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Kassen: Innovationen nicht mehr allen bezahlen

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Deutsche Krankenkassen wollen neue, innovative Medikamente künftig nur noch bestimmten Patientengruppen bezahlen. Das machte der GKV-Spitzenverband heute auf einer Pressekonferenz in Berlin deutlich. Nur Patientengruppen, für die Studien einen Zusatznutzen nachgewiesen haben, sollten das entsprechende Arzneimittel künftig noch auf Kosten ihrer Kasse erhalten, sagte der Stellvertretende Verbandsvorsitzende, Johann-Magnus von Stackelberg. Im Fall des umstrittenen Hepatitis-C-Präparats Sofosbuvir (Sovaldi®) wären das etwa Menschen mit einem bestimmten Genotyp des Virus. Alle anderen sollten auf althergebrachte Medikamente zurückgreifen oder das neue Mittel aus eigener Tasche zahlen, so von Stackelberg.

 

Dem Kassenfunktionär zufolge ist dafür eine Gesetzesänderung nötig. «In anderen Ländern wird das längst so gemacht, wir würden uns freuen, wenn Deutschland die Idee übernehmen könnte», sagte von Stackelberg. Das von Pharmaherstellern angeführte Argument, dass sich oft erst dann herausstelle, dass ein Medikament auch anderen Patientengruppen hilft, wenn viele Menschen es eingenommen hätten, ließ er nicht gelten. Weitere, durch die Hersteller bezahlte Studien könnten den ersten Eindruck eines neuen Arzneimittels schließlich jederzeit korrigieren, so von Stackelberg.

 

Die Hersteller klagten oft, dass Medikamente hierzulande billiger seien als im europäischen Ausland und Innovationen später beim Patienten ankämen. Dies sei aber nicht der Fall, sagte der Kassenvertreter. Die Unternehmen verglichen nämlich öffentliche Listenpreise, ignorierten jedoch gesetzliche Abschläge, Rabatte und länderspezifische Erstattungsregeln. «Wir lassen uns aber durch Untersuchungen, in denen Äpfel mit Birnen verglichen werden, nicht irritieren», sagte von Stackelberg. Der GKV-Spitzenverband hatte deshalb kürzlich selbst eine Studie bei Professor Reinhard Busse von der Technischen Universität Berlin in Auftrag gegeben.

 

Busse hatte dafür Arzneimittelversorgung und Medikamentenpreise in 15 europäischen Ländern nach Abzug von Rabatten und nach den Erstattungsverhandlungen verglichen. Dabei habe sich herausgestellt, dass Deutschland äußerst großzügig sei, was die Erstattung von Medikamentenkosten und die schnelle Verfügbarkeit neuer Arzneien angehe. 95 Prozent der neuen Medikamente seien in Deutschland innerhalb von zwei Jahren nach Zulassung verfügbar, kein anderes europäisches Land sei so schnell, so Busse. Dasselbe gelte für den Zeitraum zwischen Erstattungsfähigkeit und tatsächlichem Verkauf in den Apotheken. Er betrage in Deutschland im Schnitt nur drei Monate, in den Niederlanden etwa seien es neun, in Frankreich zehn.

 

Auch stehe Deutschland an zweiter Stelle, was die öffentlichen Ausgaben für Medikamente angeht. Nur in Irland geben öffentliche Institutionen wie Krankenkassen laut Gutachten noch mehr Geld für Arzneimittel pro Kopf aus. In Deutschland waren es 2012 im Schnitt rund 500 US-Dollar. Auch seien die Patienten-Zuzahlungen hierzulande vergleichsweise moderat, sagte Busse. «Deutschland bietet den pharmazeutischen Unternehmen hervorragende Rahmenbedingungen für Innovationen», lautete deshalb das Fazit des GKV-Spitzenverbands.

 

Das sieht der Verband der forschenden Pharmaunternehmen (vfa) naturgemäß anders. Zwar seien neue Medikamente in Deutschland schnell auf dem Markt, sie erreichten jedoch nur wenige Patienten, da Krankenkassen Druck auf die verschreibenden Ärzte ausübten, sagte vfa-Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer. Auch gebe es in Deutschland überhaupt keine wissenschaftlich neutrale Nutzenbewertung, da der GKV-Spitzenverband in allen entscheidenden Gremien eine dominierende Stellung innehabe. (ah)

 

15.06.2015 l PZ

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