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Transdermales Magnesium: Sinnvoll oder nicht?

MEDIZIN

 
Transdermales Magnesium

Sinnvoll oder nicht?


Von Jürgen Vormann, Michael Weidner und Tanja Werner / Bei einem Magnesiummangel muss der Mineralstoff ergänzt werden. Die Wirksamkeit der oralen Substitution ist belegt, doch seit einiger Zeit werden auch Magnesium-Sprays zur äußeren Anwendung angeboten. Wie effektiv ist die transdermale Applikation?

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Magnesiumverbindungen sind als Arznei- und Nahrungsergänzungsmittel weitverbreitet. Die Wirksamkeit der oralen Substitution zur Behandlung eines Magnesiummangels ist unbestritten. Allerdings wird die Seriosität der oralen Supplementierung seit einigen Jahren durch intensive Vermarktung von Magnesium-haltigen Sprays zur äußeren Anwendung infrage gestellt. Sowohl in der Fach- und Laienpresse als auch im Internet wird die Wirksamkeit und Überlegenheit von Magnesiumöl gegenüber einer oralen Magnesiumeinnahme beworben. Die transdermale Aufnahme solle unter anderem mit weniger Nebenwirkungen verbunden sein, da der Magen-Darm-Trakt umgangen wird.

 




Der Salzgehalt des Toten Meeres beträgt etwa 28 Prozent. Etwa die Hälfte davon besteht aus Magnesiumchlorid.

Foto: Fotolia/frag


Magnesiumöl ist kein Öl, sondern eine konzentrierte Magnesiumchlorid-Lösung, die auf die Haut gesprüht wird. In dieser liegt Magnesium in ionisierter Form vor und ist nicht in der Lage, eine lipophile Schicht, wie die Haut sie darstellt, zu durchdringen. Denn das Überwinden der biophysikalischen Barriere Haut ist in relevanten Mengen nur für lipophile Substanzen möglich. Zudem besitzen Magnesiumionen eine große Hydrathülle, die den unregulierten Durchtritt durch Zellmembranen praktisch unmöglich macht. Eine zelluläre Magnesiumaufnahme findet deshalb nur über spezifische Magnesiumtransportsysteme und nicht durch Diffusion statt.

 

Da die abgestorbenen Zellen der obersten Hautschicht jedoch keine funktionsfähigen Magnesiumtransporter enthalten, kann eine Resorption nur über die geringe Fläche der Schweiß­drüsen und Haarfollikel möglich sein. Schweißdrüsen und Haarfollikel machen etwa 0,1 bis 1 Prozent der Hautoberfläche aus. Eine Ausnahme sind Situationen, in denen die Haut verletzt beziehungsweise durch Krankheiten in ihrer Struktur verändert ist, wie bei atopischer Dermatitis oder Psoriasis oder durch das Aufweichen der äußeren Hornschicht bei hohen Temperaturen.

 

Erste Informationen zur transdermalen Aufnahme von Magnesium wurden von dem naturheilkundlichen Arzt Dr. Norman Shealy veröffentlicht, der selbst Magnesiumöl vermarktet. Ihm zufolge könne ein Magnesiummangel mittels transdermaler Anwendung innerhalb von vier bis sechs Wochen beseitigt werden, die orale Substitution habe erst nach vier bis zwölf Monaten Erfolge erzielt. Eine Publikation zu dieser Vergleichsstudie ist nicht auffindbar, die Anfrage beim Autor blieb unbeantwortet.


Autoren

Professor Dr. Jürgen Vormann, IPEV Institut für Prävention und Ernährung, Ismaning

 

Michael Weidner, Dr. Schmidt-Felzmann & Kozianka Rechtsanwälte, Hamburg

 

Dr. Tanja Werner, Protina Pharmazeutische GmbH, Ismaning

 


Studienlage zur Effektivität

 

Eine ebenfalls herangezogene Studie für den Beleg der transdermalen Magnesiumresorption ist eine Untersuchung von Dr. Rosemary Waring von der University of Birmingham, in der Probanden an sieben Tagen täglich für zwölf Minuten ein Ganzkörperbad bei 50 bis 55° C in einer Lösung von Magnesiumsulfat (Epsom-Salz) nahmen. Die Autoren berichten danach von einem Anstieg der Serum-Magnesiumkonzentration. Diese Studie ist bisher nur im Internet veröffentlich (auf der kommerziellen Seite des Epsom Salt Council), jedoch nicht in einer wissenschaft­lichen, peer-reviewed Zeitschrift.

 

Dem entgegen stehen mehrere seriös publizierte Untersuchungen, die keine transdermale Aufnahme belegen konnten. So stieg bei Probanden mit gesunder Haut durch wiederholtes Baden in sehr magnesiumreichem Wasser der Serum-Magnesiumspiegel nicht, obwohl der Gradient erheblich war (»Pharmacological Research Communications« 1985, DOI: 10.1016/0031-6989 (85)90123-7). Das Wasser des Toten Meeres hat eine Magnesiumkonzentration von etwa 200 mmol/l, während die Serum-Magnesiumkonzentration etwa 0,8 mmol/l beträgt. Auch bei Patienten, die wegen einer rheumatoiden Arthritis zwei Wochen lang täglich 20 Minuten in 35° C warmem Wasser mit Zusatz von Badesalz aus dem Toten Meer oder Kochsalz badeten, war kein Anstieg der Magnesiumkonzentration im Serum nachweisbar.




Magnesiumöl soll laut Hersteller-Angaben am ganzen Körper aufgetragen werden und 30 Minuten einziehen.

Foto: Fotolia/Sentello


In einer randomisierten, placebokontrollierten doppelblinden Studie untersuchte die israelische Armee die Sicherheit einer Schutzlotion, die die Barrierefunktion der Haut stärken und so bei möglicher Exposition vor chemischen Kampfstoffen schützen soll. Da diese Lotion sehr magnesiumreich war, kontrollierten die Forscher unter anderem die Serum-Magnesiumspiegel der Probanden. Diese unterschieden sich zu keinem Zeitpunkt zwischen der Placebo- und der Lotiongruppe (»Military Medicine« 2009, 74(1): 47-52).

 

Gegen eine transdermale Aufnahme von Magnesium spricht auch die Tat­sache, dass Baden im Toten Meer bei verschiedenen Indikationen angewandt wird, wobei Patienten, aber auch Gesunde lange Zeit in diesem mineralienreichen Wasser verbringen. Eine pathologisch hohe Magnesiumkonzentration im Blut wurde nur bei Personen gefunden, die beinahe ertrunken wären und Wasser verschluckt hatten. Auch bei Patienten mit großflächigen Hautirritationen wie Psoriasis oder atopischer Dermatitis, die zum Teil über Wochen täglich in dem Wasser baden, ist nicht berichtet, dass es zu pathologischen Veränderungen der Magnesiumkonzentration im Serum kommt.

 

Rechtliche Aspekte

 

Der bislang fehlende wissenschaftliche Wirksamkeitsnachweis einer transdermalen Anwendung von Magnesium bedeutet in rechtlicher Hinsicht, dass die entsprechenden Auslobungen irreführend sind. Aber unabhängig davon stellt sich bei diesen Produkten auch die Frage zum rechtlichen Status. Aufgrund der äußerlichen Anwendung liegt zunächst eine Klassifizierung als Kosmetikum nahe. Allerdings fehlt der ausschließliche oder überwiegende Zweck der Hautpflege oder Verschönerung, weshalb ein Inverkehrbringen als Kosmetikum schon per definitionem ausscheidet.

 

Die äußerlich anzuwendenden Magnesium-Produkte werden ganz überwiegend, wenn nicht ausschließlich, zur Vorbeugung oder Behandlung von Magnesiummangel angeboten sowie zur Vorbeugung oder Behandlung von Muskelkrämpfen. Demzufolge werden die meisten, wenn nicht alle derzeit erhältlichen transdermalen Magnesiumprodukte aufgrund ihrer Zweckbestimmung als Präsentationsarzneimittel zu klassifizieren sein mit der Rechtsfolge, dass sie ohne Arzneimittelzulassung nicht verkehrsfähig sind. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 50/2016

 

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