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Welt-Autismus-Tag: Stoppt die Diskriminierung!

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Nach Schätzung der Weltgesundheitsorganisation sind mehr als 80 Prozent der Erwachsenen mit Autismus arbeitslos – dabei würden Arbeitgeber ihr ungemeines Potenzial verkennen, heißt es zum Welt-Autismus-Tag am 2. April. So haben Menschen mit einer Störung aus dem Autismus-Spektrum oft bessere Fähigkeiten zum Erkennen von Mustern und logischem Denken und schenken Details mehr Aufmerksamkeit als «neurotypische» Arbeitnehmer.

Der Bundesverband Autismus beklagt eine Diskriminierung der Betroffenen. Kindern mit einer autistischen Störung werde der Zugang zur angestrebten Schulform verweigert, Erwachsene hätten meist keine Chance auf eine Wohngruppe oder einen Arbeitsplatz in einer Behindertenwerkstatt. Eine «Benachteiligungsspirale» von unzureichender Schulbildung über fehlende Arbeit und geringes Einkommen dränge Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, kritisiert die Vereinsvorsitzende Maria Kaminski. Autisten, die sich um eine Stelle bewerben, würden zu 80 bis 90 Prozent schon im Vorstellungsgespräch scheitern, sagt Astrid Grothe von autWorker, einer Hamburger Genossenschaft, die diese Menschen bei der beruflichen Integration unterstützt. Einige IT-Firmen stellen inzwischen aber gezielt qualifizierte Menschen mit dem Asperger-Syndrom, einer leichteren Form des Autismus, ein.

Autismus ist eine Entwicklungsstörung mit einem ganzen Spektrum an Symptomen. In der frühen Kindheit können vor allem sprachliche Defizite und besondere Verhaltensweisen auffallen. In der EU ist schätzungsweise 1 von 100 Kindern betroffen. Sie vermeiden zum Beispiel Körper- oder Blickkontakt. Autisten haben ein Problem mit der Dechiffrierung von Gestik und Mimik, sie verstehen oft nicht, was der andere meint, wie Daniel Schöttle, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, erläutert. Ihr Kernproblem sei, dass sie nicht zwischen den Zeilen lesen könnten.

Autisten oder Menschen mit dem milderen Asperger-Syndrom seien oft sehr zuverlässig und loyal, mitunter geradezu verletzend ehrlich, lösten Aufgaben mit Perfektionismus und verfügten manchmal über ein hohes Spezialwissen, sagt Schöttle. Von der Struktur her seien sie aber zwanghaft und unflexibel. Mit einer spontanen Planänderung könnten sie schlecht umgehen. Darauf können Arbeitgeber sich jedoch einstellen. Wichtig sind vor allem klare Anweisungen und Verständnis.

Fachlich seien Autisten am Arbeitsplatz oft gar nicht eingeschränkt, sagt Friedrich Nolte vom Bundesverband Autismus Deutschland. Sie hätten eher Probleme im informellen Bereich. Manche kämen regelmäßig zu spät, sprächen sich nicht mit Kollegen ab, beteiligten sich nicht am Small Talk und gälten unter Umständen als arrogant. «Durch solche Dinge kann es dann schwierig werden», sagt Fachreferent Nolte.

Die Ursache von Autismus ist nicht geklärt. Ein Gendefekt ist bislang nicht entdeckt worden. Die Wissenschaft geht aber davon aus, dass es teilweise eine genetische Wurzel gibt, wie Schöttle sagt. Autismus trete häufig in Familien auf, in denen auch schon Fälle von Schizophrenie oder manisch-depressive Erkrankungen vorgekommen sind. Heilen kann man Autismus nicht. Die Betroffenen müssen lernen, mit den Symptomen umzugehen. Gestik und Mimik müssen sie sich wie Vokabeln einprägen. Es gibt Menschen, die unter dem Asperger-Syndrom leiden und es bis zum Professor gebracht haben.

 

01.04.2015 l PZ/dpa

Foto: CARE/David Rochkind