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Cannabis: Konsumenten riskieren paradoxe Reaktionen

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Übelkeit und Erbrechen, starke Bauchkrämpfe und nicht zuletzt häufiges heißes Duschen, um die Symptome zu lindern, können Folgen eines langjährigen Cannabiskonsums sein. Darüber informieren Autoren um Professor Dr. Udo Bonnet von der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Castrop-Rauxel in der «Deutschen Medizinischen Wochenschrift». Im Gegensatz zur bekannten antiemetischen Wirkung von medizinischem Cannabis könne der chronische Einfluss größerer Mengen der Hanfdroge genau die entgegengesetzte Wirkung haben.

 

Obwohl Suchtmediziner das sogenannte Cannabis-Hyperemesis-Syndrom in letzter Zeit häufiger sehen, ist es in Deutschland noch relativ wenig bekannt. Die Folge davon ist, dass Ärzte es nur selten diagnostizieren. Darüber hinaus erkennen Konsumenten in der Regel nicht den Zusammenhang. Besonders fatal sei, dass einige sogar versuchten, die Übelkeit mit Gras zu bekämpfen. Viele hätten im Internet recherchiert, dass Cannabis gegen Übelkeit hilft, so Bonnet in einer Pressemeldung.

 

In der Regel tritt das Cannabis-Hyperemesis-Syndrom auch nicht sofort auf, sondern erst nach langjährigem Konsum. Die genaue Ursache dieser paradoxen Reaktion auf Cannabis ist nicht geklärt. Dem Bericht zufolge berücksichtigen die meisten Hypothesen Einflüsse von Cannabis auf das autonome und das zentrale Nervensystem. In die erste Kategorien zählen Faktoren wie Peristaltik-Hemmung, Gastroparese und Vasodilatation, in die zweite zum Beispiel die Modulation thermoregulatorischer und rhythmusbildender Zentren im Hypothalamus und des Brechzentrums.

 

Der Experte warnt auch vor Hautverbrennungen durch heißes Wasser. Viele Betroffene linderten die Symptomatik dadurch, dass sie mehrmals am Tag heiß duschen, unter Umständen zu heiß. Zudem könnten Duschen und Baden zu einem Zwangsverhalten werden, so Bonnet. In dem Beitrag wird über einen Patienten berichtet, der im letzten Jahr vor der Diagnosestellung circa 300 von 365 Tagen in der Badewanne verbracht haben soll. «Die gängigste Spekulation, weshalb eine thermische Reizung durch heißes Duschen oder Baden das Erbrechen unterbricht, bezieht thermoregulatorische Zentren im Hypothalamus mit ein», teilt Bonnet auf Nachfrage der Pharmazeutischen Zeitung mit. Diese Zentren könnten zum Beispiel durch vagale Afferenzen aus dem Gastrointestinaltrakt oder der Haut stimuliert werden und so auch Einfluss auf das Brechzentrum nehmen.

 

Laut Bonnet und Kollegen gibt es nur eine Möglichkeit zur Behandlung: den vollständigen Verzicht auf Cannabis. Antiemetika seien wirkungslos, Beruhigungsmittel wie Lorazepam könnten die Patienten süchtig machen und Psychopharmaka hätten schwere Nebenwirkungen. Ferner seien Opiate wegen der Gefahr der Abhängigkeitsentwicklung und möglicher Atemdepression bei Überdosierung nicht zur Behandlung geeignet. Bonnet betont, dass ein Cannabis-Hyperemesis-Syndrom nicht ungefährlich ist. Schwere Elektrolytstörungen und Nierenversagen seien möglich. (ss)

 

doi: 10.1055/s-0033-1360065

 

07.03.2014 l PZ

Foto: Fotolia/Villalon