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Valproat-Geschädigte: Regierung will nicht nachforschen

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Die Bundesregierung will nicht untersuchen lassen, ob deutsche Ärzte schwangeren Frauen Valproat verordnet haben, ohne sie ausreichend über das damit verbundene Risiko für Entwicklungsstörungen des Kindes aufzuklären. Das geht aus einer Antwort der Regierung auf eine Kleine Anfrage der Linkspartei hervor.

 

Valproat (Valproinsäure) ist ein Antikonvulsivum, das außer bei Epilepsie unter anderem bei bipolarer Störung und Trigenimus-Neuralgie verordnet wird. Seit Langem ist bekannt, dass das Mittel Fehlbildungen bei Neugeborenen hervorrufen kann. Dass es daneben auch zu Entwicklungsstörungen und verminderter Intelligenz führen kann, kam erst später heraus und führte 2016 zu einem wegweisenden Urteil in Frankreich. Auf dieses verweist nun die Linke.

 

Die französische Untersuchungsbehörde IGAS hatte im vergangenen Jahr entschieden, dass Ärzte Patientinnen bereits ab dem Jahr 2004 darüber hätten aufklären müssen, dass Valproat in der Schwangerschaft das Risiko nicht nur für Fehlbildungen, sondern auch für Entwicklungsstörungen erhöht. Schon damals hätten Studien dies nahegelegt, so die IGAS. Tatsächlich erfolgte eine solche Warnung jedoch erst zehn Jahre später. Der französischen Zeitung «Le canard enchaîné» zufolge hat die französische Regierung damals bewusst eine Studie zurückgehalten, die auf die neuen Gefahren hinwies. Der französische Staat will nun 10 Millionen Euro Entschädigung für Menschen bereitstellen, die Schaden durch die Einnahme des Medikaments genommen haben. Auch gegen den Hersteller Sanofi-Aventis läuft ein Entschädigungsverfahren.

 

Auch in Deutschland waren die Sicherheitshinweise für Valproat erst 2014 durch einen Rote-Hand-Brief verschärft worden. Die Linke wollte nun wissen, ob die Bundesregierung ebenfalls Nachforschungen anstellen will. Also etwa prüfen wird, ob Ärzte Patientinnen möglicherweise auch hierzulande nicht genügend über die Risiken des Medikaments aufgeklärt haben und ob Geschädigte Anspruch auf Entschädigung haben, sei es gegen Frankreich, Sanofi-Aventis oder gar die Bundesrepublik.

 

Die Bundesregierung sieht hier jedoch keinen Handlungsbedarf. Infolge des Rote-Hand-Briefs dürfen Ärzte seit 2014 Frauen im gebärfähigen Alter Valproat nur noch bei Epilepsie oder manischen Phasen einer bipolaren Störung verschreiben, heißt es in der Regierungsantwort. Und zwar nur dann, wenn andere Medikamente nicht wirken oder nicht vertragen werden. Wann dies der Fall sei, müsse der Arzt im Einzelfall entscheiden, so die Bundesregierung.

 

Ob Deutsche Anspruch auf Entschädigung haben, müssten Zivilgerichte klären. In Deutschland werde Valproat jedoch seltener verschrieben als in Frankreich. Wie vielen Frauen im gebärfähigen Alter das Mittel in den vergangenen Jahren verschrieben wurde und wie viele geschädigte Kinder es deshalb möglicherweise gibt, wisse man nicht, so die Regierung.

 

Das Magazin «Spiegel» hat entsprechende Daten jedoch beim Wissenschaftlichen Institut der AOK (WidO) angefragt. Demnach wurde das Medikament in den vergangenen zehn Jahren jährlich zwischen 250.000 und 290.000 Frauen im gebärfähigen Alter verordnet. Selbst nach Erscheinen des Rote-Hand-Briefs sei das Mittel dieser Patientengruppe nicht wesentlich seltener verschrieben worden: 2015 nämlich immer noch rund 237.000 Mal, schreibt der «Spiegel».

 

Entsprechend unzufrieden ist Kathrin Vogler, gesundheitspolitische Sprecherin der Linken, mit der Regierungsantwort. «Die Bundesregierung versucht, die Bedeutung des Skandals in Deutschland herunterzuspielen», sagte sie. Der Fall möge hierzulande zwar anders liegen als in Frankreich, trotzdem müsse er aufgeklärt werden. «Ich fordere die Bundesregierung auf, umfassend zu untersuchen, wie viele geschädigte Kinder es in Deutschland gibt und ob die Behörden genug getan haben, das zu verhindern», so Vogler. (ap)

 

30.01.2017 l PZ

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