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Ambivalente Daten zu Remdesivir

Hilft es oder hilft es nicht? Eine neue Studie mit dem Virostatikum Remdesivir (Veklury®) bei Covid-19 wirft mehr Fragen auf als sie beantwortet.
Annette Rößler
25.08.2020  13:30 Uhr

Remdesivir (Veklury®) ist einer von wenigen Arzneistoffen, die in Studien eine Wirksamkeit bei Covid-19 gezeigt haben, und der einzige, der in Europa bislang explizit in dieser Indikation zugelassen ist. Ausschlaggebend für die Zulassung waren vor allem die Ergebnisse der US-amerikanischen ACTT-1-Studie, in der die Gabe von Remdesivir die Krankheitsdauer von Covid-19-Patienten, die beatmet werden mussten, von 15 auf 11 um vier Tage verkürzte. Im Interview mit der PZ kündigte Dr. Karsten Kissel, Executive Director, Medical Affairs Germany beim Remdesivir-Hersteller Gilead, kürzlich an, dass weitere Fragestellungen bezüglich des Einsatzes des Wirkstoffs bei Covid-19 in Studien untersucht würden.

Eine davon lautet: Wirkt Remdesivir auch bei Patienten mit moderater Krankheitsschwere? Sie sollte eine Studie beantworten, die nun im Fachjournal »JAMA« erschienen ist (DOI: 10.1001/jama.2020.16349). Eine klare Aussage ist jedoch aufgrund des ambivalenten Ergebnisses der Untersuchung nicht möglich.

An der Studie nahmen 595 Patienten teil, die zwischen dem 15. März und dem 18. April 2020 in einem von 105 Krankenhäusern in den USA, Europa und Asien aufgrund von Covid-19 behandelt wurden. Die Patienten hatten eine Pneumonie und radiologisch bestätigte Lungeninfiltrate, kamen aber noch ohne mechanische Atemunterstützung oder Sauerstoffgabe aus. Im Verhältnis 1:1:1 wurden sie randomisiert einer von drei Behandlungsgruppen zugeteilt: Remdesivir über zehn Tage, Remdesivir über fünf Tage oder Standardbehandlung. Aus dem bemerkenswerten Grund, dass nicht genügend Glasfläschchen mit Placebo bereitgestellt werden konnten, war die Studie nicht verblindet.

An Tag 11 wurde der klinische Status der Patienten anhand einer Skala von 1 (Tod) bis 7 (Entlassung) bestimmt. Verglichen mit der Standardbehandlungsgruppe hatten Patienten im Fünf-Tage-Remdesivir-Arm mit größerer Wahrscheinlichkeit einen besseren klinischen Status (Odds Ratio 1,65). Zwischen dem Zehn-Tage-Remdesivir-Arm und der Standardbehandlungsgruppe bestand dagegen kein statistisch signifikanter Unterschied. Das ist insofern interessant, als die Patienten in diesem Studienarm Remdesivir de facto gar nicht wie vorgesehen zehn Tage lang erhielten, sondern median nur sechs Tage lang. Im Fünf-Tage-Remdesivir-Arm betrug die tatsächliche Behandlungsdauer median fünf Tage, war also nur einen Tag kürzer. Bezüglich der Sterblichkeit gab es keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen; sie lag in der Fünf-Tage-Remdesivir-Gruppe bei 1 Prozent und in den beiden anderen Gruppen jeweils bei 2 Prozent.

Bedeutung für die Praxis unklar

Die Autoren um Privatdozent Dr. Christoph Spinner von der TU München stellen ernüchtert fest: Die Bedeutung dieser Beobachtungen für die klinische Praxis sei unklar. Zu derselben Einschätzung gelangen die Apothekerin Dr. Erin McCreary und der Intensivmediziner Dr. Derek Angus von der University of Pittsburgh in einem begleitenden Editorial (DOI: 10.1001/jama.2020.16337).

Zur Wirksamkeit von Remdesivir gebe es mittlerweile mehrere Studien mit jeweils unterschiedlichem Design und verschiedenen Patientenpopulationen. Es sei zu hinterfragen, ob die punktuelle Erhebung des klinischen Status an Tag 11 ein geeigneter Parameter sei, um die Wirksamkeit zu beurteilen. Auch sei umstritten, ob die verwendete Skala eine aussagekräftige Abschätzung des klinischen Zustands des Patienten erlaubt.

Zudem verdiene die Komedikation, die Patienten zusätzlich zu Remdesivir in den Studien erhalten hätten, eine genauere Betrachtung. Der Behandlungszeitraum der aktuell publizierte Studie lag zwischen März und April, in einer Zeit also, als Hydroxychloroquin aufgrund einer vermuteten Wirksamkeit bei Covid-19 noch häufig eingesetzt wurde. Das hat sich seitdem deutlich geändert.

Dexamethason dagegen, das sich mittlerweile als effektiv in bestimmten Fällen erwiesen hat, wurde damals wegen befürchteter negativer Effekte auf die Immunantwort womöglich noch zurückhaltend eingesetzt. Ob Remdesivir, das sowohl deutlich teurer ist als Dexamethason als auch schwieriger herzustellen, eine Wirksamkeit hat, die über die von Corticosteroiden hinausgeht, solle daher dringend in weiteren Studien untersucht werden.

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