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Arzneimittelkosten: GKV verzeichnet erneut Rekordjahr

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Die Arzneimittelausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) haben im vergangenen Jahr wieder alle Rekorde ge­bro­chen. Für Medikamente gaben die Krankenkassen 35,4 Milliarden Euro aus. Das ist ein Plus von 10,3 Prozent im Vergleich zu 2013, wie aus dem ak­tu­el­len Arzneiverordnungsreport (AVR) hervorgeht, der heute in Berlin vorgestellt wurde. Verantwortlich für den Ausgabenanstieg sind demnach unter anderem neue gesetzliche Vorschriften. So war der Herstellerabschlag 2014 zunächst auf 6 Prozent gesunken, seit April des vergangenen Jahres müssen Pharmaunternehmen den Krankenkassen einen Rabatt von 7 Prozent gewähren. 2013 hatte dieser Abschlag noch bei vollen 16 Prozent gelegen.

 

Darüber hinaus waren 2014 zahlreiche vergleichsweise teure Arzneimittel auf den Markt gekommen, darunter das als 1000-Dollar-Pille bekannte Präparat Sovaldi® (Sofosbuvir) gegen Hepatitis C. Dem Report zufolge hatte die Verordnung eines patentgeschützten Arzneimittels 2014 daraufhin im Schnitt 25 Prozent mehr gekostet als im Jahr davor. «Der Pharmamarkt boomt», sagte AVR-Mitherausgeber Professor Ulrich Schwabe. Mit 46 Präparaten seien 2014 so viele neue Arzneimittel auf den Markt gekommen wie in keinem Jahr zuvor. Verbunden mit einer neuen Preispolitik der Hersteller treibe diese Entwicklung die Gesetzliche Krankenversicherung langfristig an ihre finanziellen Grenzen.

 

Immerhin sehen die AVR-Autoren auch wirksame Kostenbremsen im Arzneimittelmarkt. So sparten die Kassen 2014 laut Report insgesamt 3,2 Milliarden Euro über Rabattverträge. Das sind 200 Millionen Euro mehr als 2013. Das Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG) bescherte der GKV darüber hinaus Einsparungen von 443 Millionen Euro.

Schwabe zufolge reicht das aber nicht aus. Er drängte erneut darauf, dass auch Arzneimittel aus dem sogenannten Bestandsmarkt ihren Zusatznutzen unter Beweis stellen müssen. Ursprünglich sollten Präparate, die bereits vor Inkrafttreten des AMNOG im Jahr 2011 auf dem Markt gewesen waren, ebenfalls eine Nutzenbewertung durchlaufen. Dieses Verfahren hatte die Große Koalition im April 2014 jedoch aufgrund rechtlicher Bedenken und unter Verweis auf den hohen administrativen Aufwand gestoppt. Schwabe hält diese Argumente für vorgeschoben. Das Einsparpotenzial im Bestandsmarkt sei enorm, sagte er. «Die Rückkehr zur Bestandsmarktbewertung wäre ein erster Schritt, um die derzeitigen Kostenprobleme der GKV zu lösen.»

 

Martin Litsch, kommissarischer Vorstand des AOK-Bundesverbands, wurde noch deutlicher. Die gestiegenen Arzneimittelkosten könnten bereits im kommenden Jahr zu Beitragssteigerungen von 0,2 Prozentpunkten führen, sagte er. Die Pharmaindustrie nutze die Möglichkeiten des AMNOG zu ihren Gunsten. So könnten Hersteller für Arzneimittel mit Zusatznutzen in den ersten zwölf Monaten nach Marktzugang geradezu Mondpreise verlangen. Litsch sprach sich daher für eine rückwirkende Geltung der verhandelten Erstattungsbeträge aus. Damit könnten die Kassen 250 Millionen Euro jährlich sparen. 

 

Dass zumindest Teile der Großen Koalition solchen Vorschlägen durchaus offen gegenüberstehen, machte SPD-Gesundheitsexperte Professor Karl Lauterbach deutlich. «Wir haben uns vom AMNOG mehr versprochen», sagte er. Ursprünglich wollte die Politik jährlich 2 Milliarden Euro über das Gesetz sparen. Doch davon ist man derzeit weit entfernt. Lauterbach kann sich daher eine Weiterentwicklung des AMNOG vorstellen. Zu Beginn des kommenden Jahres könnte das Thema auf der Agenda der Koalition stehen, sagte er.

 

Der Bundesverband der Arzneimittelhersteller (BAH) lehnt eine rückwirkende Geltung der Erstattungsbeträge erwartungsgemäß ab. Ein solcher Schritt sei schon aus verfassungsrechtlichen Gründen unzulässig, sagte BAH-Vize-Hauptgeschäftsführer Hermann Kortland. «Zudem stellt sich die Frage, welchen Wert dann noch Patent- und Unterlagenschutz haben.»

 

Der Verband der forschenden Pharmaunternehmen warf den Autoren des Reports vor, eine Gespensterdebatte zu führen. Die Politik habe die Bestandmarktprüfung aus guten Gründen gestoppt, den Herstellern im Gegenzug aber das verlängerte Preismoratorium und einen 7- statt 6-prozentigen Herstellerabschlag auferlegt. Auf diese Weise hätten die Kassen allein 2014 rund 2 Milliarden Euro gespart. Der Bundesverband der pharmazeutischen Industrie verwies auf den therapeutischen Fortschritt neuer Arzneimittel insbesondere im Bereich Hepatitis C. Einsparungen durch vermiedene Folgebehandlungen wie Lebertransplantationen und die eingesparte bisherige Behandlung rechne der Report nicht gegen, heiß es dort.

 

Der Arzneiverordnungsreport stellt seit mehr als 30 Jahren regelmäßig Zahlen zu den vertragsärztlichen Verordnungen vor und ermittelt Einsparpotenziale im Arzneimittelbereich. Herausgeben wird er von Schwabe und Dieter Paffrath in Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftlichen Institut der AOK. (sch)   

 

23.09.2015 l PZ

Foto: Fotolia/Jolanta Mayerberg