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Neuer Wirkstoff: Hoffnung für Babys mit Muskelatrophie

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In einer Phase-II-Studie hat der experimentelle Arzneistoff Nusinersen die Muskelfunktion und Nervenaktivität von 20 Babys mit spinaler Muskelatrophie deutlich verbessert. Die Kinder leiden unter einer seltenen genetischen Erkrankung, bei der die Verbindung der Nervenzellen im Rückenmark mit den Muskeln beeinträchtigt ist. In der Folge degenerieren die Muskeln, was zu Problemen beim Atmen und Essen und der Motorik insgesamt führt. Macht sich die Erkrankung bereits im ersten Lebenshalbjahr bemerkbar, schafft es nur ein Viertel der betroffenen Kinder, bis zum zweiten Lebensjahr ohne größere Hilfe beim Füttern und Atmen auszukommen. Bislang ist die Erkrankung nicht behandelbar.

Im Rahmen der Studie bekamen die 20 Babys im Alter von ein bis sieben Monaten in Kanada und den USA das Antisense-Oligonukleotid Nusinersen per Lumbalpunktion ins Rückenmark injiziert. Dort soll der Wirkstoff dazu führen, dass mehr funktionierendes Survival-Motorneuron (SMN)-Protein gebildet wird, an dem es bei Patienten mit spinaler Muskelatrophie mangelt. Bei 14 von 18 Babys, bei denen eine Messung möglich war, verbesserte sich die gesamte Muskelfunktion im Schnitt um 11,5 Punkte auf der CHOP-INTEND-Motorfunktionsskala mit insgesamt 64 Punkten. Normalerweise nimmt der Score bei unbehandelten Kindern um 1,27 Punkte pro Jahr ab. 16 der Kinder überstanden die Studiendauer, ohne auf Unterstützung beim Atmen angewiesen zu sein, schreibt ein Autorenteam um Dr. Richard Finkel vom Nemours Children’s Hospital in Florida in der Fachzeitschrift «The Lancet».

«Unsere Ergebnisse sind vielversprechend, doch stellt dieser Wirkstoff keine Heilung dar», kommentiert Finkel in einer begleitenden Pressemitteilung. «Wir sahen bemerkenswerte Verbesserungen der Muskelfunktion, zum Beispiel entwickelten manche Babys die Fähigkeit zu sitzen und sich selbstständig zu drehen und verbesserten Kopfkontrolle, Strampeln, Greifen, Stehen und sogar Laufen.» Solche Verbesserungen habe man bislang bei Babys mit spinaler Muskelatrophie nicht beobachten können, allerdings konnte der Wirkstoff nicht die altersgemäß normale Muskelfunktion komplett herstellen.

Die Ergebnisse seien mit Vorsicht zu interpretieren, da es sich um eine kleine Probandenzahl handelt, der Beobachtungszeitraum mit 18 bis 32 Monaten relativ kurz war und der Wirkstoff nicht mit Placebo oder einer anderen Intervention verglichen wurde. Nun soll eine größere Phase-III-Studie folgen.

Vier Kinder starben während der Studie aufgrund der Erkrankung. Alle Kinder litten unter unerwünschten Ereignissen wie Atemschwierigkeiten und Infektionen der Atemwege, die mit der Erkrankung und nicht mit dem Wirkstoff zusammenhingen. Ein Baby entwickelte eine Neutropenie und eines litt unter leichtem Erbrechen; beides schreiben die Forscher dem Wirkstoff als Nebenwirkung zu.

Nusinersen wurde bereits bei Kindern verschiedenen Alters mit unterschiedlichen Arten der spinalen Muskelatrophie erfolgreich getestet. Im Oktober haben die Hersteller Biogen und Ionis Pharmaceuticals die Zulassung in Europa beantragt. Die Europäische Arzneimittelagentur will das Orphan Drug in einem beschleunigten Zulassungsverfahren überprüfen. Es soll unter dem Namen SpinrazaTM auf den Markt kommen. (dh)

DOI: 10.1016/S0140-6736(16)31408-8


07.12.2016 l PZ

Foto: Fotolia/ciccicbeo