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Dysphagien: Gefährlicher Kloß im Hals

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Dysphagien

Gefährlicher Kloß im Hals


Von Nicole Schuster / Störungen beim Schlucken betreffen vor allem ältere Menschen. Das Problem ist deutlich bedrohlicher, als es klingt. Denn Schluckstörungen können Mangelernährung, Dehydratation und Pneumonien bedingen und erhöhen das Mortalitätsrisiko erheblich.

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Getränke, Speisen und den eigenen Speichel herunterzuschlucken, ist für die meisten ein selbstverständlicher Vorgang, über den sie nicht viel nachdenken. Menschen, die unter einer Dysphagie leiden, bereitet jedoch genau das Probleme. Bei ihnen liegen Funktionsstörungen vor, die das Schlucken erschweren oder ganz unmöglich machen.




Schlucken ist eine selbstverständliche Handlung. Bei verschiedenen Erkrankungen und im Alter kann das Schlucken aber Probleme bereiten.

Foto: Shutterstock/Pavel Kubarkov


Normalerweise sorgt eine fein abgestimmte Zusammenarbeit von mehr als 100 Muskeln und Organen dafür, dass Substanzen aus dem Mund in den Magen hinunterbefördert werden. Dabei durchläuft der Schluckvorgang drei Phasen: die orale, die pharyngeale und die ösophageale. Ist die erste Phase gestört, bereitet es schon Probleme, Nahrung aufzunehmen beziehungsweise zu zerkleinern. Bei einer dysfunktionalen pharyngealen Phase ist der Weg von flüssigen und festen Substanzen durch den Rachen in die Speiseröhre behindert. Von einer ösophagealen Dysphagie sprechen Ärzte, wenn der Weitertransport in den Magen beeinträchtigt ist.

 

Bei einem Großteil der Patienten liegt den Schluckbeschwerden eine Störung im Nervensystem zugrunde. Diese neurogenen Dysphagien betreffen vor allem die orale und pharyngeale Phase. »Die zweite große Gruppe sind Dysphagien aus dem onkologischen Bereich«, sagt Christian Ledl, Leiter der Abteilung Sprach-, Sprech- und Schlucktherapie an der Schön Klinik Bad Aibling im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung. »Tumore in der Kopf-Hals-Region können den Schluckvorgang behindern. Nach Operationen fehlen möglicherweise Strukturen, die zum Schlucken benötigt werden. Bestrahlungsfolgen können die muskuläre Beweglichkeit einschränken.« Zudem sind medikamenteninduzierte Dysphagien bekannt. Auslöser können Neuoleptika, Benzodiazepine, bestimmte Antidepressiva, Muskelrelaxanzien, Anticholinergika oder Anti­epileptika sein.

 

Dysphagien treten vor allem bei älteren Menschen auf. Schätzungen zufolge sind von den über 65-Jährigen etwa 13 Prozent betroffen, von den über 80-Jährigen sogar 33 Prozent. Der Schlaganfall gilt als häufigste Ursache. In der Akutphase leiden etwa 50 Prozent der Patienten an Schluckstörungen, bei etwa der Hälfte bleiben Beeinträchtigungen bestehen. Auch Schädel-Hirn-Traumata, die amyotrophe Lateralsklerose, degenerative Erkrankungen wie Morbus Parkinson und Demenzen oder entzündliche Nervenerkrankungen wie Multiple Sklerose verursachen häufig neurogene Dysphagien.

 

Erhöhtes Mortalitätsrisiko

 

Betroffene verlieren bald die Freude am Essen. Sie spüren ein Druck- oder Kloßgefühl im Hals, wenn sie etwas herunterschlucken wollen, und nehmen zwangsläufig nur noch kleine Nahrungsmengen zu sich. Erstickungs­anfälle, Husten oder eine gurgelige Stimme können nach dem Essen beziehungsweise Trinken auftreten. Je nach Art der Dysphagie liegen auch Kaustörungen oder eine verringerte Beweglichkeit der Zunge vor. Gefühlsstörungen im Mund oder Rachen, Heiserkeit bis hin zur Stimmlosigkeit und Sprechstörungen können begleitend auftreten.




Angedickte Flüssigkeiten sind bei Schluckstörungen besonders geeignet.

Foto: Shutterstock/YuliiaKas


Oft unterschätzt werden die Komplikationen, die durch Dysphagien entstehen können. Bei den Patienten ist das Risiko für Lungenentzündungen, ausgelöst durch Fremdkörper in den Atemwegen, erheblich erhöht. »Bei einem gestörten Schluckvorgang können Nahrung oder Flüssigkeit in die Atemwege vordringen«, erklärt Ledl. Sogenannte Aspirationspneumonien machen Dysphagien zur häufigsten Todesursache unter den Schlaganfallkomplikationen. Auch bei anderen Krankheiten, etwa Demenzen oder ALS, erhöhen durch eingetretene Fremdkörper ausgelöste Lungenentzündungen das Mortalitätsrisiko. »Dysphagien führen zudem schnell zu Mangelernährung, gefährlichem Gewichtsverlust und Dehydratation«, sagt der Experte aus Bad Aibling. »Patienten klagen über eine eingeschränkte Lebensqualität und können nur noch eingeschränkt am Alltag teilnehmen.«

 

Spezielle Techniken erleichtern das Schlucken

 

Ein geeigneter Ansprechpartner ist ein mit Dysphagien erfahrener Neurologe. Seine Diagnose beruht auf einer sorgfältigen Anamnese und gegebenenfalls auch der Befragung von Angehörigen. Die Magnetresonanztomografie ist erforderlich, um Tumoren auszuschließen. Mit einer Video-Endoskopie oder Video-Fluoroskopie kann der Arzt den Schluckvorgang von innen beobachten und Art und Schweregrad der Störung feststellen.

 

Die Therapie soll die psychische und physische Gesundheit verbessern und Komplikationen wie das Eindringen von Substanzen in die Atemwege und dadurch ausgelöste Aspirationspneumonien verhindern. Am besten gelingt das mit einer individuell angepassten Schlucktherapie durch einen speziell ausgebildeten Sprachtherapeuten. »Lähmungen oder eingeschränkter Beweglichkeit wirken wir mit geeigneten Übungen entgegen«, erklärt Ledl. »Spezielle Schlucktechniken verhindern, dass Fremdkörper in die Atemwege gelangen«. Auch die Nahrung muss angepasst werden. »Angedickte Flüssigkeit fließt langsamer und gibt dem Patienten mehr Zeit, den Schluckvorgang zu steuern.« In Studien hat sich eine honigartige Konsistenz als besonders günstig erwiesen.

 

Um einer Mangelernährung vorzubeugen, soll der Betroffene regelmäßig eine geeignete Kost, etwa pürierte Speisen oder nähstoffhaltige Getränke, zu sich nehmen. Spezielle Trinkbecher und Bestecke ermöglichen ein aspirationsfreies Schlucken. Ist eine selbstständige, orale Ernährung länger als eine Woche nicht möglich, können Ärzte eine Sonde durch die Bauchhaut legen (perkutane endoskopische Gastrostomie), um hochkalorische Nahrung, bestimmte Nährstoffe aber auch Medikamente direkt in den Magen zuzuführen. Wenn immer wieder ungewollt Speichel in die Luftröhre gelangt, sind oft ein Luftröhrenschnitt und das Tragen einer blockbaren Trachealkanüle angezeigt. Bei dieser Schutztracheotomie verhindert eine Blockung der Kanüle, dass Fremdkörper in die unteren Atemwege vordringen. Durch Absaugen lassen sich Sekrete aus der Trachea beziehungsweise den Hauptbronchien entfernen.

 

Medikamente helfen nur bedingt

 

In manchen Fällen kann eine Arzneimitteltherapie der Grunderkrankung zu einer Besserung der Dysphagie führen. Oftmals jedoch, etwa bei Parkinson, bedeutet eine Behandlung nicht unbedingt, dass auch die Schluckbeschwerden nachlassen. Ist die Ursache für die Dysfunktion, dass sich der obere Schließmuskel der Speiseröhre nicht weit genug öffnet, kann eine Injektion von Botulinumtoxin oder alternativ die Durchtrennung des Musculus cricopharyngeus helfen.

 

Zu den unangenehmen Begleit­erscheinungen, unter denen Patienten mit Dysphagien leiden können, gehört der Schluckauf. Die Kombination aus einem Protonenpumpen-Inhibitor wie Pantoprazol und den Wirkstoffen ­Baclofen sowie Domperidon kann Erleichterung verschaffen. Pantoprazol wirkt auch einem möglichen Sodbrennen entgegen. Andere Betroffene haben einen vermehrten Speichelfluss. Zur Behandlung dienen anticholinerge Substanzen, beispielsweise als Erstmedikation Glycopyrroniumbromid. Wenn im Gegenteil Mundtrockenheit Beschwerden bereitet, helfen Cholinergica wie Pilocarpin. Übermäßiger Schleim im Mund-Rachen-Raum lässt sich mit N-Acetylcystein verflüssigen.

 

Bei Patienten mit hohem Risiko für Aspirationen, etwa nach einem Schlaganfall, ist die Gabe von Amantadin (100 mg/d) zur Vorbeugung von Lungenentzündungen empfehlenswert. Wichtig ist auch eine optimale Mundhygiene. Kontaktpersonen sollten sich die Hände gründlich reinigen und gegebenenfalls auch desinfizieren. Besonders wichtig ist die Maßnahme für Pflegekräfte oder Angehörige, die bei der Nahrungsaufnahme oder Mundpflege unterstützen und dabei Krankheitserreger auf den Patienten übertragen könnten. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 09/2017

 

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