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Emil von Behring: Kantig, kreativ und genial

MAGAZIN

 
Emil von Behring

Kantig, kreativ und genial


Von Brigitte M. Gensthaler / Als »Retter der Kinder« wurde Emil von Behring weltberühmt. Die Entwicklung und Produktion des Diphtherie-Heilserums brachten ihm Ruhm und Nobelpreis, Adelstitel und Reichtum ein. Da lagen Jahre voller Visionen und harter Arbeit hinter dem ehrgeizigen Arzt.

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Berlin 1888: Eine junge Frau schleppt sich mit letzter Kraft in die Charité. Verdacht auf akute Appendizitis. Stabsarzt Emil Behring soll sie notoperieren, aber er entgegnet: »Ich habe Wichtigeres zu tun, ich habe einen Termin bei Professor Koch.« 




Links: Emil von Behring im Institut für experimentelle Therapie, Marburg, 1906.

Er werde seine Karriere doch nicht wegen einer Patientin aufs Spiel setzen, weist er die Anfrage arrogant ab. Und doch operiert er die 18-Jährige – er weiß, dass er die neue Operationsmethode beherrscht und will das allen beweisen. Ida überlebt den Eingriff und wird gesund.

 

Fortan kreuzen sich die Wege der ebenso hübschen wie begabten Waise und des ehrgeizigen, selbstbewussten und genialen Arztes immer wieder. Ida muss die Kosten ihrer Behandlung als Hilfswärterin abarbeiten, sammelt Erfahrung und Wissen. Behring erkennt das Talent der jungen Frau: Sie habe das Zeug zu einem guten Arzt – wenn sie denn ein Mann wäre, sagt er zu ihr.

 

So beginnt der Fernsehfilm »Charité«, dessen erste Folge wenige Tage vor Behrings 100. Todestag ausgestrahlt wurde. »Wir wussten vorab nicht, welcher Behring uns im Film ­begegnen wird«, berichtet Dr. Ulrike Enke von der Emil-von-Behring-Bibliothek und Arbeitsstelle für Geschichte der Medizin in Marburg im Gespräch mit der PZ. Dabei kennt die Germanistin und Biologin den berühmten Forscher, der am 31. März 1917 starb, ­nahezu in- und auswendig. Denn seit 2009 bearbeitet sie den Behring-Nachlass in Marburg wissenschaftlich und bereitet nun eine wissenschaft­liche Biographie vor. Enke beriet die Drehbuchautorinnen Dorothee Schön und Dr. Sabine Thor-Wiedemann und lieferte Hintergrundinformationen zur Person Behrings für den Film.

 

»Im Film ist Behring, gespielt von Matthias Koeberlin, ein bad-guy und gegen den Strich gebürstet«, sagt Enke. Das sei nicht frei erfunden. »Er war kein einfacher Mensch und sehr unangepasst.« Sie beschreibt ihn als sehr intelligent und kreativ, aber auch kantig, misstrauisch und herrschsüchtig. »Bei den Kollegen war er nicht sehr beliebt, weil er auf seine Prioritätsansprüche pochte; als Verhandlungspartner war er gefürchtet.« Seine Schwester habe ihn »knarrig« genannt.

 

Vom Dorf über Bonn nach Berlin




Von oben: Erich Wernicke, Paul Frosch und Emil Behring mit einem Meerschweinchen als ­Versuchstier im Institut von Robert Koch, 1891.

Behring kam aus einfachen Verhältnissen. Emil, geboren am 15. März 1854 in Hansdorf (heute: Ławice) im damaligen Westpreußen, war das fünfte von dreizehn Kindern eines Dorfschullehrers. Nur mit einem Stipendium konnte er an der Militärärztlichen Akademie in Berlin Medizin studieren und diente ­danach als Militärarzt.

 

1888 wurde er als Stabsarzt an die Charité und dann als Assistent Robert Kochs an das Hygienische Institut der Universität Berlin kommandiert. Hier trifft Behring – im Film dramatisch ausgemalt – auf Koryphäen wie Rudolf Virchow, Robert Koch und Paul Ehrlich.




Emil von Behring bei der Blutabnahme von seinen Serumpferden, 1914

Doch schon vor seiner Begegnung mit Koch interessiert sich der junge Arzt für die Bakteriologie. 1882 publizierte er über die desinfizierende Wirkung von Jodoform. Im Pharmakologischen Institut in Bonn arbeitete er mit dem Milzbrand-Erreger Bacillus anthracis und entdeckte, dass bestimmte Tiere, nämlich Ratten, dagegen immun sind. »Hier beobachtete er das Prinzip der Immunität und suchte nach deren Grund«, ­berichtet Enke. Behring vermutete das »Antitoxin« im Blut der Ratten und konnte dies schließlich auch beweisen.

 

Das nötige Quentchen Glück




Die Marburger Professoren beim ­»Biologischen Kränzchen« 1910 (von links): stehend Paul Friedrich, Friedrich Schenck und August Gürber; sitzend Eugen ­Korschelt, Arthur Meyer, Rudolf Beneke, und Emil von Behring

Alle Fotos: © Behring-Nachlass, Philipps-Universität Marburg


Doch kann man Antitoxin-haltiges Tierblut auf kranke Menschen übertragen? Daran arbeitete Behring gemeinsam mit dem japanischen Bakteriologen Shibasaburo Kitasato (1853 bis 1931) ab 1888 im Hygiene-Institut der Charité in Berlin. »Es war sein großes Glück, dass er dabei die richtigen Erreger erforschte«, berichtet Enke. Denn die Keime Corynebacterium diphtheriae und Clostridium tetani produzieren Toxine, die erst die Krankheitssymptome auslösen.

 

Gemeinsam mit Kitasato und seinem Freund Erich Wernicke (1859 bis 1928) entwickelte Behring in Kochs Labor ein Heilmittel gegen die Diphtherie. Das neue Verfahren beruhte auf dem Prinzip der passiven Immunisierung, also der Injektion spezifischer Antitoxine, heute Immunglobuline oder Gammaglobuline genannt.

 

Rettendes Heilserum

 

Diphtherie war damals eine ebenso häufige wie todbringende Infektionskrankheit. In Preußen starben von 1881 bis 1886 jedes Jahr etwa 25 000 Säuglinge und Kleinkinder. »In die Berliner Diphtherie-Baracke wurden immer wieder Kinder eingeliefert, die mit dem Blutserum aus Ziegen, Meerschweinchen und Hunden behandelt wurden«, erklärt Enke. Paul Ehrlich entwickelte eine Wertbestimmung und berechnete die Dosis, die notwendig war, um ein Kind zu heilen. Die Diphtherieseren retteten Tausenden von Kindern das Leben; die Sterblichkeit sank in kurzer Zeit auf ein Fünftel.

 

Behring war nicht der Einzelkämpfer, als der er lange Zeit galt. »Er war in der wissenschaftlichen Community sehr stark vernetzt und anerkannt«, berichtet Enke. »Er brauchte Paul Ehrlich und die Kollegen für seine Forschung.« Gleichwohl war der harsche Mann nicht besonders beliebt.

 

Wohlstand und Ehre

 

Schon 1894 begannen die Farbwerke in Höchst mit der Produktion des Heilserums. »Behring war ein harter Verhandlungspartner und sicherte sich eine ­Gewinnbeteiligung von 50 Prozent bei den Farbwerken«, berichtet die Medizinhistorikerin. »Er wurde wohlhabend durch das Heilserum.«



Der gesellschaftliche Aufstieg ließ nicht auf sich warten. 1895 übernahm er die Direktion des Marburger Hygie­nischen Instituts. Ein Jahr später heira­tete er die 22 Jahre jüngere Else ­Spinola, die Tochter des Verwaltungs­direktors der Berliner Charité. Aus der Ehe gingen sechs Söhne hervor. Behring war bis an sein Lebensende kommunalpolitisch tätig. An seinem 60. Geburtstag verlieh ihm die Stadt die Ehrenbürgerwürde.

 

1904 gründete Behring seine eigene Firma, das Behring-Werk oHG. Das Geld dafür stammte weitgehend aus dem Preisgeld von 169 513 Mark – nach heutiger Währung etwa eine Million Euro –, das Behring anlässlich der Verleihung des ersten Nobelpreises für Medizin und Physiologie »für seine Arbeit betreffend die Serumtherapie und besonders deren Anwendung gegen Diphtherie« 1901 bekommen hatte. Im gleichen Jahr war er in den erblichen Adelstand erhoben worden und durfte ab 1903 als Wirklicher Geheimer Rat den Titel »Excellenz« führen.

 

Als Patient in München

 

Ein starker Einschnitt für Behring und seine Familie war die tiefe Depression, an der er etwa 1907 erkrankte. Drei Jahre lang, bis Herbst 1910 war er als Patient in der »Kuranstalt Neuwittelsbach«, dem heutigen Krankenhaus Neuwittelsbach in München-Nymphenburg, bei dem ­Internisten Rudolph von Hoesslin in ­Behandlung. Dieser bestätigte die Morphiumsucht seines Kollegen.

 

»Behring schreibt selbst, dass er so stark an Depressionen litt, dass er nicht aus dem Haus gehen konnte«, sagt Enke. Die Münchner Zeit und der wertschätzende Umgang – der berühmte Patient war eingebunden in die städtische Gesellschaft – hätten ihm gut getan.

 

Späte Erfolge und ­Fehlschläge

 

Zurück in Marburg 1910 stellte er sich neue Aufgaben. Er entwickelte ein Toxin-Antitoxin-Gemisch als aktive Schutzimpfung gegen Diphtherie und erprobte die Vakzine in der Marburger Frauen- und Kinderklinik. Ab 1914 wurden seine Serumpferde genutzt, um Heilserum gegen Tetanus zu gewinnen. Sein verbessertes Serum half im Ersten Weltkrieg vielen verwundeten Soldaten.

 

»Man konzentrierte sich bei den Behring-Werken nicht nur auf Diphtherie und Tetanus, sondern versuchte, ­gegen viele Krankheiten ein Antitoxin zu entwickeln«, betont die Medizinhistorikerin. So wurden auch Heilsera für Tiere produziert, zum Beispiel gegen Rinder-Tuberkulose, Schweine-Rotlauf oder Pferde-Rotz.

 

Nicht alle seine Forschungen waren erfolgreich. Wie Robert Koch scheiterte er an der Aufgabe, ein Heilmittel gegen die Volksseuche Tuberkulose zu ent­wickeln. Emil von Behring starb am 31. März 1917 an einer Lungenentzündung. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 13/2017

 

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