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Cannabis: Alte Arzneipflanze, moderne Forschung

Cannabis feiert in Deutschland gerade ein Comeback in der Medizin. Während in der westlichen Welt viel des alten Erfahrungswissens aus politisch motivierten Gründen im letzten Jahrhundert verloren ging, hat sich in den vergangenen 25 Jahren in der Cannabisforschung viel getan, berichtete Professor Dr. Burkhard Hinz, Direktor des Instituts für Pharmakologie und Toxikologie der Universitätsmedizin Rostock, am Wochenende beim Westfälisch-Lippischen Apothekertag in Münster.

 

Leider fehle es bislang an validen Daten aus vernünftig konzipierten klinischen Studien, um es evidenzbasiert in den vielen propagierten Indikationsgebieten anzuwenden. «Cannabinoide sind sicherlich auf Basis der derzeitigen Datenlage keine Allheilmittel», so Hinz. Nur für wenige Indikationen wie Spastiken infolge Multipler Sklerose sowie chronische neuropathische oder durch Krebs verursachte Schmerzen sei die Wirkung bislang mit moderater Evidenz belegt. Hinz forderte daher mehr randomisierte klinische Studien mit Cannabisprodukten.

 

Derzeit beurteilt er den Einsatz von Cannabisblüten und -extrakten als neue Therapieoption für Subgruppen von Patienten, die nicht auf die Standardbehandlung ansprechen. «Die Therapie gehört in die Hand der Ärzte, nicht der Patienten», betonte Hinz den Fortschritt durch den gesetzgeberischen Schritt von Ausnahmegenehmigungen hin zur regulären Verordnungsfähigkeit am 10. März. Nur so könnten auch die Qualität der Arzneidroge und die Regelung der Kostenerstattung sichergestellt werden. Als schwierig sieht er an, dass es derzeit noch keine Empfehlungen gibt, in welchen Fällen welche Sorten zum Einsatz kommen sollen. Denn der Cannabinoid-Gehalt und das Verhältnis der wichtigsten Inhaltsstoffe Δ9-Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) zueinander und damit das Wirkprofil unterscheiden sich zum Teil sehr stark.

 

«Die Verschreibungsfähigkeit von Cannabisblüten ist insofern ein Novum, als dass hier im Gegensatz zu anderen arzneimittelrechtlich zugelassenen Medikamenten kein ausreichend geprüftes Arzneimittel vorliegt», betonte Hinz. Diese Vorgehensweise sei als Übergangslösung im Sinne der betroffenen Patienten gerechtfertigt. Das mittelfristige Ziel muss nach Ansicht des Apothekers und Pharmakologen jedoch die arzneimittelrechtliche Zulassung entsprechend umfangreich klinisch geprüfter Cannabis-basierter Fertigarzneimittel sein. Neben dem bereits seit 2011 verfügbaren Sativex® mit Nabiximols, einer 1:1-Mischung von THC und CBD, ist seit Januar dieses Jahres das Präparat Canemes® mit dem Inhaltsstoff Nabilon (vollsynthetisch hergestelltes THC-Derivat) als ein weiteres standardisiertes Fertigarzneimittel auf Cannabis-Basis erhältlich. Zusätzlich sind weiterhin im Ausland zugelassene Präparate wie MarinolTM (Inhaltsstoff Dronabinol, teilsynthetisch hergestelltes THC) importierbar.

 

Ende 2017 wird mit der Zulassung des Orphan Drugs EpidiolexTM in den USA gerechnet, informierte Hinz. Der Cannabisextrakt enthält nur CBD und kein THC, sodass keine psychoaktiven Wirkungen zu befürchten sind und die antikonvulsive Wirkung im Vordergrund steht. Es soll zur Behandlung seltener, im Kindesalter auftretender, therapieresistenter Epilepsieformen, dem Lennox-Gastaut-Syndrom und dem Dravet-Syndrom, zum Einsatz kommen.

 

Die Forschung an der zweiten Generation der Cannabinoid-Rezeptor-1 (CB1)-Antagonisten zur Behandlung der Adipositas steckt derzeit noch in der Präklinik. Als Vertreter der ersten Generation kam der CB1-Antagonist/inverse Agonist Rimonabant (Acomplia®) 2006 in der EU auf den Markt. Aufgrund psychiatrischer Nebenwirkungen inklusive Suizid wurde bereits 2008 das Ruhen der Zulassung angeordnet.

 

Zu den zwischenzeitlich synthetisierten Wirkstoffen der zweiten Generation zählen neutrale CB1-Antagonisten ohne inversen Agonismus sowie CB1-Antagonisten mit selektiv peripherer Wirkung. Ebenfalls noch in der klinischen Erprobung sind Fettsäureamidohydrolase (FAAH)-Hemmer, die den endogenen Abbau des Endocannabinoids Anandamid unterbinden und damit dessen Wirkung verstärken. Im Tierversuch zeigten FAAH-Hemmer keine psychoaktive Wirkung. Als mögliche Einsatzgebiete gelten neuropathische Schmerzen, Schmerzen bei Osteoarthrose sowie das Tourette-Syndrom.

 

Weitere Endocannabinoid-Enhancer mit anderen Wirkmechanismen stecken noch in der präklinischen Testung. Vielversprechend seien auch die antitumorigenen Eigenschaften der Cannabinoide, an denen Hinz in Rostock selbst forscht. Präklinisch konnte gezeigt werden, dass Cannabinoide die Apoptose und Autophagie von Tumorzellen induzieren, ihre Proliferation hemmen, die Blutgefäßbildung (Angiogenese) in Tumoren unterbinden und die Ausbreitung und Metastasierung von Tumoren erschweren. (dh)

 

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21.03.2017 l PZ

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