Phänomene auflösten und überflüssig machten.

Auch wenn uns das Virus weiter begleitet: Schon jetzt haben wir die Veränderung der sozialen Verhaltensformen, die sogenannte human-soziale Intelligenz, als entscheidend wahrgenommen. Eine weniger nachhaltige Auswirkung auf die Gesellschaft wird  in der Rückschau hingegen die »vielgepriesene Künstliche Intelligenz« haben, ist der Autor überzeugt. In seinen Augen wird im Herbst 2020 der große Technik-Hype vorbei sein, Technologie nicht mehr als Allheilmittel gefeiert werden. Stattdessen wird die Aufmerksamkeit verstärkt auf humanen Fragen liegen: Was ist der Mensch? Was sind wir füreinander? Das Verhältnis zwischen Technologie und Kultur wird sich verschoben haben.

Mehr ortsnahe Produktion

Wundern werden wir uns darüber, dass die Wirtschaft trotz anderer Prognosen nie an einen Nullpunkt kam. Fast so, als wäre »Wirtschaft ein atmendes Wesen, das auch dösen oder schlafen und sogar träumen kann«. Überholt haben wird sich allerdings die globale Produktion mit ihren riesigen verzweigten Wertschöpfungsketten. Statt Just-in-Time-Produktion wird es wieder mehr Zwischenlager, Depots und Reserven geben. »Ortsnahe Produktionen boomen, Netzwerke werden lokalisiert, das Handwerk erlebt eine Renaissance. Das Global-System driftet in Richtung Glokalisierung: Lokalisierung des Globalen«, schreibt Horx. Im Nach-Corona-Alltag rücken ihm zufolge auch Themen wie Vermögen und Vermögensverluste stärker als jetzt in den Hintergrund. Wichtiger werden dann gute Nachbarn sein.

Neue Glaubwürdigkeit und Legitimität wird die Politik erfahren haben. Gerade weil sie während der Krise so autoritär handeln musste, habe sie Vertrauen geschaffen. Auch die Wissenschaft wird als Gewinner aus der Krise hervorgegangen sein: Virologen und Epidemiologen sind heute Medienstars. Und die Stimmen von Philosophen, Soziologen, Psychologen und Anthropologen, die vorher eher am Rand der polarisierten Debatten standen, hätten an Bedeutung zugenommen.

Bruch mit Routinen

Horx geht davon aus, dass das Virus unser Leben in eine neue Richtung verändern wird. Er spricht von einem Zukunftssprung, der durch Coping, also unsere erworbenen Bewältigungsstrategien, gelungen ist. »Aus einem massiven Kontrollverlust wird plötzlich ein regelrechter Rausch des Positiven. Nach einer Zeit der Fassungslosigkeit und Angst entsteht eine innere Kraft.« Neurobiologisch werde dabei das Angst-Adrenalin durch Dopamin ersetzt. Während uns das Hormon Adrenalin auf Flucht oder Kampf vorbereite, öffne Dopamin unsere Hirnsynapsen und fördere Neugier und Tatendrang. Ein Wandel beginnt demnach, wenn sich das Muster von Erwartungen und Wahrnehmungen ohne Angst verändert. Dabei sei es manchmal gerade der Bruch mit Routinen, der »unseren Zukunftssinn wieder freisetzt« und die Gewissheit, dass alles ganz anders sein könnte – auch besser.

Die Unterbrechung der Konnektivität durch Grenzschließung, Separation, Abschottung oder Quarantäne beendet mit Blick auf die Zukunft nicht die globalen Verbindungen, sondern organisiert diese neu, ist Horx sicher. »Die kommende Welt wird Distanz wieder schätzen und gerade dadurch Verbundenheit qualitativer gestalten.« Eine neue Balance zwischen Autonomie und Abhängigkeit werde die Welt komplexer und zugleich stabiler machen. Weil das eine scheitert, setzt sich das Überlebensfähige durch – wie in einem unsichtbaren evolutionären Prozess.

Zuletzt weist Horx darauf hin, dass jede tiefe Krise eine sogenannte Story hinterlässt, etwa die musizierenden Italiener auf den Balkonen oder Satellitenbilder, die die riesigen Industriegebiete Chinas frei von Smog zeigen. Erstmals wird 2020 der CO2-Ausstoß fallen.

Die weltweite Krise durch das Coronavirus zeige etwas sehr deutlich, so der Trendforscher: »Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt.« 

Mehr von Avoxa