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Nicht im Blick: Sehprobleme im Altenheim

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Viele Bewohner in Seniorenheimen leiden an Augenerkrankungen und sehen schlecht, aber dies wird kaum beachtet und meist nicht behandelt. «Oft fehlt selbst eine augenärztliche Grundversorgung oder ist unzureichend und Hilfsmittel für sehbehinderte und blinde Bewohner sind weitgehend unbekannt», berichtete Sabine Kampmann vom Blindeninstitut Würzburg bei einer Pressekonferenz in München. Sie bezog sich auf das dreijähriges Modellprojekt «Sehen im Alter», bei dem etwa 600 Bewohner in 20 Altenheimen in Unterfranken betreut wurden. Die Ergebnisse wurden bereits im «Deutschen Ärzteblatt International» veröffentlicht.

 

Jeder dritte Teilnehmer galt demnach als sehbehindert. Die augenärztlichen Ergebnisse von 203 Bewohnern zeigten, dass jeder Fünfte an einer akut behandlungsbedürftigen Augenerkrankung litt. Die häufigsten Diagnosen des vorderen Augenabschnitts waren Keratokonjunktivitis sicca, Katarakt, Glaukom, Lidfehlstellungen und Nachstar. 22 Prozent der Bewohner hatte eine trockene altersbedingte Makuladegeneration (AMD). 40 Prozent konnten keine Angaben zu früheren augenärztlichen Untersuchungen machen. Jeder Fünfte gab an, länger als fünf Jahre nicht beim Augenarzt gewesen zu sein.

«Wir wollen den Blick schärfen und Bewusstsein wecken für Augenprobleme im Alter», sagte Kampmann, die das Präventionsprogramm «Gutes Sehen in Pflegeeinrichtungen» leitet. Das Projekt, das sich an Bewohner von vollstationären Pflegeeinrichtungen in Bayern und deren Angehörige richtet, wird seit Dezember 2016 von sechs Pflegekassen finanziert. Auf Anfrage besucht ein interdisziplinäres Team des Blindeninstituts für drei Tage das Heim; auf dem Programm stehen Begehung des Hauses, Augenüberprüfung bei Bewohnern, Schulung der Mitarbeiter und ein Info-Abend. Zehn Bewohner – vorwiegend Demenzkranke – würden intensiv untersucht, so Kampmann.

Wie wichtig Prävention in Seniorenheimen auch aus Kostengründen ist, unterstrich Kerstin Ludewig, Abteilungsleiterin im BKK Landesverband Bayern. Vermeidung von Stürzen oder Aufschub von Demenzerkrankungen durch gutes Sehen spare viel Leid und Kosten. «Die Förderung des Sehens und der Alltagskompetenz wird durch den neuen Pflegebegriff wichtiger, da die Pflegegrade auf die Selbstständigkeit abheben.» (bmg)


DOI: 10.3238/arztebl.2016.0323

11.08.2017 l PZ

Foto: Fotolia/bilderstoeckchen