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Grippeschutzimpfungen in Apotheken

Ärzte meckern, Apotheker machen

Im Rahmen von Modellvorhaben durften die Apotheken in den vergangenen Monaten erstmals Grippeschutzimpfungen verabreichen. In der Region Nordrhein haben sich beispielsweise mehr als 400 Menschen in der Apotheke immunisieren lassen. Mit Blick auf die Teilnehmerzahl erklärt die Kassenärztliche Vereinigung (KV), dass es keinen Bedarf an Apotheken-Impfungen gebe. In Rheinland-Pfalz startet derweil schon das nächste Projekt.
Benjamin Rohrer
03.06.2021  10:45 Uhr

Mit dem Masernschutzgesetz hatte der Bundestag erstmals den Weg frei gemacht für impfende Apotheker. Konkret dürfen die Pharmazeuten nach entsprechender Ausbildung im Rahmen von regionalen Modellvorhaben Grippeschutzimpfungen anbieten. In mehreren Bundesländern hatten die Landesapothekerverbände entsprechende Verträge mit den Krankenkassen ausgehandelt. Die meisten Impfungen wurden dabei bislang in Nordrhein durchgeführt: Dort hatten rechtzeitig zum Impfbeginn mehr als 250 Apothekerinnen und Apotheker aus etwa 125 Offizinen die theoretische und auch die praktische Schulung erfolgreich absolviert. Nach Angabe des Apothekerverbands Nordrhein (AVNR) konnten so trotz des zeitweiligen Impfstoffmangels mehr als 400 Menschen von Apothekern geimpft werden. In Niedersachsen, Bayern und dem Saarland waren es einer Recherche der Pharmazeutischen Zeitung zufolge schätzungsweise weitere 700 Impfungen.

Die AOK Rheinland/Hamburg hatte sich nach der wissenschaftlichen Analyse des Projekts erfreut gezeigt. In einer Pressemitteilung erklärte AOK-Chef Günter Wältermann Mitte Mai: »Es freut uns, dass wir es den Menschen mit unserem gemeinsamen Impfprojekt nachweislich leichter machen, sich gegen Grippe impfen zu lassen. Wir würden es begrüßen, wenn andere Krankenkassen unserem Beispiel folgen und ihren Versicherten die Grippeimpfung in Apotheken ermöglichen.«

KV Nordrhein: Verschwindend geringe Patientenzahl

Nach der Mitteilung der AOK haben sich nun allerdings die Ärzte der Region Nordrhein zu Wort gemeldet. Frank Bergmann, Vorstandsvorsitzender der KV Nordrhein, hat kein Verständnis für die Aussagen von AOK-Chef Wältermann und zweifelt an der Sinnhaftigkeit des Modellprojekts: »Die verschwindend geringe Zahl von 400 Menschen, die das Angebot genutzt haben, zeigt, dass offenbar kein Bedarf für Grippeschutzimpfungen in Apotheken besteht. Dagegen sprechen diese Zahlen eine andere Sprache: 1,5 Millionen Grippeschutzdosen haben die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte von April bis Dezember 2020 in Nordrhein verimpft. Daten für das erste Quartal 2021 sind hier für die Grippesaison 2020/2021 noch nicht einmal eingerechnet. Dies mag aus Sicht der AOK Rheinland/Hamburg selbstverständlich sein, betrachtet man aber die damit einhergehenden organisatorischen Anforderungen, ist es keineswegs selbstverständlich, was die Praxen während der Grippesaison leisten«, so Bergmann.

Dass die Mediziner ein grundsätzliches Problem mit impfenden Apothekern haben, ist allerdings schon länger bekannt. Insbesondere der Deutsche Hausärzteverband hatte vor dem Beschluss des Masernschutzgesetzes gegen Impfungen in der Offizin protestiert: Schon 2018 hatte der Verband mit Blick auf mögliche Gesetzesänderungen angekündigt, das ärztliche Dispensierrecht einzufordern, wenn Apotheker impfen dürften.

Apotheker wollen Ärzte entlasten

Die Apotheker hingegen sind weiterhin engagiert in diesem Bereich, stehen zu ihren Projekten und weisen darauf hin, dass man den Ärzten unter die Arme greifen könne. AVNR-Chef Thomas Preis hatte nach Bekanntgabe der Evaluation daran erinnert, dass der Gesetzgeber mit dem zusätzlichen Impfangebot mehr Menschen dazu bewegen will, sich gegen Grippe impfen zu lassen. »Die wissenschaftlichen Auswertungen des ersten Impfwinters in deutschen Apotheken belegen, dass dies gelungen ist«, so Preis. Er betonte, dass das »hochwertige Impfangebot in den Apotheken« zur Entlastung in den Arztpraxen beitragen könne. Das Modellvorhaben in der Region Nordrhein ist auf zwei Jahre ausgelegt – derzeit werden weitere Schulungen geplant. Der AVNR geht also davon aus, dass die Zahl der verabreichten Impfungen in der kommenden Saison deutlich steigen wird.

Auch Rheinland-Pfalz startet Modellvorhaben

Neu hinzukommen wird dann auch das Bundesland Rheinland-Pfalz. Der Landesapothekerverband Rheinland-Pfalz und die AOK der Region erklärten vor wenigen Tagen, dass interessierte AOK-Versicherte mit Beginn der Grippesaison 2021/2022 eine Grippeschutzimpfung in den teilnehmenden Apotheken erhalten könnten. Auch in Rheinland-Pfalz ist es laut AOK-Mitteilung das erklärte Ziel »die Durchimpfungsrate mittels Schaffung eines zusätzlichen, niedrigschwelligen Versorgungsangebotes zu erhöhen - parallel zu den weiterhin möglichen Impfungen in der Arztpraxis«, heißt es. Ab Oktober werden die teilnehmenden Apotheken der Region auf der Internetseite des Landesapothekerverbandes gelistet.

»Als regionale Gesundheitskasse freuen wir uns, mit einem erweiterten Versorgungsangebot für unseren Versicherten einen echten Mehrwert zu bieten: Unkompliziert, einfach und sicher wird die Impfung durch unsere Gesundheitspartner angeboten«, so AOK-Chefin Martina Niemeyer. Andreas Hott, Vorsitzender des LAV Rheinland-Pfalz, fügte hinzu: »Wir wollen unseren Beitrag dazu leisten, dass mehr Menschen in Rheinland-Pfalz gegen Grippe geimpft werden. Apotheken sind niedrigschwellige Anlaufstellen für Millionen Menschen, die kompetente Gesundheitsberatung vor Ort suchen. Wir wollen ausprobieren, ob und wie das Ziel erreicht werden kann, über teilnehmende Apotheken mehr Menschen zu impfen. Ziel ist es, auch die Menschen zu erreichen, die nicht zum Arzt gehen, um sich impfen zu lassen. Wir fühlen uns ermutigt durch die Landesregierung, die sich im Landtag für ein Modellprojekt auch in Rheinland-Pfalz ausgesprochen hat.«

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