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Arzneimittelanamnese

Als Apotheker in der Anästhesie-Ambulanz

Wenn Patienten zu geplanten Eingriffen ins Krankenhaus müssen, haben sie in der Regel ein Vorgespräch mit der Anästhesie und der Chirurgie – am LMU-Klinikum München seit drei Jahren auch mit einem Apotheker. Die pharmazeutische Arzneimittelanamnese hat die Patientensicherheit dort deutlich verbessert.
Daniela Hüttemann
25.11.2021  12:30 Uhr

Operateur und Anästhesist müssen wissen, welche Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel ein Patient einnimmt, um die OP möglichst sicher zu gestalten. Und auch generell brauchen Krankenhausärzte genaue Informationen, was ein Patient bereits einnimmt, um die Medikation sicher umzustellen. Daher spielt die Arzneimittelanamnese bei der Aufnahme des Patienten eine wichtige Rolle.

Bereits 2004 beschrieb die klinische Pharmazeutin Anne Bobb vom Northwestern Memorial Hospital in Chicago mit ihrem Team, dass eine fehlerhafte Arzneimittelanamnese eine Hauptursache für Verordnungsfehler im Krankenhaus sei, erklärte die Krankenhausapothekerin Dr. Daniela Huttner vom Uniklinikum der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München in einem gemeinsamen Vortrag mit Oberarzt und Qualitätsmanagement-Beauftragtem Dr. Markus Giehl bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für klinische Pharmazie (DGkPha). Auch das Aktionsbündnis Patientensicherheit habe eine strukturierte Arzneimittelanamnese als Voraussetzung für die AMTS im Krankenhaus bereits 2014 beschrieben.

Doch im Krankenhausalltag fehlt Ärzten und Pflegepersonal oft die nötige Zeit für ein ausführliches Anamnesegespräch. »Arzneimittelbezogene Probleme (ABP) werden nicht immer erkannt, während Apotheker speziell darauf achten und auch direkt Lösungsvorschläge machen können, zum Beispiel Hinweise zum Absetzen bestimmter Medikamente geben«, so Huttner. Für mehr Patientensicherheit und zur Entlastung von Pflege und Ärzten entschloss man sich daher 2018 am Münchener Uniklinikum, eine volle Apothekerstelle für genau diese Aufgabe in der Anästhesie-Ambulanz zu schaffen. Diese teilen sich täglich zwei Apotheker in zwei Schichten, darunter auch Huttner.

Sie erklärte das Vorgehen: Kommt ein Patient zum Vorgespräch für seinen geplanten Eingriff, füllt er zunächst einen allgemeinen Fragebogen aus, den die medizinischen Fachangestellten (MFA) überprüfen. Statt wie früher dort schon nachzufragen, welche Medikamente ein Patient nimmt (mit wenig Platz zum Ausfüllen), wird nun einfach mit einer Ja-Nein-Frage geprüft, ob ein Patient ein Medikament nimmt. Falls ja, schicken die MFA den Patienten zuerst zum Apotheker, der ein Büro in räumlicher Nähe hat.

Keine Arzneimittel angegeben? Besser genau nachfragen

»Und selbst wenn nein angekreuzt wurde, fragt die MFA noch einmal nach, vor allem, wenn Vorerkrankungen angegeben werden«, berichtete Anästhesist Giehl. Denn manchen Patienten falle erst bei weiterem Nachdenken ein, dass sie doch dies und das einnehmen. »Manchmal kommen dabei dann noch zehn Medikamente heraus.« Umgekehrt geben manche Patienten viele Arzneimittel, aber keine Vorerkrankungen an. »Auch dann werden wir stutzig und haken nach«, so der Mediziner.

Der Krankenhausapotheker geht gezielt anhand eines digitalen Fragebogens durch, welche ärztlich verordneten sowie selbst gekauften Präparate der Patient wann und wie einnimmt. »Wir achten dabei auch auf Phytopharmaka, Nahrungsergänzungsmittel und andere OTC-Präparate, da es durchaus Interaktionsprobleme geben kann oder diese Einfluss auf die Blutgerinnung nehmen können«, erklärte Huttner mit Blick beispielsweise auf Ginkgo oder ASS. »Wir prüfen dann die gesamten Angaben auf Plausibilität, Interaktionen, nötige Dosisanpassungen, wenn bereits Laborwerte zur Nierenfunktion vorliegen, sowie mögliche Allergien und perioperative Risiken. Außerdem versuchen wir herauszufinden, wie es um die Adhärenz steht.« Die meisten Menschen seien hier offen und ehrlich aus Angst vor den OP-Risiken. Auf vorliegende Medikationspläne verlasse sich Huttner dagegen nicht. Diese seien nur selten vollständig.

Der Apotheker gibt alle Daten ins Computersystem ein, die von der Software der Anästhesie (Narkodata) übernommen werden können. Dann erst geht der Patient in das anästhesiologische Aufklärungsgespräch und es folgen gegebenenfalls Untersuchungen wie EKG und Blutabnahme. 

Genaue Absprachen und klinikinterne Listen

Ärzte und Apotheker der Anästhesie-Ambulanz haben gemeinsam festgelegt, welche Interaktions-Datenbanken genutzt werden sollen und bei welchen Wechselwirkungen der Apotheker dem Arzt Bescheid gibt. Zudem haben die Krankenhausapotheker viel Recherche-Arbeit rund um das perioperative Absetzen bestimmter Medikamente geleistet und entsprechende Empfehlungen gemäß der aktuellen Fachliteratur und Fachinformationen erstellt. So empfiehlt die klinikinterne Liste zum Beispiel, Ginkgo aufgrund der Blutungsgefahr vorzugsweise fünf bis sieben Tage vor der OP, spätestens aber 36 Stunden vorher abzusetzen. Letztlich entscheidet dies dann der Anästhesist.

Es gebe bereits unter anderem hausinterne Listen zu Phytopharmaka und Nahrungsergänzungsmitteln, so Apothekerin Huttner. In Arbeit seien weitere, zum Beispiel zu Tyrosinkinase-Inhibitoren (die die Wundheilung stören können) und zu Antidiabetika.

Zwischen 4 und 70 Minuten für die Arzneimittelanamnese

Die Anästhesie-Ambulanz sehe etwa 10.000 bis 15.000 Patienten pro Jahr, erläuterte Oberarzt Giehl, etwa 50 bis 70 pro Tag. Davon wurden bislang 25 bis 30 Prozent von einem Apotheker befragt, also mehr als 3000 pharmazeutische Anamnesen pro Jahr durchgeführt – »das ist eine sehr große Hilfe«, betonte der Anästhesist. Vom Säugling bis zu Menschen im hohen Alter sei alles dabei; der Durchschnitt liege bei 63 Jahren.

Die Anzahl der eingenommenen Medikamente der Patienten mit pharmazeutischem Anamnesegespräch lag im Schnitt bei sechs, doch auch hier war die Spannweite groß (1 bis 31 Arzneimittel) – »in solcher Tiefe haben wir Anästhesisten überhaupt keine Zeit dazu«, gab Giehl zu. Entsprechend der Komplexizität der Medikation dauerten auch die Gespräche kurz oder lang: zwischen vier und 70 Minuten. Im Schnitt waren es zwölf. 

Die mit Abstand am häufigsten identifizierten ABP waren Interaktionen, gefolgt vom perioperativem Management und einem Erreichen oder Überschreiten der maximalen Tagesdosis. Giehl: »Pro Patient bekommen wir im Schnitt einen Hinweis auf ein ABP vom Apotheker.«

»Wir sind wirklich sehr froh, die Apotheker mit an Bord zu haben«, so das Fazit nach 3,5 Jahren interprofessioneller Zusammenarbeit. Die AMTS und die Risikobewertung für die OP hätten sich deutlich verbessert. Es sei eine wirklich sinnvoll investierte Stelle.

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