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Gliome: Skorpiongift als Krebsmittel

Wirkstoffe, die aus dem Gift von Skorpionen abgeleitet sind, könnten einen neuen Ansatz zur Behandlung von Hirntumoren darstellen. Konkret geht es um Chlorotoxin (CTX), ein Peptid aus dem Gift von Leiurus quinquestriatus, dem Gelben Mittelmeerskorpion. Beeindruckender klingt der englische Name des Tieres: Deathstalker. Er weist darauf hin, dass dieser Skorpion zu den giftigsten der Welt gehört.

 

CTX hemmt spezifisch bestimmte spannungsabhängige Chloridionenkanäle, die in malignen Gliomen, also von Gliazellen ausgehenden bösartigen Hirntumoren, gehäuft vorkommen. Andere Körperzellen tragen diese Kanäle dagegen nicht, sodass sie einen Gliom-spezifischen Angriffspunkt darstellen. Die Tumorzelle braucht diese Kanäle zur Regulierung der Erregbarkeit, des Volumens und des Transmembran-Transports sowie zur Aufrechterhaltung der Homöostase und des Säure-Base-Haushalts der Organellen. Zudem spielen sie eine Rolle bei der Tumor-Immunantwort, -Proliferation, -Differenzierung, -Invasion und -Migration.

 

Bei der Suche nach weiteren Substanzen, die wie CTX wirken, wurden Wissenschaftler der Universität Erlangen-Nürnberg um Tengfei Xu und Zheng Fan jetzt beim Goldenen Chinesischen Skorpion (Mesobuthus martensii) fündig. Extrakte aus dessen Gift gelten in der chinesischen Heilkunst als wirksames Mittel gegen neurologische Leiden wie chronische Schmerzen, Lähmungen, Schlaganfälle oder Epilepsie. Im Gift von Mesobuthus martensii identifizierten die Forscher die beiden Peptide CA4 und CTX-23, die beide die Gliom-spezifischen Chloridionenkanäle wie CTX hemmen. Zudem fanden die Wissenschaftler heraus, dass CA4 und das schon länger bekannte CTX auch eine Wirkung auf Endothelzellen entfalten und so die Tumor-induzierte Angiogenese hemmen. Das berichten sie im Fachjournal «Scientific Reports».

 

Die Hinweise verdichten sich also, dass sich CTX und Analoge tatsächlich zur Behandlung von Gliom-Patienten eignen könnten. Weitere Forschung muss nun zeigen, ob die Klinik hält, was die Theorie verspricht. (am)

 

DOI: 10.1038/srep19799

 

04.02.2016 l PZ

Foto: Fotolia/Alexey Protasov