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Husten

Abwarten ist keine Therapieoption

Husten, Schnupfen, Heiserkeit: Nur zu häufig müssen sich Patienten mit Erkältungsanzeichen in Zeiten von Corona ohne Therapieempfehlungen in häusliche Quarantäne begeben. Gerade Husten sollte jedoch behandelt werden, allein schon, um die Ansteckungsgefahr für andere Haushaltsmitglieder zu minimieren.
Christiane Berg
19.01.2021  17:00 Uhr

Auch in den Veröffentlichungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) und medizinischer Fachgesellschaften wie der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (DEGAM) mangle es an Hinweisen auf die Notwendigkeit einer leitliniengerechten und evidenzbasierten Therapie zur Minderung von Erkältungssymptomen. Das kritisierten die Referenten des gestrigen digitalen Kompetenz-Kollegs »Atemwegsinfekte in Zeiten von Corona: Isolieren und Therapieren« des Unternehmens Pohl-Boskamp.

Egal, ob den respiratorischen Symptomen ein Covid 19-Infekt oder eine banale Erkältung zugrunde liegt, egal, ob schon Gewissheit über den Auslöser der Erkrankung besteht oder nicht: »Es reicht nicht, Patienten mit Hals-, Kopf- oder Gliederschmerzen, Husten, Schnupfen oder Heiserkeit – wie nur zu häufig praktiziert – in der häuslichen Isolation sich selbst zu überlassen«, betonten die Referenten. Die Patienten sollten immer auch symptomatisch mit bewährten Therapieoptionen behandelt und entsprechend beraten werden. Insbesondere quälender Husten sei ernst zu nehmen und frühzeitig zu therapieren, auch da die Linderung des Hustenreizes zu einer Minderung der Virenverbreitung durch Tröpfchenwolken und Aerosole und somit zum Schutz des häuslichen Umfeldes beitragen kann.

»Je eher, desto besser«, konstatierte Dr. Petra Sandow, Fachärztin für Allgemeinmedizin aus Berlin, mit Verweis auf die Notwendigkeit des frühzeitigen Einsatzes effektiver medikamentöser Therapiemaßnahmen aus dem Rx- und OTC-Bereich bei Erkältungserkrankungen sowie insbesondere bei akuten und chronischen Bronchitiden. Auch pflanzliche Heilmittel mit muko-, sekreto- und bronchospasmolytischen sowie sekretomotorischen, antioxidativen, antimikrobiellen und antiinflammatorischen Effekten hätten hier ihre Berechtigung.

Grünes Rezept steigert Adhärenz

Sandow hob hervor, dass sie bei der Verordnung nicht verschreibungspflichtiger Arzneimittel auf das Grüne Rezept zurückgreift. Dieses zeige sowohl dem Patienten als auch dem abgebenden Apotheker, dass die Anwendung eines spezifischen Arzneimittels therapeutisch notwendig und zweckmäßig ist. »Als konkrete ärztliche Handlungs- und Therapieanweisung hat das Grüne Rezept für den Patienten mehr Relevanz als eine mündliche Empfehlung und stärkt somit auch die Adhärenz«, sagte sie. Dem Patienten könne das Grüne Rezept zudem nicht nur als Merkhilfe hinsichtlich Dosierung oder Einnahmemodalitäten, sondern gegebenenfalls auch als Formular zur Kostenerstattung bei der Krankenkasse dienen.

Nach vorliegendem Erkenntnisstand verlaufen rund 20 Prozent der Covid-19-Infektionen asymptomatisch. »Von den verbleibenden 80 Prozent wiederum leiden gleichermaßen 80 Prozent der Betroffenen unter milden Krankheitsverläufen mit respiratorischen Symptomen wie Husten, Schnupfen, Heiserkeit, die nachweislich von einer zielgerichteten medikamentösen Therapie profitieren können«, unterstrich im weiteren Verlauf der Veranstaltung der Internist und Pneumologe Privat-Dozent Dr. Kai-Michael Beeh aus Wiesbaden.

Die derzeit mit Blick auf die Möglichkeit einer Covid-19-Infektion häufig praktizierte »Wait and See«-Strategie sei fehl am Platz – zumal, so Beeh, Patienten, die aufgrund von Erkältungssymptomen ohne Therapieempfehlung in Quarantäne geschickt werden, zusätzlich seelischen Belastungen ausgesetzt sind. »Sie fühlen sich zu Recht im Stich gelassen«, kritisierte Beeh, der eine »Nachschärfung der Empathie« in der ambulanten medizinischen und pharmazeutischen Betreuung forderte.

Covid-19 und Erkältung: Unterscheidung bleibt schwierig

Liegt eine Covid 19-Infektion oder nur ein banaler akuter Atemwegsinfekt vor? »Seit Monaten werden wir Apotheker von Betroffenen oder Angehörigen mit dieser Frage konfrontiert«, berichtete Steffen Kuhnert, Apothekeninhaber aus Köln, aus seinem Praxisalltag. »Für uns besteht die größte Herausforderung derzeit darin, durch gezielte Fragen in Anlehnung an die diesbezüglichen Hinweise des RKIs einen normalen Atemwegsinfekt von einer Corona-Infektion so gut es geht abzugrenzen, um darauf basierend die besten, teils auch ergänzenden Therapie- und Handlungsoptionen zu finden und zu empfehlen«, sagte er.

»Covid-19 hat unsere Beratungsfunktion deutlich gestärkt, nicht zuletzt auch, weil viele Patienten aus Angst vor Ansteckung den Gang zum Arzt scheuen und gleich Rat in der Apotheke suchen«, so Kuhnert weiter. Oft gehe es auch darum, den Patienten angesichts der aktuellen Pandemie-Lage überbordende Befürchtungen zu nehmen.

»Liegen Erkältungssymptome wie zum Beispiel Husten vor, so muss es nicht gleich Covid-19 sein. Und selbst wenn, heißt das nicht, dass eine schwerer Krankheitsverlauf droht«, unterstrich Sandow. Da Symptome wie Husten, Schnupfen und Heiserkeit von Beginn an stets evidenzbasiert und leitliniengemäß therapiert werden sollten, sei die kompetente Beratung in der Apotheke wichtiger denn je.

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