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Medikationsplan: Zwischen Theorie und Praxis liegen Welten

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Nur jeder 16. ärztliche Medikationsplan entspricht der tatsächlichen Einnahmepraxis. Die Diskrepanz zwischen Medikationsplan und tatsächlicher Medikamenteneinnahme ist also deutlich größer als bisherige Untersuchungen nahelegen. Das sind Ergebnis und Fazit einer Studie der Universität Münster, die im Fachmagazin «Journal of Evaluation in Clinical Practice» veröffentlicht wurde.

 

Wie aus einer Pressemeldung der Apothekerkammer Westfalen-Lippe hervorgeht, wurden 500 Patienten nach ihrem Medikationsplan gefragt; nur 80 Prozent von ihnen besaßen einen. Im nächsten Schritt untersuchten Apotheker bei diesen 399 Patienten, ob der Plan mit der tatsächlich eingenommenen Medikation des Patienten übereinstimmte. Das war nur selten der Fall (6,5 Prozent). Insgesamt wurden mehr als 2000 Abweichungen festgestellt. In 78 Prozent der Fälle betrafen sie verschreibungspflichtige, in 22 Prozent der Fälle nicht verschreibungspflichtige Medikamente.

 

Die Studie von Isabel Waltering, Dr. Oliver Schwalbe und Professor Dr. Georg Hempel zeigt auf, in welchen Bereichen die häufigsten Abweichungen vom ärztlichen Medikationsplan vorliegen: 41 Prozent der Fälle betrafen den Austausch eines Arzneimittels durch ein weitgehend wirkstoffgleiches Arzneimittel eines anderen Herstellers. «Der Austausch an sich ist nicht das Problem, da die Wirksamkeit dieselbe ist. Aber dadurch, dass auf dem Medikationsplan ein anderer Name steht als auf dem ausgehändigten Medikament, kann es bei den Patienten zu Missverständnissen und Fehleinnahmen kommen», kommentiert Hempel. In 30 Prozent der Fälle nahmen Patienten ein Arzneimittel ein, das nicht im Medikationsplan aufgeführt war. In 18 Prozent der Fälle hatten sie eines oder mehrere Arzneimittel ohne Kenntnis des Arztes abgesetzt. In 11 Prozent der Fälle gab es zum Teil erhebliche Abweichungen bei der eingenommenen Dosis. Die meisten Abweichungen betrafen Antihypertonika (494 Fälle), gefolgt von Analgetika (178 Fälle) und Antidepressiva (105 Fälle).

 

«Vollständige und aktuelle Informationen über die verordnete Medikation sind eine Grundvoraussetzung für eine sichere und optimale Therapie. Vor dem Aushändigen des Medikationsplanes ist eine Medikationsanalyse vorzunehmen», schlussfolgern die Studienautoren. Aus ihrer Sicht sollten Apotheker eine Schlüsselrolle bei der Erstellung und regelmäßigen Aktualisierung von Medikationsplänen spielen. «Gerade bei Patienten, die mehrere Medikamente einnehmen, ist eine Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Apothekern besonders wichtig. Offensichtlich bestehen hier noch hohe Defizite», so Waltering. (ss)

 

DOI: 10.1111/jep.12395

 

14.07.2015 l PZ

Foto: Fotolia/Colette