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Familiäre Demenz

Alzheimer-Antikörper enttäuschen auch bei frühzeitigem Einsatz

Die beiden rekombinanten Antikörper Gantenerumab und Solanezumab, die die Akkumulation von ß-Amyloid stoppen sollen, zeigen in einer klinischen Phase-II/III-Studie keine hinreichende Wirksamkeit bei Patienten mit einer dominant vererbten Alzheimer-Krankheit (DIAD).
Theo Dingermann
21.06.2021  18:00 Uhr

DIAD ist eine seltene Form der Alzheimer-Krankheit. Die Betroffenen tragen Gene, die sie für die Krankheit prädisponieren. Letztlich entwickeln weniger als 1 Prozent derjenigen mit dieser Prädisposition auch die Alzheimer-Krankheit. Da die Erkrankung bei diesen Menschen meist sehr früh einsetzt und viele Patienten ihr Risiko kennen, wäre für sie eine wirksame medikamentöse Therapie besonders wichtig.

Große Hoffnungen wurden auf die beiden rekombinanten Antikörper Gantenerumab und Solanezumab gelegt. Zwar war in anderen Studien bereits gezeigt worden, dass sich mit diesen Antikörpern die Krankheit nicht nachhaltig aufhalten lässt. In diese Studien waren jedoch keine DIAD-Patienten eingeschlossen gewesen. Leider muss nun ernüchternd zur Kenntnis genommen werden, dass auch DIAD-Patienten nicht von einer Intervention mit den beiden Antikörpern profitieren. Dies ist das Resümee der Auswertung einer klinischen Phase II/III-Studie, deren Resultate jetzt von Stephen Salloway und Kollegen der »Dominantly Inherited Alzheimer Network–Trials Unit« in »Nature Medicine« prominent publiziert wurden. Dieses Konsortium hatte 2008 eine Beobachtungsstudie (DIAN-OBS) zu DIAD initiiert.

Da Veränderungen im Spektrum relevanter Biomarker, darunter Ablagerungen von Amyloid-Plaques und Tau-Veränderungen, mindestens zwei Jahrzehnte unbemerkt bleiben, weil klinische Symptome erst sehr stark verzögert auftreten, könnte die klinische Untersuchung der beiden Antikörper gerade bei Personen mit DIAD sehr attraktiv sein. Denn wegen der bekannten genetischen Risiken und der relativ guten Möglichkeit, das zeitliche Auftreten der Krankheit bei diesen Patienten gut vorhersagen zu können, bieten sich DIAD-Patienten an, mit einer medikamentösen Intervention bereits sehr früh zu beginnen.

Langlaufende Beobachtungsstudie

Zu diesem Zweck wurden insgesamt 144 Personen mit DIAD, die noch keinerlei Krankheitssymptome zeigten, entweder mit Gantenerumab, Solanezumab oder mit einem Placebo behandelt und über vier bis sieben Jahre beobachtet. Als primärer Endpunkt waren kognitive Parameter festgelegt worden. Als sekundäre Endpunkte wurden Änderungen im Spektrum von klinischen, kognitiven, bildgebenden und biochemischen Biomarkern definiert.

Jeweils 52 Patienten wurden entweder mit Gantenerumab oder mit Solanezumab behandelt; 40 Patienten erhielten ein Placebo. Keiner der beiden Antikörper zeigte einen positiven Effekt auf die kognitiven Parameter im Vergleich zu den Kontrollen. Zwar konnte bei einigen Patienten, die mit Solanezumab behandelte wurden, ein leichter positiver kognitiver Trend beobachtet werden. Allerdings ließ sich dieser Trend durch das Monitoring der nachgeschalteten Biomarker nicht bestätigen.

Beim Einsatz von Gantenerumab beobachteten die Studienautoren einen signifikanten Rückgang an Amyloid-Plaques. Auch nahm die Menge an Tau- und Phospho-Tau181-Protein im Liquor ab. Amyloid-bezogene Anomalien wie Ödeme, die sich durch bildgebende Verfahren darstellen lassen, wurden bei 19,2 Prozent in der Gantenerumab-Gruppe, 2,5 Prozent in der Placebo-Gruppe und null Prozent in der Solanezumab-Gruppe detektiert. Diese Daten sind allerdings wegen der kleinen Patientenzahlen mit Vorsicht zu interpretieren. Denn weder Gantenerumab noch Solanezumab verlangsamten den kognitiven Verfall bei symptomatischen DIAD-Patienten.

Noch zu früh für ein abschließendes Urteil

Zwar war die Studie nicht ausgelegt, um statistisch signifikante Subgruppenunterschiede zu detektieren. Dennoch ließ sich durch explorative Analysen andeuten, dass höhere Dosen in einem früheren Krankheitsstadium sich potenziell positiv auf den Verlauf der Krankheit auswirken könnten.

Ernüchternd mussten die Studienautoren feststellen, dass keines der beiden Medikamente in der Lage war, den Krankheitsverlauf im Vergleich zu Placebo signifikant zu verlangsamen oder zu verhindern. Die Autoren weisen allerdings darauf hin, dass auch durch diese Studie eine endgültige Bewertung von Gantenerumab noch nicht möglich ist. Denn da auch die Patienten in der asymptomatischen Placebogruppe kaum kognitive Einbußen zeigten, könnten Biomarker bei den Patienten, die mit Gantenerumab behandelt wurden, andeuten, dass eine früher beginnende Behandlung DIAD-Patienten nutzen könnte.

Aus diesem Grund resümieren die Autoren der Studie, dass es weiterer verbesserter und empfindlicherer Methoden zur Messung kognitiver Parameter bei asymptomatischen Patienten bedarf, um das Potenzial von Gantenerumab wirklich einschätzen zu können. Zudem sollte in Erwägung gezogen werden, eine höhere Dosis über einen längeren Zeitraum einzusetzen.

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