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Selbstmedikation: Der Patient als Chance

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Gesundheit wird mittlerweile nicht mehr nur als Abwesenheit von Krankheit definiert, sondern auch als aktiv selbst zu erhaltendes Gut. Die Arzneimittelbranche sieht diesen Trend als Chance, die Gesundheitsentwicklung individueller und zugleich effizienter zu gestalten. Die eigenverantwortliche Selbstbehandlung mit rezeptfreien Arzneimitteln bekommt dabei einen immer größeren Stellenwert für den einzelnen Menschen, aber auch für das Gesundheitssystem als Ganzes. Dies wurde beim Jahrestreffen des europäischen Dachverbands der Selbstmedikationsindustrie (AESGP) vom 5. bis zum 7. Juni in Amsterdam deutlich.

 

Laut Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH) werden in Deutschland jährlich etwa 100 Millionen so genannte leichtere Gesundheitsstörungen vom Arzt behandelt. Würden allein 10 Prozent davon in die Selbstmedikation wandern, würde dies dem Gesundheitssystem etliche Kosten ersparen. Die freigewordenen finanziellen, aber auch zeitlichen Ressourcen könnten anderen Gesundheitsbereichen zugute kommen.

 

Damit Selbstmedikation funktioniert, braucht es Gesundheitskompetenz. Apotheker haben dabei eine Schlüsselrolle. Aktuell plant der Bundeverband eine Imagekampagne, um die Rolle des Apothekers als kompetenter Gesundheitsberater in der öffentlichen Wahrnehmung besser zu verankern. Das kündigte BAH-Vorstandsvize Traugott Ullrich in seinem Vortrag bei der Konferenz an.

«Die Stärkung der Gesundheitskompetenz des Einzelnen ist uns ein wichtiges Anliegen», betonte der Hauptgeschäftsführer des BAH, Martin Weiser, im Rahmen eines Pressegesprächs am Rande des AESGP-Treffens. Die Apotheke vor Ort sehen die Hersteller dafür als eine wichtige Instanz. Denn der Apotheker kann den Einzelnen bei der Selbstmedikation individuell und empathisch beraten und etwaige Risiken der Therapie rechtzeitig erkennen. Um diesen Bereich zu stärken, hat der BAH mit Unterstützung der Bundesapothekerkammer (BAK) den Lehrgang Patientenkommunikation für junge Apotheker ins Leben gerufen.

Der BAH will den Stellenwert von OTC wieder bewusst machen. «Vielen Menschen ist nach wie vor nicht klar, was der Unterschied ist zwischen freiverkäuflichen Produkten, also solchen, die vor dem HV-Tisch in der Apotheke angeboten werden und den Produkten hinter dem HV-Tisch, den OTC», so Weiser. Darüber hinaus ist es den Herstellern wichtig, die bisherige strikte Sektorentrennung zwischen verschreibungspflichtigen und rezeptfreien Arzneimitteln zu durchbrechen. «Rx und OTC, die Bereiche greifen ineinander», betonte der BAH-Chef. Diesen Ansatz verdeutlichten in Amsterdam auch mehreren Referenten in ihren Vorträgen.

Ein großes Potenzial zur Stärkung der Selbstmedikation sehen die Hersteller auch in den sogenannten Switches, also der Entlassung von bislang verschreibungspflichtigen Wirkstoffen in die Selbstmedikation. Elmar Kroth, Geschäftsführer Wissenschaft beim BAH betonte: «Switches machen therapeutischen Fortschritt verfügbar.» So seien etwa viele Migräne-Patienten, die bislang keinen Arzt konsultieren wollten, direkt in die Selbstmedikation gegangen, als die Triptane aus der Rezeptpflicht entlassen wurden. Der BAH hat erstmals Analysen durchführen lassen, die zeigen, was Apotheker, Ärzte und auch Patienten zu dem Thema Switches sagen. Die Studien sollen am 12. Juni der Öffentlichkeit präsentiert werden. (et)

 

11.06.2018 l PZ

Foto: Fotolia/rh2010