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Biologe: Gefahren durch grüne Gentechnik sind eingebildet

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Die Ablehnung der grünen Gentechnik in Europa ist nach Ansicht des Biologen Matan Shelomi (28) wirtschaftlich motiviert. Alle wissenschaftlichen Studien zeigten, dass genveränderte Nahrungsmittel genauso sicher für den Verzehr seien wie herkömmliche, sagte der amerikanische Insektenforscher vom Max-Planck-Institut für chemische Ökologie in Jena. «Es gibt 2000 verschiedene Publikationen, die sagen: genveränderte Organismen sind sicher.» Die europäischen Landwirte lehnten Gen-Pflanzen dennoch ab, weil sie damit nicht zusätzliche Gewinne machen könnten. Seit der Rinderwahn-Krise vor 15 Jahren stünden in Europa die Risiken in der Nahrungsmittelerzeugung im Vordergrund. Doch die «Anti-Gentechnik-Ideologie» der EU beruhe auf eingebildeten Gesundheitsgefahren.

 

Von der grünen Gentechnik profitierten vor allem die Kleinbauern in Entwicklungsländern, meint Shelomi. Sie machten schon 90 Prozent der Nutzer aus. «Jedes Jahr werden es mehr.» Dass sie in Abhängigkeit von Saatgutkonzernen geraten könnten, glaubt Shelomi nicht. Er verweist in diesem Zusammenhang auf das humanitäre Golden-Rice-Projekt. Das Saatgut für diese besonders nahrhafte Sorte soll für die Bauern lizenzfrei sein.

 

Das Projekt wird aber trotzdem von Gentechnik-Gegnern abgelehnt, weil der wertvolle Betacarotin-Anteil, einem Grundstoff für Vitamin A, durch ein gentechnisches Verfahren eingefügt wurde. «Wir halten das für den völlig falschen Ansatz», sagt der Gentechnik-Experte von Greenpeace, Dirk Zimmermann. Das Projekt sei keine Lösung, Die Menschen in armen Ländern bräuchten nicht nur mehr Vitamin A, sondern eine vielfältige Ernährung. Nur Reis anzubauen, sei eine ganz wesentliche Ursache für die Mangelernährung.

 

Der «Vater» des Golden-Rice-Projekts, der Freiburger Zellbiologe Peter Beyer, reagiert auf solche Kritik empört. «Erzählen Sie mal einem Kleinbauern, er möge außer Reis auch Karotten anbauen», sagt der Professor. «Das hat seit 40 Jahren nicht funktioniert.» Der Vitamin-A-Mangel führe bei Kindern zur Erblindung, erklärt Beyer. Außerdem werde ihr Immunsystem geschädigt, sie überlebten Kinderkrankheiten wie Masern nicht. Die Kindersterblichkeit könnte nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation um 25 Prozent gesenkt werden, wenn der Vitamin-A-Mangel beseitigt würde. Doch Greenpeace argumentiere nur politisch. «Es geht nicht darum, Mängel zu beseitigen, sondern Ängste zu schüren», meint Beyer. Zimmermann sagt auf die Frage nach einer Studie, die die Gefahren genveränderter Nahrungsmittel belege: «Ein ganz krasses Beispiel kenne ich nicht.» Allerdings hätten derartige Agrarprodukte «allergenes Potenzial».

 

Das Bundesinstitut für Risikobewertung in Berlin weiß von keiner seriösen wissenschaftlichen Studie, die eine negative Auswirkung zugelassener genveränderter Organismen (GVO) auf Säugetiere oder den Menschen belegt. Eine Sprecherin erklärt: «Auch weitere Studien, die vermeintlich schädigende Effekte von GVO beschrieben haben, sind infolge gravierender wissenschaftlicher Mängel nicht für die Risikobewertung geeignet.» Als Beispiel nennt sie eine Untersuchung zu Effekten von Gen-Soja auf Ziegen. Die Gruppe um den italienischen Forscher Federico Infascelli stehe im Verdacht der Datenfälschung, eine Publikation sei deswegen bereits zurückgezogen worden. Shelomi will seine Argumente am 6. Mai auf einer Konferenz der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften in Hamburg vortragen. Auf der Veranstaltung sollen die Ängste vor der grünen Gentechnik eines der Hauptthemen sein. Die in Roßdorf bei Darmstadt beheimatete Gesellschaft hat es sich zur Aufgabe gemacht, unbewiesene Behauptungen zu überprüfen und das wissenschaftliche Denken zu fördern.

 

02.05.2016 l dpa

Foto: Fotolia/Peter Maszlen