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Covid-19-Rekonvaleszenz

30 Tage lang ansteckend?

Einer neuen Studie zufolge dauert es im Durchschnitt 30 Tage lang, bis Patienten, die nach einer SARS-CoV-2-Infektion an Covid-19 erkranken, das Virus wieder los sind. Ob sie bis zum Ende dieser Phase ansteckend sind, ist noch nicht geklärt.
Annette Rößler
03.09.2020  13:57 Uhr

Um andere nicht anzustecken, müssen Covid-19-Patienten, aber auch asymptomatische SARS-CoV-2-Infizierte eine Zeit lang isoliert werden. Wie lange sie möglicherweise ansteckend sind, ist – wie so vieles rund um den neuen Erreger – noch nicht sicher geklärt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt derzeit, dass bei Covid-19-Patienten nach Beginn der Symptome zehn Tage und zusätzlich anschließend mindestens drei Tage ohne Symptome wie Fieber und Atemwegsprobleme vergehen sollen, bevor sie aus der Isolation entlassen werden. Für Personen, die zwar einen positiven SARS-CoV-2-Nachweis, aber keine Symptome haben, werden zehn Tage Quarantäne empfohlen.

Eine im Fachjournal »BMJ open« erschienene Auswertung von Patientendaten aus einem der ehemaligen Corona-Hotspots in Italien deutet jedoch darauf hin, dass diese Zeiträume zu kurz bemessen sein könnten. Von 4480 Personen aus der Provinz Reggio Emilia in der Emilia-Romagna, die zwischen dem 26. Februar und dem 22. April positiv auf das Coronavirus getestet worden waren, erreichten 1259 eine virale Clearance – definiert durch mindestens einen negativen PCR-Test auf den Erreger im Rachenabstrich – und 428 verstarben. Zwischen dem ersten positiven und dem negativen PCR-Test vergingen im Schnitt 31 Tage, berichte ein Forscherteam um Pamela Mancuso von der Azienda Unità Sanitaria Locale – IRCCS di Reggio Emilia.

Eine Subgruppenanalyse von 1162 Personen ergab eine virale Clearance bei 704 Personen (61 Prozent), die jedoch nur bei knapp 79 Prozent durch einen erneuten Test bestätigt wurde. Dies deutet darauf hin, dass eines von fünf Negativergebnissen falsch sein könnte, so die Autoren. Die Dauer bis zum Erreichen der viralen Clearance betrug in der Subgruppe im Durchschnitt 30 Tage nach dem ersten positiven Coronatest und 36 Tage nach dem Beginn der Symptome.

Auf der Grundlage ihrer Ergebnisse empfehlen die Autoren, die Quarantänedauer auf 30 Tage nach Beginn der Symptome zu verlängern. Alternativ solle ein negativer PCR-Test mindestens einmal bestätigt werden, bevor die Isolation aufgehoben wird.

Metaanalyse bestätigt WHO-Empfehlung

Dies ist eine sehr vorsichtige Empfehlung, denn es ist nicht gesagt, dass ein positiver Virusnachweis in jedem Fall bedeutet, dass der Betreffende auch andere anstecken kann. Infizierte mit dem Coronavirus scheinen nach aktuellem Wissensstand in den ersten Tagen am ansteckendsten zu sein, wenn sie unter Umständen noch keine oder nur sehr leichte Symptome entwickelt haben. Das hat gerade erst eine Metaanalyse im »Journal of Infection« bestätigt.

Dabei handelte es sich um eine Auswertung von 113 Studien aus 17 Ländern, die Angaben zur Viruslast im Rachenabstrich, Sputum und Stuhl von symptomatischen und asymptomatischen SARS-CoV-2-Infizierten gesammelt hatten. Demnach war die Viruslast im Nasen-Rachen-Raum etwa zum Zeitpunkt des Symptombeginns oder wenige Tage danach am höchsten und nahm dann kontinuierlich ab, bis nach etwa zwei Wochen kein Virus mehr nachweisbar war. Im Sputum war die Virusbelastung stärker, erreichte später ihren Höhepunkt und nahm langsamer ab. Im Stuhl wurde über einen noch längeren Zeitraum Virus gefunden, wobei die klinische Bedeutung dessen aus Sicht des Autorenteams um Kieran Walsh von der irischen Health Information and Quality Authority in Dublin unklar ist.

Sie räumen zwar ein, dass in Einzelfällen auch deutlich länger Virus in den Atemwegen nachweisbar war – bei einem Patienten sogar 83 Tage nach dem ersten positiven Nachweis. Auch sie betonen aber den Unterschied zwischen positivem Virusnachweis und Ansteckungsfähigkeit. Es sei nicht gesagt, dass Patienten über die gesamte Zeit der Infektion ansteckend seien. Vielmehr gebe es Evidenz dafür, dass die Infektiosität etwa sieben bis zehn Tage nach Symptombeginn abnehme. Dies würde bedeuten, dass die WHO mit ihrer Empfehlung also doch richtig liegt.

Quarantäne verkürzen statt verlängern?

Da Patienten so früh im Infektionsverlauf am ansteckendsten zu sein scheinen, ist für die Eindämmung der Pandemie aber nicht nur die Isolation von Covid-19-Patienten entscheidend, sondern auch die von Personen, die einen Risikokontakt hatten. Denn sie könnten andere bereits anstecken, bevor sie selbst erkranken. Besteht der Verdacht, dass jemand sich mit SARS-CoV-2 infiziert haben könnte, muss derjenige momentan für 14 Tage in Quarantäne.

Dies könnte unnötig lang sein, sagte der Virologe Professor Dr. Christian Drosten am 1. September im Podcast auf »NDR Info«. Er sprach sich sogar für eine Verkürzung der Quarantänezeit bei sogenannten Quellclustern aus. Zu einem Quellcluster gehören alle Personen, die bei einem Ereignis, etwa einer Familienfeier, oder in einem bestimmten Kontext, etwa im Büro oder in der Schule, Kontakt zu einem bestätigten SARS-CoV-2-Infizierten hatten. Diese Personen sollten, statt alle getestet zu werden, für fünf Tage in Quarantäne. Drosten begründete das mit der rasch abnehmenden Infektiosität. Der Tag, an dem ein Patient den Befund des PCR-Tests erhalte, sei »meistens schon der letzte oder vorletzte Tag, an dem man überhaupt noch infektiös wäre«. Diesen Infizierten noch 14 Tage in Isolation zu schicken, sei daher eigentlich unnötig.

Mit diesem Vorschlag gehe er »bis an die Schmerzgrenze der Epidemiologie«, sagte er. »Das ist schon, sagen wir mal, eine steile These, dass man sagt, nach fünf Tagen ist eigentlich die Infektiosität vorbei.« Die Überlegung sei aber: »Was kann man denn in der Realität machen, damit man nicht einen De-facto-Lockdown hat?« Es nütze nichts, »wenn man alle möglichen Schulklassen, alle möglichen Arbeitsstätten unter wochenlanger Quarantäne hat.«

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