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Neue Hinweise

ACE-Hemmer könnten vorteilhaft bei Covid-19 sein

Klar ist mittlerweile, dass Bluthochdruck und kardiovaskuläre Erkrankungen Risikofaktoren für einen schweren Covid-19-Verlauf sind. Als unklar dagegen gilt noch, inwieweit ACE-Hemmer und Sartane hier einen Einfluss haben – und wie. Neue Daten untermauern: Ein Bluthochdruck sollte behandelt werden, auch im Hinblick auf Covid-19.
Daniela Hüttemann
05.01.2021  13:30 Uhr

Die Arbeit stammt von einem großen Forscherteam um die Studienleiter Privatdozent Dr. Sven Laudi, Professor Dr. Roland Eils, Dr. Christian Conrad, Professor Dr. Ulf Landmesser und Professor Dr. Irina Lehmann der Charité Berlin, der Universitätsmedizin Leipzig und anderen Forschungseinrichtungen in Deutschland. Dabei kombinierten die Wissenschaftler klinische Daten von 144 Covid-19-Patienten und Sequenzierdaten aus 48 Nasen-Rachen-Abstrichen von Menschen mit und ohne SARS-CoV-2-Infektion.

Dabei stellten sie zunächst fest, dass Patienten mit Bluthochdruck eine ausgeprägtere Entzündungsreaktion zeigten, die mit einer verlängerten Dauer bis zur Virusfreiheit und einem höheren Risiko für einen schweren Verlauf korrelierte. Nahmen die Patienten ACE-Hemmer ein, war die Covid-19-bedingte Hyperinflammation gedämpft und die antivirale Zellantwort erhöht, schreiben die Autoren in »Nature Biotechnology«. Eine Behandlung mit Angiotensin-II-Rezeptor-Blockern (ARB, auch  AT1-Anatagonisten oder Sartane genannt) wurde mit einer verbesserten Epithel-Immunzell-Interaktion in Verbindung gebracht, aber auch mit einer höheren Expression proinflammatorischer Zytokine (CCL3 und CCL4) sowie des Chemokin-Rezeptors CCR1, was sich eher ungünstig auswirken könnte.

Knackpunkt bei einer Covid-19-Erkrankung ist eine ausgewogene Immunantwort – ausreichend, um das Virus zu eliminieren, aber nicht überschießend, was die eigenen Organe in Mitleidenschaft zieht. Tatsächlich konnten die ACE-Hemmer das Risiko für eine schwere Covid-19-Erkrankung auf das Niveau von Personen ohne Bluthochdruck senken. Eine Angiotensin-Rezeptor-Blockade senkte zwar auch das Risiko, aber nicht so stark wie die ACE-Hemmer und hatte zudem keinen Einfluss auf die virale Clearance.

»Diese Studie identifiziert mögliche molekulare Mechanismen, die den Ergebnissen von Beobachtungsstudien zugrunde liegen könnten, dass Patienten mit Covid-19, die ebenfalls an Bluthochdruck oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden, höhere Morbiditäts- und Mortalitätsraten zeigen«, fassen die Forscher zusammen. »Unsere Daten deuten darauf hin, dass das mit Bluthochdruck verbundene zusätzliche Risiko für das Fortschreiten einer kritischen Erkrankung durch die ARB-Behandlung und noch deutlicher durch die ACE-Hemmer-Behandlung verringert werden könnte.« Diese Daten stünden im Einklang mit früheren Berichten , in denen höhere Sterblichkeitsraten bei hypertensiven Patienten mit Covid-19 ohne zugrunde liegende ARB- oder ACE-Hemmer-Behandlung beobachtet wurden.

ACE-Hemmer besser als Sartane in Bezug auf Covid-19?

Gleichwohl schränken die Autoren ein, dass die limitierte Größe ihrer untersuchten Kohorte es nicht erlaube, Aussagen über die klinische Relevanz zu machen. Andere Studien deuten jedoch auf einen Benefit von ACE-Hemmern und Sartanen hin, nachdem zu Beginn der Coronavirus-Pandemie zunächst über das Gegenteil spekuliert wurde, da SARS-CoV-2 den ACE2-Rezeptor benutzt, um in die Zellen zu gelangen. Daher standen Arzneistoffe, die hier eingreifen, zunächst unter Verdacht, das Risiko für eine SARS-CoV-2-Infektion oder eine schweren Covid-19-Verlauf zu erhöhen.

Aber was ist nun besser, ACE-Hemmer oder Sartane? Klinische Studien untersuchen derzeit noch, ob ein Wechsel zwischen den verschiedenen Antihypertensiva bei einer Covid-19-Erkrankung von Vorteil sein kann. In der deutschen COVIDVAL-Studie. wird derzeit geprüft, ob sogar ein Sartan besser als ein ACE-Hemmer bei Covid-19 ist. 

Die Deutsche Hochdruckliga kommentierte die neuen Daten: »Die wesentliche Erkenntnis dieser Untersuchung ist für uns: Bluthochdruck ist ein eigenständiger Risikofaktor für schwere Covid-19-Verläufe, wenn er nicht behandelt wird«, so Professor Dr. Ulrich Wenzel vom UKE Hamburg, Vorstandsvorsitzender der DHL. Die gefundene verstärkte Entzündungsreaktion könne dafür verantwortlich sein. »Wir hoffen, dass diese zentrale Botschaft Patientinnen und Patienten motiviert, ihre Blutdruckmedikamente konsequent zu einzunehmen«, betonte der Facharzt für Innere Medizin und Nephrologie.

Solange die klinische Evidenz noch zusammengetragen wird, bleibt es bei der aktuellen Empfehlung der Fachgesellschaften, dass bei Patienten mit Bluthochdruck ihre antihypertensive Therapie weder aus Angst vor einer SARS-CoV-2-Infektion noch im Falle einer Covid-19-Erkrankung abgesetzt werden sollte. Noch gibt es auch nicht genügend Evidenz, um einen Wechsel innerhalb der verschiedenen Antihypertensiva-Klassen zu empfehlen.

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