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Antidepressiva: Viele Wege führen zum Ziel

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An der Entstehung einer Depression sind im Gehirn drei Neurotransmitter-Systeme beteiligt: Noradrenalin, Serotonin und Dopamin. «Welches dieser drei Systeme ein Antidepressivum moduliert, spielt für die Wirkung keine Rolle», sagte Dr. Walter Müller, emeritierter Professor an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, beim Pharmacon-Kongress in Schladming. Denn alle drei Neurotransmitter regulierten überlappend viele Hirnregionen, beeinflussten sich dabei gegenseitig und seien miteinander verschaltet. Für den antidepressiven Effekt komme es daher auf der primären Wirkmechanismus nicht an, wohl aber für die Wahrscheinlichkeit bestimmter Nebenwirkungen. Das könne man sich zunutze machen, etwa indem man Patienten mit ausgeprägten Schlafstörungen mit dem sedierenden Mirtazapin behandle oder Venlafaxin beziehungsweise Duloxetin bei chronischen Schmerzsymptomen einsetze.

«Die Wirkung der Antidepressiva ist gut belegt, aber sie setzt nicht sofort ein», sagte Müller. Wie sie genau zustande komme, sei nach wie vor unklar. Der Einfluss auf das oder die jeweilige(n) Neurotransmitter-System(e) sei sehr schnell zu messen. «Doch zwischen diesem Effekt und dem Einsetzen der Wirkung liegt eine Black Box.» Eine Erhöhung der Neuroplastizität des Gehirns nannte der Pharmakologe als die derzeit plausibelste Begründung.

Medienberichte über den ausgeprägten Placebo-Effekt von Antidepressiva, die deren Wirksamkeit insbesondere bei leichten Depressionen generell infrage stellten, bezeichnete Müller als unverantwortlich und falsch. Bei milderen depressiven Episoden sei zwar der Wirksamkeits-Unterschied zwischen Placebo- und Verum-Arm geringer als bei schwerer erkrankten Patienten. Zum einen gelte das aber nicht nur für die medikamentöse, sondern auch für die Verhaltenstherapie. Zum anderen sei Placebo in Langzeittherapien, bei denen es um die Verhinderung von Rezidiven und Rückfällen gehe, «dramatisch weniger wirksam». Außerdem müsse man sich vor Augen halten, dass die Gabe eines Placebos in einer klinischen Studie mit depressiven Patienten nicht Nichtstun bedeutet, «sondern ein hochwirksames Antidepressivum auf klinischer, neurophysiologischer und neuropsychologischer Ebene» darstelle. (am)

 

26.01.2015 l PZ

Foto: PZ/Annette Mende