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Alter: Depression kommt selten allein

TITEL

 
Alter

Depression kommt selten allein


Von Gerhard W. Eschweiler / Bis zu 15 Prozent der älteren ­Menschen leiden an depressiven Störungen. Die Erkrankung ist nicht neu: Vor 125 Jahren erlitt der 72-jährige Theodor Fontane die dritte Episode einer Depression. Damalige Therapieversuche, ­ unter anderem mit Brom und Rotwein sowie Galvanisation, hatten keinen durchschlagenden Erfolg. Über das Schreiben seiner ­Kindheitserinnerungen remittierte Fontane.

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Theodor Fontane schrieb in einem Brief vor 125 Jahren, am 6. Dezember 1891, an seinen Verleger Wilhelm Hertz (17): »Der Kopf ist mir ständig benommen und will von Anstrengung nichts mehr wissen. Die Klapprigkeit bricht herein und das Arbeiten mit Vierteldampfkraft wird Regel.« Es waren die Vorläufersymptome einer schweren Depres­sion, die ihn vom März 1892 an massiv plagten und anfänglich zu Bildern und Vergleichen reizten, die der Mechanisierung des Alltags im 19. Jahrhundert geschuldet sind. Diese dritte Erkrankungsepisode sollte acht Monate dauern (18, 19).




Der Verlust des Ehe- oder ­Lebenspartners kann so ­einschneidend sein, dass ältere ­Menschen sich den Tod wünschen.

Foto: iStock/ Leadinglights


Als approbierter Apotheker und Romanschriftsteller konnte Fontane sein Gefühlsleben detailliert beschreiben. Man findet in seinen Selbstschilderungen die nach der aktuellen Krankheitsklassifikation ICD-10 geltenden Hauptsymptome einer depressiven Episode:

 

  • depressive, gedrückte Stimmung,
  • Interessensverlust und Freudlosigkeit,
  • Verminderung des Antriebs und ­erhöhte Ermüdbarkeit.

 

Multifaktoriell bedingt

 

Für affektive Erkrankungen wird heute eine multifaktorielle Ätiologie mit biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren postuliert. Während bei jüngeren Menschen neben genetischen Faktoren insbesondere Lern­erfahrungen und Traumatisierungen in der Kindheit dominieren, sind es bei Älteren viele altersassoziierte Gebrechen und Krankheiten (Tabelle 1, Seite 28).

 

Beim ersten Auftreten einer Depression, oft bereits im dritten Lebensjahrzehnt, findet man als Auslöser bei mehr als 80 Prozent der Patienten psycho­soziale Stressoren, insbesondere im persönlichen Umfeld, zum Beispiel Trennung, Verlusterlebnis oder akute Konflikte. Auch akute somatische Stressoren wie schwere Infekte, Operationen, Schilddrüsenfunktionsstörungen oder der Estrogenabfall im Wochen­bett können eine Depression auslösen (3). Im Verlauf einer rezidivierenden depressiven Erkrankung werden die akuten Belastungsfaktoren als Aus­löser weniger bedeutend, und ein ­»endogener Rhythmus« dominiert.

 

Neben der Verlaufsform (einmalig, rezidivierend, chronisch) ist die Schwere der depressiven Episode für die Diagnostik und das Management wichtig. Rund 17 Prozent der älteren Menschen in Deutschland leiden an depressiven Symptomen, ohne das Vollbild einer depressiven Störung zu zeigen. 7 Prozent der älteren Menschen leiden unter einer depressiven Episode (9).


»Ausgang« von Theodor Fontane

Nach der dritten Episode einer schweren rezidivierenden Depression verfasste der Apotheker und Schriftsteller Theodor Fontane (1819 bis 1898) das Gedicht »Ausgang«, das die Bürde einer Depression sehr gut ausdrückt:

 

Immer enger, leise, leise,

ziehen sich die Lebenskreise.

Schwindet hin, was prahlt und prunkt,

schwindet Hoffen, Hassen, Lieben

und ist nichts in sich geblieben,

als der letzte dunkle Punkt.


Die frühere starke Stigmatisierung psychiatrischer Erkrankungen hat – zumindest für die Depression – abgenommen, sodass offener über die Erkrankung berichtet wird. Dies ist ein Grund für die Zunahme der Diagnose Depression. Nach epidemiologischen Untersuchungen (7) ist dies nur ein scheinbarer Zuwachs aufgrund verbesserter Fremd- und Eigenwahrnehmung; die Krankheitsprävalenzen haben sich nicht wesentlich verändert (6).

 

Diagnose nach Haupt- und Zusatzsymptomen

 

Neben den Hauptsymptomen finden sich zahlreiche zusätzliche Symptome. Gerade ältere und alte Patienten leiden an vielen unspezifischen Beschwerden wie Schwindel, Benommenheit, Schmerzen, Verdauungsstörungen, Zungenbrennen oder Kloßgefühl. Gewertet werden laut ICD-10 sieben Zusatzsymptome:

 

  • Konzentrations- und ­Aufmerksamkeitsstörungen,
  • vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen,
  • Schuldgefühle und Gefühle der ­Wertlosigkeit,
  • negative und pessimistische ­Zukunftsperspektiven,
  • Suizidgedanken bis zu ­Suizidhandlungen,
  • Schlafstörungen,
  • verminderter Appetit.

 

Um eine leichte Episode zu diagnostizieren, müssen mindestens zwei Haupt- und zwei Zusatzsymptome vorliegen. Bei der mittelschweren Episode sind es zwei Haupt- und drei bis vier Nebensymptome, bei der schweren Depression drei Haupt- und mehr als vier Nebensymptome. Diese müssen über mehr als zwei Wochen überwiegen, das heißt zu mehr als der Hälfte der Zeit bestehen.

 

Häufig fluktuieren die Symptome im Tages- und Wochenverlauf. Typisch bei Patienten mit familiär gehäufter Depression (früher meist endogen genannt) sind somatische Symptome, auch vegetativ oder melancholisch genannt. Erleben die Patienten ein Morgentief und eine abendliche Aufhellung, zeigt dies neben dem fehlenden Cortisol-Abfall in der Nacht eine Störung der zirkadianen endokrinen Rhythmik an. Diese Tagesschwankung kann prognostisch wertvoll sein, da Menschen mit ausgesprochener zirkadianer Stimmungsveränderung verstärkt auf eine Wach-Therapie (Schlafentzug) oder auf Lithium ansprechen.


Screening mit zwei Fragen

Bei Verdacht auf ein depressives Syndrom kann der Arzt zunächst mit zwei Fragen (Patient Health Questionnaire-2) nach Symptomen der letzten Wochen fragen (2, 15).

 

  • Haben Sie oft unter dem Gefühl von Niedergestimmtheit, Schwermut, Depressivität oder Hoffnungs­losigkeit gelitten?
  • Haben Sie oft unter Interessenlosigkeit oder Freudlosigkeit gelitten?

 

Dieses Screening hat eine Sensitivität von mehr als 90 Prozent und eine Spezifität von mehr als 50 Prozent. Bei mindestens einer positiven Antwort sollte eine genauere Diagnostik mit einem umfassenderen Screening-Instrument wie dem PHQ-9, MADRS oder der Geriatrischen Depressions Skala (GDS) er­folgen (12, 13). Besser noch ist ein klinisches strukturiertes oder halbstrukturiertes Interview durch einen erfahrenen Arzt oder Psychologen. In der Versorgungsrealität ist dies aber nur wenigen Patienten vorbehalten.

 


Die Suizidalität spielt im Alter eine große Rolle. Ältere Männer haben das höchste Risiko, Suizidhandlungen auszuführen beziehungsweise durch Suizid zu sterben; ihr Risiko ist 20-mal höher als bei jungen Frauen. Männer sind vor allem gefährdet, wenn sie ihre Ehefrau oder Partnerin verloren haben oder sich von Pflege oder Umzug ins Pflegeheim bedroht fühlen. Bei akuter Suizidalität oder wahnhafter Depres­sion ist eine rasche Vorstellung beim Facharzt oder in einer psychiatrischen Klinik dringend nötig.

 

Im Verbund mit ­Herzerkrankungen

 

Depressive Störungen sind bei Menschen bis 75 Jahre etwas seltener als in jüngeren Kohorten, nehmen aber ab 75 Jahre im Rahmen von neurodegenerativen und vaskulären Prozessen zu. Salopp gesagt: Eine Depression kommt selten allein.

 

Bei Menschen über 75 Jahre ist sie häufig vergesellschaftet mit einer Herzinsuffizienz. Die Hälfte der Pa­tienten mit Herzinsuffizienz hat zumindest einzelne depressive Symptome. 15 Prozent der Patienten mit chronischer Herzerkrankung zeigten im Gesundheitssurvey eine Depression; damit ist ihr Risiko doppelt so hoch wie bei der Allgemeinbevölkerung. Bei schwerer Herzinsuffizienz mit ausgeprägter Belastungs- oder gar Ruhedyspnoe gehören Antriebsmangel und Interessenverlust zur Krankheit dazu, sodass die Abgrenzung zur Depression oder Anhedonie kaum möglich ist.


Tabelle 1: Bio-psycho-soziales Modell der Depression bei älteren Menschen

Depressionsfördernde Faktoren Beispiele 
psychologisch Konflikte, geistige Inaktivität, Einsamkeit, Verlusterlebnisse, Inappetenz 
sozial Konflikte, pathologische Trauer, wenig Sozialkontakte 
biologisch Schmerzen, Gebrechlichkeit, Sarkopenie, Herzinsuffizienz, Diabetes, Schwerhörigkeit, Hormonmangel, ­Neurodegeneration 

Umgekehrt ist die kardiovaskuläre Mortalität bei depressiven Patienten im Vergleich zu nicht-depressiven Pa­tienten ungefähr verdoppelt (Hazard Ratio von 2,2). Depression und Bewegungsmangel verstärken eine Herz­insuffizienz und gehen oft mit ­mangelnder Medikamentenadhärenz einher. Dies wiederum hat einen negativen Effekt auf die depressive Stimmung, sodass sich die Betroffenen in einer emotionalen und körperlichen Abwärtsspirale befinden.

 

Differenzialdiagnose Delir und Demenz

 

Wichtige Differenzialdiagnosen und Begleiterkrankungen bei Älteren sind Demenz und Delir. Vor allem bei positiver Anamnese für Demenzerkrankungen in der Familie und bei ausgeprägten Merkfähigkeits-, Gedächtnis- und Orientierungsstörungen sind eine ausführlichere neuropsychologische Testung sowie bildgebende Verfahren hilfreich. Spezifische Atrophiemuster im Computertomogramm deuten auf neurodegenerative Erkrankungen und ausgeprägte subkortikale Läsionen auf eine mögliche vaskuläre Genese hin, die durch arterielle Hypertonie und ­Diabetes mellitus begünstigt wird (16).

 

Das Delir ist eine passagere Hirnfunktionsstörung mit akuter Verwirrtheit, Desorientierung und Aufmerksamkeitsstörung. Die Schwere wechselt im Tagesverlauf. Häufig wird ein Delir, insbesondere die hypomotorische Variante mit Apathie und sehr ­geringer motorischer Aktivität, nicht erkannt. Depressive ältere Menschen sind gegenüber deliranten Patienten örtlich und zeitlich orientiert und können auch die Wochentage rückwärts aufzählen, was eine Aufmerksamkeitsleistung ist.

 

Als besondere Form gilt die Spät­depression (late-onset-depression, LOD) mit Erstmanifestation nach dem 60. Lebensjahr, bei der man vaskuläre Läsionen im Gehirn findet. Diese Form chronifiziert oft. Typisch sind eine psychomotorische Verlangsamung und exekutive Funktionsstörungen wie mangelnde Flexibilität oder erschwerte Umstellung auf neue Aufgaben oder Themen. Diese Defizite können mit dem Zahlen- Buchstaben-Verbindungstest zumindest bei lese- und schreibfähigen älteren Menschen aufgedeckt werden. Bei ausgeprägten kognitiven Symptomen kann eine Liquordiagnostik zum Ausschluss entzündlicher ZNS-Erkrankungen oder zur Spezifizierung einer möglichen Alzheimer-Erkrankung indiziert sein. Bis zu 30 Prozent der ­Pa­tienten mit Alzheimer-Krankheit ­zeigen, vor allem zu Beginn der demenziellen Phase, ein depressives Syndrom.

 

Gebrechlichkeit fördert ­Depression

 

Neben Depression, Delir und Demenz kommt auch die Gebrechlichkeit (englisch: frailty) im höheren Alter häufiger vor (Tabelle 1). Kennzeichnend sind die fünf Symptome Gewichtsverlust, Erschöpfung, reduzierte Ganggeschwindigkeit (weniger als 0,8 m pro Se­kunde), reduzierte Handkraft und ein geringes Aktivitätsniveau.




Der Hausarzt ist meist der erste Ansprechpartner für ältere Patienten.

Foto: Shutterstock/romul014


Drei und mehr dieser Symptome sind als Gebrechlichkeit definiert (5), hiervon sind 10 Prozent der Menschen über 65 Jahre in Deutschland betroffen (11). Ungefähr 30 Prozent dieser Senioren zeigen nur ein bis zwei Symptome (»prefrail«). Körperliche Inaktivität, soziale Isolation und Einsamkeit sind häufige Vorläufer der Gebrechlichkeit, aber auch Risikofaktoren für die Entwicklung einer Depression. Bei gebrechlichen Menschen findet man häufiger einen kognitiven Abbau, ein erhöhtes Delir- und Demenzrisiko, geringere Lebensqualität und ein deutlich erhöhtes Sturzrisiko.

 

Abgestufte Therapie

 

Meist ist es der Hausarzt, der eine ­Depression bei älteren Menschen diagnostiziert und diese behandelt (10). Arzt, Patient und eventuell auch Angehörige sollten gemeinsam entscheiden, ob ein Zuwarten (»watchful waiting«) möglich ist oder ob frühzeitig mit einer Psycho- oder Pharmakotherapie entsprechend der Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (3) begonnen werden soll. Diese empfehlen sowohl die partizipative Entscheidung als auch die ­Psychoedukation, das heißt Aufklärung über die Krankheit und ihre Behandlung. Fundierte Broschüren, zum ­Beispiel vom Bündnis gegen Depres­sion (www.buendnis-depression.de/depression/mehr-zum-thema-depression.php), oder andere vertrauenswürdige Webseiten können Hintergrundinformation geben.

 

Laut Leitlinie sollte eine Pharmakotherapie und/oder Psychotherapie bei anhaltenden depressiven Störungen erfolgen. Es gibt keine Altersobergrenze für eine Behandlung, allerdings können körperliche und kognitive Faktoren diese begrenzen (14).

 

In der Pharmakotherapie wird meist in der ersten Stufe ein Serotonin-­Wiederaufnahmehemmer (SSRI), zum Beispiel 5 mg Escitalopram oder 25 mg Sertralin, gegeben (Tabelle 2).


Tabelle 2: Antidepressive Therapieansätze von 1892 bis 2016 (Auswahl)

1892 Weitere Indikationen 2016 (Beispiele) Effekt Typische Nebenwirkungen Kommentar 
Medikamente      
Opiumkur Schmerzen — Abhängigkeit Sedierung euphorisierend 
Brom schlafanstoßend, antiepileptisch — Sedierung, Bromakne seit 1980 kaum noch eingesetzt 
— Angststörungen SSRI (Sertralin) ++ Übelkeit, Unruhe, Schwitzen Natrium- und QTc- Zeit-Kontrolle 
— neuropathischer Schmerz SNRI (Duloxetin) ++ Schwitzen, RR-Erhöhung QTc-Zeit-Kontrolle 
— neuropathischer Schmerz, schlaffördernd Trizyklika (Nortriptylin) +++ Mundtrockenheit, Tremor, Schwindel am besten verträgliches TCA 
— bipolare Störung Lithium ++ Tremor, Schwitzen, Nierenwert­- er­höhung, Polydipsie gute Augmentation und Rückfallschutz 
Diäten, Nahrungser-
gänzung 
     
Rotwein Sedierung — dosisabhängig Sedierung nicht bei Alkohol­- abhängigkeit, täglich bis zu 125 ml 
—  Omega-3- Fettsäuren (+) Übelkeit, Diarrhö in fettem Fisch und Ölen, Metaanalysen nicht ­eindeutig 
Lebensstil      
Luftkur, Bäder vegetative Stimulation — Luftkur: Sonnenbrand Reizklima bei Allergie und COPD 
—  Bewegung: flottes Gehen, Joggen Muskelkater, Torsionen günstig zur Prävention vieler Erkrankungen 
Psychotherapie      
Kindheits- erinnerungen Ängste Life review Trauma- Reaktivierung möglich Reminiszenz, gut für Selbstwert, wenig untersucht 
 Ängste, Psychose Kognitive Verhaltens- therapie ++ Aktivierung von Konflikten, Überforderung bei kognitiven Einschränkungen höchste Evidenz bei Patienten bis 75 Jahren 
 Ängste, Pflegebelastung Problemlöse- Training (auch in Gruppen) ++ Überforderung auch bei kognitiver ­Einschränkung 
 Ängste, Selbstsicherheits- training Interpersonelle Therapie (Late life IPT) ++ hohe Schwellenangst Einsamkeit, Rollenwechsel 

Es gilt der geriatrische Grundsatz: start low, go slow. So werden häufige Nebenwirkungen wie starkes Schwitzen, Übelkeit, Unruhe und vermehrte Angst in den ersten drei bis vier Tagen der SSRI-Therapie verhindert oder abgemildert. Danach sollte sukzessive und nebenwirkungsorientiert auf die Standarddosis, zum Beispiel 10 mg ­Escitalopram oder 50 bis 100 mg Sertralin, gesteigert werden. Das Serumnatrium sollte kontrolliert werden, da Hyponatriämien (auch mit Delir-Entwicklung) insbesondere in Kombination mit Hydrochlorothiazid und anderen Diuretika häufiger auftreten. Wichtig ist, die Patienten über mögliche Nebenwirkungen aufzuklären und auch darüber, dass die positiven Wirkungen frühestens in der zweiten Woche auftreten.

 

Bei starker Unruhe ist die zusätzliche Gabe eines sedierenden Medikaments, zum Beispiel Pipamperon 20 bis 40 mg am Abend, eventuell auch eines kurz wirksamen Benzodiazapins wie Lorazepam für die erste Woche erforderlich.

 

Vor und nach Eindosierung des SSRI, aber auch anderer Antidepressiva sollte der Arzt im EKG eine Rhythmusstörung oder QTc-Zeitverlängerung ausschließen. Es gibt auch Warnhinweise auf kardiologische Nebenwirkungen bei der Kombination eines SSRI mit dem Stimmungsstabilisierer und Antipsychotikum Quetiapin.

 

Bei ausgeprägten Schlafstörungen und/oder Appetitverlust kann zur Nacht Mirtazapin, mit 15 mg beginnend, verordnet werden. Eine Gewichtszunahme tritt häufig auf. Albträume und Restless-legs können sich verschlimmern. Eine Alternative ist Agomelatin, mit 25 mg zur Nacht ­beginnend, ein Melatoninrezeptor-Agonist (MT1 und MT2) sowie 5-HT2c-Antagonist, der auch bei Älteren posi­tive Wirkungen zeigte. Leberwertkon­trollen und Interaktionen am CYP1A2 sollten beachtet werden.




Optimale Prävention

Foto: Fotolia/­ Ingo Bartussek


Die Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahme-Inhibitoren (SNRI) Venlafaxin und Duloxetin werden aufgrund ihrer zusätzlichen Wirksamkeit bei chronischen Schmerzen auch gerne bei älteren Menschen eingesetzt. Hier ist zusätzlich auf Blutdrucksteigerung, ­erhöhtes Sturzrisiko und QTc-Zeit-Verlängerung zu achten.

 

Trizyklika sind auch im Alter gut sehr wirksam, aber aufgrund der häufigeren Nebenwirkungen nur bedingt bei Therapieresistenz empfohlen. Insbesondere die anticholinergen Nebenwirkungen bei höheren Dosierungen werden im Alter gefürchtet, zum Beispiel kognitive Störungen, Mundtrockenheit, Obstipation, Bradykardie, Sturzrisiko oder Miktionsstörungen (bis zum Harnverhalt). Nortriptylin gilt als das verträglichste Trizyklikum und ist auch ein aktiver Metabolit des Amitriptylins. Nortriptylin wird im Alter mit 10 mg morgens begonnen und langsam nach Verträglichkeit und Serumkonzentration auf 25 – 25 – 0 mg gesteigert. Als weiteres Trizyklikum wird ­Doxepin in niedriger Dosierung (5 bis 10 mg) auch bei chronischen Schlafstörungen verordnet. Ab 25 bis 50 mg liegt auch eine antidepressive Wirksamkeit vor.

 

Johanniskraut ist laut Metaanalyse bei leichter und mittelschwerer Episode wirksam (3). Es ist im Alter wenig untersucht und aufgrund der potenziellen Phototoxizität, Interaktionen und Induktion am CYP450-Enzym-­System zurückhaltend, insbesondere bei Patienten mit Multimedikation, einzusetzen.

 

Die Wirksamkeit der Antidepressiva ist auch im Alter gegeben, jedoch sind die Nebenwirkungen mit Sturzrisiko und Sedierung ausgeprägter als bei Jüngeren. Antidepressiva sind zentrale Bausteine einer Depressionstherapie, aber möglichst um Psychotherapie oder zumindest psychosoziale Interventionen zur Aktivierung und/oder Überwindung von Einsamkeit zu ergänzen, wie auch die revidierte S3-Leitlinie (3) betont.

 

Psychotherapie auch für ­betagte Menschen

 

Die kognitive Verhaltenstherapie ist auch bei älteren Menschen bis 75 Jahre gut belegt (5). Sie wird als Einzeltherapie und in der Gruppe angeboten (Tabelle 2). Bei Älteren insbesondere mit kognitiven Einschränkungen wird vor allem der Aufbau positiver Aktivitäten und weniger die kognitive Umstrukturierung geübt.


Der Autor

Gerhard Eschweiler studierte Humanmedizin an der RWTH Aachen und an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen und erhielt 1986 die Approbation als Arzt. Es ­folgte die Promotion am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen. Nach mehrjähriger Tätigkeit als Assistenzarzt und Wissenschaftlicher Assistent erwarb Esch­weiler 1996 den Facharzttitel für Neurologie und Psychiatrie, später den ­Zusatztitel Psychotherapie-Verhaltenstherapie. Seit 2002 ist er als Oberarzt an der Universitätsklinik für Psychia­trie und Psychotherapie Tübingen tätig und habilitierte sich 2004 im Fach Psychiatrie und Psychotherapie, Zusatztitel Klinische Geriatrie. Seit 2008 hat er eine außerplanmäßige Professur an der Eberhard-Karls-Universität inne. Professor Eschweiler leitet die Geschäftsstelle des Geriatrischen Zentrums am Uniklinikum Tübingen.

 

Professor Dr. Gerhard W. Eschweiler

Geriatrisches Zentrum am Universitätsklinikum Tübingen

Osianderstraße 24

72076 Tübingen


Zur Interpersonellen Therapie (IPT) gibt es eine Late-life-Variante, die auf die im Alter häufigen Themen wie Isolation, Einsamkeit und Rollenwechsel, zum Beispiel nach Berentung oder bei Trennung, abzielt. Im Problemlösetraining (PST) versucht der Patient mit Unterstützung des Therapeuten zunächst, konkrete Problemfelder selbst zu benennen, zum Beispiel Schlafstörungen, Schmerzen bei Bewegung oder innerfamiliäre Konflikte. Im zweiten Schritt werden diese priorisiert und konkrete Lösungsansätze für die wichtigsten Bereiche erarbeitet. Gibt es keine Lösung, soll eine akzeptierende Haltung erarbeitet oder gestärkt werden, zum Beispiel die Akzeptanz der Scheidung der Tochter.

 

In den vergangenen Jahrzehnten wurden weitere nicht-pharmakologische Therapien erarbeitet, die nach Depressionstyp und Verfügbarkeit eingesetzt werden können. Schlafentzug und Schlafphasenvorverlagerung (1) sind chronobiologische Interventionen, die transkranielle Magnetstimulation (TMS) und Gleichstromstimulation der Stirnhirnrinde sind nicht invasive experimentelle Therapien. Die Elektrokrampftherapie (EKT) bei pharmako-resistenter Depression ist auch bei Älteren sehr gut wirksam, weist aber mehr kognitive Nebenwirkungen auf, die jedoch meist passager sind (3).

 

Zurück zu Theodor Fontane

 

Wie erging es Theodor Fontane? Er versuchte zahlreiche Therapievorschläge seiner Ärzte wie eine Luftkur, Brom als Sedativum, eine Morphiumkur, Rotwein und auch Galvanisationen des Körpers, erlebte aber keine wesentliche Besserung der Depression bis zum Spätsommer 1892. Auf Anraten seines Hausarztes schrieb er im Herbst 1892 die Erinnerungen »Meine Kinderjahre« und gesundete darüber. Er remittierte komplett, erhielt später einen Ehrendoktor, schrieb sein Spätwerk und vollendete »Effi Briest«, bevor er 1898 betagt und hoch geehrt starb. Fontane dient als gutes Beispiel gelungener Integration einer rezidivierenden depressiven Erkrankung ins Leben. Depression ist auch im Alter heilbar oder zumindest gut behandelbar. /



Literatur

 

  1. Berger, M., et al., Sleep deprivation combined with consecutive sleep phase advance as a fast-acting therapy in depression: an open pilot trial in medicated and unmedicated patients. Am J Psychiatry 154 (6) (1997) 870-872.
  2. Boyle, L. L., et al., How do the PHQ-2, the PHQ-9 perform in aging services clients with cognitive impairment? Int J Geriatr Psychiatry 26 (9) (2011) 952-960. doi:10.1002/gps.2632
  3. Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, et al., S3-Leitlinie/Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression. 2. Aufl. 2015. AWMF-Register-Nr. nvl-005. Stand Nov. 2016. www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/nvl-005.html
  4. www.dgppn.de/publikationen/leitlinien.html
  5. Fried, L. P., et al., Risk factors for 5-year mortality in older adults: the Cardiovascular Health Study. JAMA 279 (8) (1998) 585-592.
  6. Jacobi, F., et al., Twelve-month prevalence, comorbidity and correlates of mental disorders in Germany: the Mental Health Module of the German Health Interview and Examination Survey for Adults (DEGS1-MH). Int J Methods Psychiatr Res 23 (3) (2014) 304-319.
  7. Jacobi, F., et al., Mental disorders in the general population: Study on the health of adults in Germany and the additional module mental health (DEGS1-MH). Nervenarzt 85 (1) (2014) 77-87.
  8. Kyaga, S., et al., Mental illness, suicide and creativity: 40-year prospective total population study. J Psychiatr Res 47 (1) (2013) 83-90.
  9. Luppa, M., et al., Age- and gender-specific prevalence of depression in latest-life. A systematic review and meta-analysis. J Affect Disord 136 (3) (2012) 212-221.
  10. Maurer, D. M., Screening for depression. Am Fam Physician 85 (2) (2012) 139-144.
  11. Romero-Ortuno, R., et al., A frailty instrument for primary care: findings from the Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE). BMC Geriatr 10 (2010) 57.
  12. Sheikh, J. I., et al., Proposed factor structure of the Geriatric Depression Scale. Int Psychogeriatr 3 (1) (1991) 23-28.
  13. Smalbrugge, M., et al., Screening for depression and assessing change in severity of depression. Is the Geriatric Depression Scale (30-, 15- and 8-item versions) useful for both purposes in nursing home patients? Aging Ment Health 12 (2) (2008) 244-248.
  14. Uhlmann, C., et al., Recommendations for psychotherapy in psychiatric inpatient treatment: Results of the PAKT Study Part I. Nervenarzt (2016).
  15. Whooley, M. A., et al., Case-finding instruments for depression. Two questions are as good as many. J Gen Intern Med 12 (7) (1997) 439-445.
  16. Wolter, D. K., Depression in old age, part 1: Origin, clinical symptoms, diagnosis and interaction between depression and dementia. Z Gerontol Geriat. 49 (4) (2016) 335-348.
  17. Wilkes, J., Depression und Heilung, Zum 100. Todestag Theodor Fontanes. Dt. Arztebl (1998) 95 (38) A-2335.
  18. Gravenkamp, H., »Um zu sterben, muss sich Herr F. erst eine andere Krankheit anschaffen: Theodor Fontane als Patient«. Wallstein Verlag, Göttingen 2004.
  19. Friedrich, Ch., Theodor Fontane: »Denn wie er zuletzt war, so war er eigentlich.« Pharm. Ztg. 143, Nr. 37 (1998) 3093-3100.



Beitrag erschienen in Ausgabe 49/2016

 

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