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Landflucht: Erst der Arzt, dann der Apotheker?

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Schon heute leiden zahlreiche ländliche Regionen Deutschlands unter den Folgen des zunehmenden Ärztemangels. So auch in Niedersachsen. «Wir brauchen zukunftsfähige Konzepte, um die flächendeckende medizinische und pharmazeutische Versorgung  sicherzustellen», lautete das Resümee des 11. Zwischenahner Dialogs, zu dem Berend Groeneveld (Foto), Vorsitzender des Landesapothekerverbands Niedersachsen, zahlreiche Vertreter der Ärzte- und Apothekerschaft, der Industrie und der Krankenkassen begrüßen konnte.

Das klassische Landarztdasein habe an Attraktivität verloren. Das finanzielle Risiko der Niederlassung in eigener Praxis gilt als zu hoch. Bürokratische Hürden werden als zunehmend unüberwindbar betrachtet. Auch seien junge Ärzte mehr als ihre Vorgänger an der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, guten Infrastrukturen und Work-Life-Balance als an Ansehen, Verdienst und Eigenverantwortung interessiert.

«Der Balanceakt zwischen Wettbewerb und Sicherstellung der Versorgung für Mediziner wird zunehmend schwieriger. Das gilt auch für Apotheker», machte Groeneveld deutlich. Diese, so der LAV-Vorsitzende, müssen sich nicht nur den Folgen der Landflucht der Ärzte, sondern auch dem zunehmendem internen und externen Wettbewerb im Apothekenwesen gewachsen zeigen. «Die Apothekenzahl sinkt. Die Packungszahlen und Gewinne stagnieren. Die Warenlager wachsen. Quersubventionierungen sind nicht mehr möglich», konstatierte er.

Noch sei die Apotheke in weiten Teilen des Landes präsent und könne ihrer Lotsenfunktion im Gesundheitswesen gerecht werden. Doch sei auch sie auf Unterstützung durch entsprechende gesetzliche Rahmenbedingungen sowie mehr Rechtssicherheit unter anderem im Notdienst und Entlassmanagement sowie entsprechende Vergütungen ihrer Dienstleistungen (Betäubungsmittel, Rezepturen, AMTS et cetera) angewiesen. Nur dann, so Groeneveld, können «wir auch zukünftig weiterhin jederzeit und ohne Anmeldung für jedermann» qualifizierten und akademischen Rat erbringen. «Pay für Performance: Wir brauchen eine honorierte Wirtschaftlichkeit», so der LAV-Vorsitzende, der sich Chancen für eine bessere Arznei-, Hilfs- und Heilmittelversorgung zudem durch das GKV-Versorgungsstärkungs- und eHealth-Gesetz sowie mehr Transparenz an Sektorengrenzen durch elektronische Vernetzung erhofft.

«Ein Großteil der derzeit noch praktizierenden Mediziner geht auf das Rentenalter zu. Gleichzeitig steigt in der nachwachsenden Arzt-Generation der Trend zur Festanstellung. Die Nachfolgersuche und somit Sicherstellung der ambulanten medizinischen Versorgung in der Fläche gestaltet sich zunehmend schwieriger», unterstrich der Vorstandsvorsitzende der KV Niedersachsen, Mark Barjenbruch, Hannover. Mit ideellen und finanziellen Anreizen versuche die Kassenärztliche Vereinigung, Studenten und Ärzte zur Niederlassung zu motivieren.

«Nicht nur die Landflucht der Ärzte, auch die zunehmende Urbanisierung mit steigender Zahl von Singlehaushalten sowie der Fortschritt in der Medizin und der Gesundheitswirtschaft werfen neue Fragen auf», erläuterte der Geschäftsführer Unternehmensentwicklung der AOK, Jan Seeger, Hannover. Auch die GKV suche nach Lösungen, so Seeger, der auf Handlungsoptionen wie mobile Arztpraxen, Förderung alternativer Zulassungen und Teilzeitmodelle, Einführung spezieller Versorgungsprogramme und Möglichkeiten der Telemedizin verwies.

Die Krankenkassen seien «auf vielen Gebieten unterwegs», zumal über die Gestaltung der «ausgelutschten» Preise «nichts mehr zu holen ist». Das hatte wie Seeger zuvor auch der DAK-Vorstandsvorsitzende Professor Dr. Herbert Rebscher, Hamburg, deutlich gemacht. Er plädierte für die «Stärkung und Evaluation forschungsbasierter Versorgung als gesellschaftliche Erwartung schlechthin». Gleichermaßen unumgänglich sei die Forcierung «selektiver Verträge als organisierte Suchprozesse zur Versorgungsoptimierung». Versorgungsmanagement unter Leitung der Kassen sei der Schlüssel zu mehr Effizienz und Effektivität des Gesundheitswesens einer alternden Gesellschaft. (cb)

 

20.04.2015 l PZ

Foto: PZ/Berg