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Nur Mut: Neue Online-Therapie soll Stotterern helfen

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Zum Welttag des Stotterns am 22. Oktober werben Verbände und Organisationen um mehr Aufmerksamkeit für die Sprechstörung, von der in Deutschland geschätzt mehr als 800.000 Menschen betroffen sind. «Wir wollen zeigen: Man sieht niemandem an, ob er stottert oder nicht, es hat nichts mit Umfeld, Bildung oder Herkunft zu tun», sagt etwa Martina Wiesmann von der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe (BVSS). In Bahnhöfen sollen Spots laufen, die gängige Vorurteile über Stotternde aufgreifen. «Die Botschaft: ‹Ich sag's auf meine Weise!›».

 

Viele der Betroffenen ziehen sich komplett zurück, weil sie Ablehnung fürchten. Einer der Auswege: Therapie-Methoden, bei denen man zunächst zu Hause das Sprechen üben kann – online. Ein solches Format bietet etwa die Kasseler Stottertherapie an. Die Patienten werden dabei von einem Therapeuten per Internet-Schalte betreut. «In dem einen virtuellen Raum übt beispielsweise ein Patient eine Rede, in einem anderen ein anderer Telefonieren. Der Therapeut geht dabei von Raum zu Raum», erklärt Institutsleiter Alexander Wolff von Gudenberg. Der Vorteil: die womöglich niedrigere Einstiegshürde. Und mehr Flexibilität. «Die Online-Methode kann zum Beispiel für Patienten attraktiv sein, die sich für ihr Stottern schämen. Die Eingangshürde ist in diesem Fall niedriger.»

 

Scham spielt eine große Rolle beim Stottern. Hinzu kommt, dass bei vielen, die nicht betroffen sind, das Wissen über die Sprechstörung nur gering ist. «Stottern erscheint ihnen kurios, ja zuweilen lächerlich», schreibt der Psychologe Johannes von Tiling. Was auch damit zusammenhängt, dass sich viele Betroffene aus Angst vor Ablehnung zurückziehen. Bekannte Stotterer wie George VI. kann man an zwei Händen abzählen. Rowan Atkinson («Mr. Bean») gehört dazu, ebenso der Schauspieler Bruce Willis. Auch die hauchende Sprechweise von Marilyn Monroe soll Ergebnis eines entsprechenden Trainings gewesen sein. Alles, was dabei hilft, die Scham zu überwinden, ist daher wichtig.

 

Die Televersion wird nach Angaben der Kasseler Stottertherapie nun auch zunehmend von den Kassen bezahlt. Dennoch ist sie bislang noch eine Nische. Reine Online-Patienten hatte von Gudenberg bislang etwa 100. «Es könnte sein, das viele Patienten noch denken, dass bei einer Online-Therapie kein intensiver Austausch mit dem Therapeuten möglich ist», sagt er. Das könne er aber keinesfalls bestätigen.

 

Der Großteil der Therapien finde immer noch ambulant statt, sagt Martina Wiesmann von der BVSS. Zusätzlich gibt es auch intensiv-stationäre Angebote. «Eine wichtige Hürde ist, Ängste vor dem Stottern zu überwinden. Und das braucht Mut. Der Betroffene muss lernen, sein Stottern zu akzeptieren», sagt sie. Denn: Bei Erwachsenen verschwindet es in aller Regel nicht mehr vollständig. «Auch diese Wahrheit muss man akzeptieren.»

 

20.10.2017 l PZ/dpa

Foto: Fotolia/Dan Race