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Schwerer Covid-19-Verlauf

Alarmzeichen Nierenentzündung

Ein einfacher Urintest und die Bestimmung von zwei Blutwerten könnten helfen, schon früh Warnzeichen für einen bevorstehenden schweren Verlauf der Covid-19 Erkrankung zu erkennen. Tage bevor Lunge und andere Organe schwer versagen, könnte dann bereits mit der Behandlung drohender Komplikationen begonnen werden. Das ist auch wichtig für die Medikation.
Sven Siebenand
09.05.2020  10:30 Uhr

Wissenschaftler der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) haben einen Handlungspfad zur Früherkennung und Behandlung von schweren Verläufen bei Covid-19 Infektionen entwickelt. Im Fachjournal »The Lancet« hat das Forscherteam um Professor Dr. Oliver Gross von der Klinik für Nephrologie und Rheumatologie der UMG den Handlungspfad kürzlich veröffentlicht.

Ob und wie sehr der Vorschlag zur Verbesserung der Krankenversorgung bei Covid-19 Infektionen beitragen kann, wird seit Ende April 2020 im Rahmen einer Studie mit dem Titel »Covid-19 assoziierte Nephritis als Prädiktor für die Erkrankungsschwere und Komplikationen« unter Beteiligung mehrerer Universitätskliniken in Deutschland untersucht. Bei der stationären Behandlung von Covid-19-Patienten war den Medizinern in Göttingen aufgefallen, dass gerade bei schwerkranken Patienten – neben Lunge und Herz – schon frühzeitig die Nieren mit betroffen waren. Auch an anderen Kliniken hatte man diese Beobachtung machen können, heißt es in einer Pressemeldung der UMG.

Folgendes schlagen die Wissenschaftler vor: Zunächst soll eine Urinprobe des Patienten dahingehend untersucht werden, ob sie Kriterien für eine Covid-19-assoziierte Nephritis erfüllt. Auf Leukozyten, Blut und Albumin im Urin soll dabei getestet werden. Sind mindestens zwei dieser Marker im Urin nachgewiesen, sollen im nächsten Schritt Serum-Albumin und Antithrombin III bei den Patienten bestimmt werden. Auf diese Weise wollen die Mediziner frühzeitig das sogenannte Kapillarlecksyndron (Capillary-Leak-Syndrom) diagnostizieren. Dieser lebensbedrohliche Verlust von Blutbestandteilen und Eiweiß aus dem Blut in das Gewebe wird durch eine vom Virus ausgelöste erhöhte Durchlässigkeit der kleinen Blutgefäße hervorgerufen.

Liegen Serum-Albumin, Antihrombin oder gar beides unter dem Grenzwert, ist das Risiko für einen schweren Verlauf erhöht. Bei schwerem Mangel von Albumin im Blut kann sich ein interstitielles Lungenödem entwickeln. Denn durch das Kapillarleck kommt es zum Verlust von Albumin aus dem Blut in das Lungengewebe. Dieses schwillt an, das Atmen und der Austausch von Sauerstoff werden erschwert. Durch die Früherkennung des schweren Albumin-Mangels im Blut kann das Krankenhauspersonal frühzeitig reagieren. Bereits vor Verschlechterung der Atmung können Diuretika eingesetzt werden. Zudem weiß das Personal, dass vermutlich höhere Dosen appliziert werden müssen oder eine Dialyse notwendig ist, um zu verhindern, dass das Lungengewebe voll Flüssigkeit läuft.

Frühzeitig behandeln, Dosierungen anpassen

Auch für andere Medikationen ist es wichtig, vom Albumin-Mangel zu wissen. Beispielsweise Antibiotika können durch die geänderte Plasma-Eiweißbindung eine unerwartet andere Wirkstoff-Konzentration erreichen. Daher schlagen die UMG-Mediziner vor, die Medikamentenspiegel zu bestimmen. Last but not least kann der Albumin-Mangel im Blut auch zum Kreislaufversagen führen. Kennt das Personal den Wert, kann es frühzeitig vorbeugende Maßnahmen ergreifen.

Bei einem schweren Mangel an Antithrombin III im Blut können Thrombosen und Thrombembolien die Folge sein. Auch an dieser Stelle ist die Früherkennung dieses Defizits hilfreich. So kann eine vorbeugende Therapie mit Blutverdünnungsmitteln bereits frühzeitig beginnen. Das gebräuchlichste Medikament, Heparin, wirkt über Antithrombin. Ein Mangel an Antithrombin III kann also eine Unwirksamkeit von Heparin oder einen hohen Heparin-Bedarf zur Folge haben. Daher müssen die Ärzte wahrscheinlich deutlich höhere Dosen des Antikoagulans einsetzen, um den gewünschten vorbeugenden Effekt zu erzielen und so Blutgerinnsel zu verhindern.

Durch das frühe Erkennen eines Kapillarlecksyndroms können präventive Therapien eingeleitet werden und so vielleicht sogar lebensbedrohliche Verläufe verhindert werden, so die Seniorautorin der Publikation, Professor Dr. Simone Scheithauer von der UMG.

Da der Handlungspfad mit einer einfachen Urinuntersuchung beginnt, halten die Wissenschaftler das Vorgehen übrigens auch für Patientengruppen in Pflegeheimen für geeignet, ebenso für Betroffene, die nach Diagnosestellung zunächst ambulant zu Hause behandelt werden. Hier könnte der Urinbefund als Frühwarnzeichen dafür dienen, dass eine Verschlechterung des Zustandes droht. So könnte eine ambulante Maßnahme früher einsetzen und weiteren Schaden und vielleicht einen Krankenhausaufenthalt verhindern.

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