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Paroxetin bei Jugendlichen unwirksam

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Eine aktuelle Publikation stellt den breiten Einsatz des selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmers (SSRI) Paroxetin zur Behandlung von Jugendlichen mit Depression grundsätzlich infrage. Im «British Medical Journal» (BMJ) schreiben Wissenschaftler um Joanna Le Noury von der Bangor University in Wales, dass weder Paroxetin noch das in der Studie ebenfalls untersuchte Trizyklikum Imipramin besser wirkten als Placebo, jedoch zu erheblich mehr Nebenwirkungen führten.

 

Die Gabe von Paroxetin hat bei Jugendlichen mit unipolarer Depression einer aktuellen Publikation zufolge keine Vorteile gegenüber Placebo. In der achtwöchigen Studie bewirkten Paroxetin, Imipramin oder Placebo eine Verbesserung um 10,7, 9,0 beziehungsweise 9,1 Punkte auf der Hamilton-Depressions-Skala. In der Paroxetin-Gruppe kam es dabei häufiger zu suizidalen Absichten und Suizidversuchen sowie anderen Nebenwirkungen; Imipramin erhöhte das kardiovaskuläre Risiko.

 

Das Pikante an der Sache: Die Daten sind uralt. Es handelt sich um die erneute Auswertung einer bereits 2001 im «Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry» erschienenen Arbeit. Die Autoren um den mittlerweile emeritierten Professor Dr. Martin Keller von der US-amerikanischen Eliteuniversität Brown attestierten dem SSRI damals jedoch eine »allgemein gute Verträglichkeit und Wirksamkeit«.

 

Die Arbeit, um die es geht, heißt Studie 329 und wurde seinerzeit von Paroxetin-Hersteller Smith-Kline-Beecham finanziert, der später in Glaxo-Smith-Kline aufging. Sie war von Anfang an umstritten, weil die Schlussfolgerungen, die die Autoren zogen, im Widerspruch zu den Ergebnissen standen. BMJ-Mitherausgeber Peter Doshi geht in einem begleitenden Meinungsbeitrag zur aktuellen Publikation sogar davon aus, dass der ursprüngliche Entwurf von einem Ghostwriter der Firma geschrieben wurde.

 

2002 habe ein Mitarbeiter der US-amerikanischen Arzneimittelaufsicht FDA bei einer Überprüfung festgestellt, dass diese Studie als gescheitert anzusehen sei, da keines der beiden Antidepressiva-Regimes eine signifikante Überlegenheit gegenüber Placebo gezeigt habe. Dennoch seien im selben Jahr allein in den USA mehr als zwei Millionen Paroxetin-Verordnungen für Kinder und Jugendliche ausgestellt worden. Trotz der offensichtlichen Diskrepanzen sei die Studie nicht korrigiert worden und keiner der 22 Autoren sei zur Rechenschaft gezogen worden.

 

Dass die Studie 329 nun erneut unter die Lupe genommen wurde, ist der Initiative RIAT zu verdanken. RIAT steht für «restoring invisible and abandoned trials» und ist ein Zusammenschluss von Forschern, die sich einer größeren Transparenz in der medizinischen Forschung verpflichtet fühlen. Dass die jetzige Arbeit im BMJ erscheint, ist auch kein Zufall: Unter der Federführung von Chefredakteurin Dr. Fiona Godlee hat sich das Journal genau dies auf die Fahnen geschrieben, wie sich zuletzt auch im Streit um den Wirksamkeitsnachweis von Oseltamivir (Tamiflu®) zeigte. (am) 

 

DOI: 10.1136/bmj.h4320 (aktuelle Studie im «British Medical Journal»)

DOI: 10.1097/00004583-2001 07000-00010 (ursprüngliche Publikation im «Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry»)

DOI: 10.1136/bmj.h4629 (Peter Doshis Meinungsbeitrag  im BMJ)

 

17.09.2015 l PZ

Foto: Fotolia/nsphotography