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Morbus Parkinson: Bekannte Arzneistoffe neu entdeckt

TITEL

 
Morbus Parkinson

Bekannte Arzneistoffe neu entdeckt


Von Hjördis Brückmann, Lars Stank und Holger Stark / Bessere ­Lebensqualität, aber keine Heilung: Auf diesen kurzen Nenner lässt sich die moderne Therapie des Morbus Parkinson bringen. Neben neuen Wirkstoffen werden auch bekannte Stoffe aus vielen anderen Indikationen bei Parkinson-Patienten erprobt. Große Hoffnungen ­ruhen auf zellulären Therapien, doch ein Durchbruch ist derzeit nicht in Sicht.

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Die Indikationserweiterung eines ­Medikaments, das bereits für die ­Therapie einer oder mehrerer Erkrankungen zugelassen ist, nennen Fachleute »Repurposing«. In Bezug auf das Parkinson-Syndrom handelt es sich sowohl um Arzneistoffe, von denen man sich eine krankheitsmodifizierende und neuroprotektive Wirkung verspricht, als auch um Stoffe, die Symptome ­lindern sollen.

 




Die Bewegungstherapie ist nach wie vor unverzichtbar in der Behandlung von Parkinson-Patienten – ebenso wie die medikamentöse Therapie. Levodopa ist immer noch der Goldstandard. Mehr über etablierte und neue, dopaminerge und nicht dopaminerge Medikamente lesen Sie im Titelbeitrag der PZ 38/2016.

Foto: Your Photo Today


In Erweiterung des Titelbeitrags in PZ 38/2016 werden hier vor allem ­Therapieoptionen diskutiert, die aus ­eingeführten Medikamenten mit ursprünglich anderen Indikationsbereichen abgeleitet werden. Dies darf aber keinesfalls zu verfrühten und unüber­legten Selbstversuchen von Patienten führen, da bislang weder ­Wirksamkeit noch unerwünschte ­Begleiteffekte umfassend abgeschätzt werden können.

 

Hoffnung hinsichtlich einer Krankheitsmodifizierung wird derzeit in den Tyrosinkinase-Inhibitor Nilotinib (Beispiel: Tasigna®) gesetzt (Abbildung 1). Sowohl in Tiermodellen als auch in post-mortem-Studien wurde bei Parkinson-Patienten eine mit oxidativem Stress assoziierte Aktivierung der Tyrosinkinase ABL1 beobachtet. Diese führt über eine Kaskade zur Akkumulation toxischer Substanzen in den betroffenen Neuronen und damit zu deren Zelltod. Diese Beobachtung wiederum führte zu Experimenten mit Nilotinib, das zur Behandlung der chronisch myeloischen Leukämie zugelassen ist und moderat Blut-Hirn-Schranken-gängig ist (27).

 

Eine frühe explorative klinische Studie mit Nilotinib brachte nicht nur eine allgemeine Verbesserung der Symptome, sondern erstaunliche Ergebnisse. Ein Patient konnte trotz Jahren im Rollstuhl wieder laufen und drei weitere, deren Sprachfähigkeit stark eingeschränkt war, konnten wieder Unterhaltungen führen (28). Weitere Studien müssen die Reproduzierbarkeit und Übertragbarkeit dieser Ergebnisse auf größere Patientengruppen überprüfen.

 

Ebenso vielversprechend sind die Phase-I-Studienergebnisse von 4-Phenylbutyrat (Beispiel: Ammonaps®), das bei einer seltenen Harnstoffzyklusstörung angewendet wird (Abbildung 1). In den dopaminergen Neuronen von Parkinson-Patienten kann man eine erhöhte Ablagerung von Lewy-Körpern mit dem Hauptbestandteil α-Synuklein feststellen. In diesem Zusammenhang werden derzeit Hypothesen wie das Leaky-Gut-Syndrom (LGS) und Small ­Intestinal Bacterial Overgrowth (SIBO) diskutiert, deren pathologische Folgen eine veränderte Durchlässigkeit des Darmepithels und eine vermehrte Proteinaufnahme sind. Die krankheitsmodifizierende Wirkung wird vermutlich über Inhibition von Histon-Deacety­lasen und die Verschiebung von α-Synuklein vom Gehirn in den Blutkreislauf vermittelt (29, 30).

 

Bekannte Arzneistoffe mit neuroprotektivem Potenzial

 

Einige weitere Hypothesen zu Ursachen des Zelltods der dopaminergen Neuronen führten zu Experimenten mit Pioglitazon, Nicotin und Isradipin.

 

Das Antidiabetikum Pioglitazon (Beispiel: Actos®) wurde aufgrund seiner antiinflammatorischen und antioxidativen Effekte vom Committee to Identify Neuroprotective Agents in Parkinson’s (CINAPS) zur Untersuchung der neuroprotektiven Eigenschaften beim Parkinson-Syndrom empfohlen. Eine Phase-II-Studie konnte eine krankheitsmodifizierende Wirkung jedoch nicht bestätigen (31).

 

Eine Phase-II-Studie zu transdermal appliziertem Nicotin soll Ende 2016 abgeschlossen werden. Das neuroprotektive Potenzial von Nicotin wird nicht nur aus Erkenntnissen aus Tiermodellen, sondern auch aus epidemiologischen Studien angenommen. Hier war Rauchen mit einer reduzierten Inzidenz von Morbus Parkinson assoziiert (32).

 

Das Antihypertensivum Isradipin (Beispiel: Vascal®), ein Calcium-Kanal-Blocker, wird derzeit hinsichtlich seines krankheitsmodifizierenden Potenzials in einer Phase-III-Studie untersucht. Eine frühere Phase-II-Studie zur Verträglichkeit und Dosisfindung gab keinen genauen Aufschluss über die ­Effektivität (33).

 

Noch im präklinischen Stadium befinden sich Lithiumsalze, etwa Lithiumcarbonat (Beispiel: Hynorex®). Dies sind die effektivsten Arzneistoffe bei bipolaren Störungen. Ihnen werden zusätzlich neuroprotektive Effekte zugeschrieben. In Tiermodellen für Morbus Parkinson, Alzheimer und andere neurodegenerative Erkrankungen konnten solche über bisher weitgehend ungeklärte Mechanismen vermittelte Wirkungen nachgewiesen werden. Obwohl klinische Studien an Parkinson-Patienten fehlen, wird spekuliert, dass Lithium zwar nicht als Monotherapie, jedoch als Add-on einen Nutzen für ­viele Patienten haben könnte (34).

 

Gegen oxidativen Stress




Abbildung 1: Nilotinib
Repurposing: Der Tyrosinkinase-Hemmstoff Nilotinib und das Orphan Drug Natrium-Phenylbutyrat werden mit Erfolg auch bei Parkinson-Patienten geprüft.

Auch einigen Nahrungsergänzungsmitteln werden zumindest theoretisch neuroprotektive und damit krankheitsmodifizierende Effekte zugeschrieben – hauptsächlich aufgrund ihrer antioxidativen und teilweise auch Metall-chelatierenden Eigenschaften. Intranasal appliziertes Glutathion überwand in einer Phase-I-Studie trotz seiner eher hydrophilen Struktur zumindest teilweise die Blut-Hirn-Schranke, muss aber hinsichtlich Formulierung und kurzer Halbwertzeit optimiert werden (35). Inosin, eine Vorstufe der Harnsäure, ist Prüfsubstanz in einer im Mai 2016 begonnenen Phase-III-Studie (36, 37). Coenzym Q10 schließlich hat bereits viele Studien durchlaufen, die aber keine eindeutigen Ergebnisse lieferten. Somit erhielt Coenzym Q keine Empfehlung in der S3-Leitlinie Idiopathisches Parkinson-Syndrom (Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der ­Neurologie) (38, 39).




Natriumphenylbutyrat

Auch neue Wirkstoffentwicklungen wie Vatiquinon (EPI-743), ein Analogon des Antioxidans Ubidecarenon, zielen darauf ab, oxidativen Stress zu mindern und somit dem Zelltod der dopaminergen Neuronen vorzubeugen. Im April 2016 wurden die Ergebnisse einer Phase-IIa-Studie hierzu veröffentlicht. Unter Vatiquinon sanken die Glutamin/Glutamat-Spiegel in den Basalganglien – ein Parameter für oxidativen Stress – und es gab eine klinische Verbesserung. Zur Behandlung mitochondrialer Erkrankungen wie dem Leigh-Syndrom und der Friedreich-Ataxie hat die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA Vatiquinon bereits den Orphan-Drug-Status zugesprochen; weitere Studien zum Einsatz bei Patienten mit Parkinson sollen bald folgen (40).

 

Günstige Effekte, aber ­wenig Evidenz

 

Einige weitere Arzneistoffe haben vermutlich keine neuroprotektiven Wirkungen, könnten aber dennoch das ­Leiden der Patienten lindern. In vielen Fällen fehlen jedoch Nachweise aus ­klinischen Studien.

 

Das Antiepileptikum Zonisamid (Beispiel Zonegran®) ist seit 1989 in ­Japan zugelassen und wurde bereits in mehreren Studien hinsichtlich seiner Wirkung bei Parkinson-Patienten untersucht (Abbildung 2). In einer kürzlich abgeschlossenen Phase-III-Studie wurde ein Wirksamkeitsnachweis erbracht, da sowohl motorische als auch nicht-motorische Symptome signifikant ­reduziert wurden. Zusätzlich erhöhte Zonisamid nicht die Inzidenz von Halluzinationen und Dyskinesien. Der Mechanismus ist weder für die antiepileptischen noch für die Antiparkinson-­Effekte vollständig geklärt. Neben der Blockade von Ionenkanälen werden sowohl ein dopaminerger Mechanismus über MAO-B-Inhibi­tion als auch ein nicht dopaminerger Weg über die In­hibition striataler δ1-Rezeptoren diskutiert (41, 42).




Wirken Nahrungsergänzungsmittel neuroprotektiv? Einige werden in klinischen Studien daraufhin geprüft.

Shutterstock/ piyapong tulachom


30 bis 40 Prozent der Parkinson-Pa­tienten leiden unter extremer Tagesmüdigkeit. Das gilt auch für Personen, bei denen die motorischen Symptome dank Pharmakotherapie kontrolliert sind. Pitolisant (Beispiel Wakix®) wurde zur Behandlung der Schläfrigkeit bei Morbus Parkinson getestet (Abbildung 2). Der inverse H3-Histaminrezeptor-Agonist hat zur Therapie der Narkolepsie den Status eines Orphan Drug inne. In einer Phase-III-Studie konnte Pitolisant die Müdigkeit und Schlafattacken von Parkinson-Patienten signifikant senken, ohne die Wirkung anderer ­Parkinson-Medikamente bedeutsam einzuschränken (20). Eine Indikationserweiterung ist in Vorbereitung.

 

Auch A2A-Rezeptor-Antagonisten stehen im Fokus der Parkinson-Forschung. Aufgrund der antagonistischen Wirkung am A2A-Rezeptor und der erhofften Effekte dieser Eigenschaft auf Parkinson-Syndrome ist auch Coffein immer wieder im Gespräch. Die Datenlage zu seiner Wirksamkeit ist jedoch unübersichtlich und wenig aussagekräftig. Weitere Studien sind nötig, um eine fundierte Aussage über den Einsatz von Coffein bei Parkinson treffen zu können (43).

 

Ebenso wenig aussagekräftig ist die Datenlage für Memantin zur Parkinson-Behandlung. In einer Studie mit 25 Patienten wurden zwar motorische Symptome und Dyskinesien gebessert, nicht jedoch die Schrittlänge und die Freezing-Symptomatik (16, 38).

 

Zum jetzigen Zeitpunkt ist auch ­keine fundierte Aussage über die Wirksamkeit des zur ADHS-Therapie zugelassenen Psychostimulans Methylphenidat zur Parkinson-Therapie möglich. Obwohl sein Wirkmechanismus über die Blockade von Dopamin- und Noradrenalin-Transportern auf einen Nutzen hinweisen könnte, widersprechen sich die Studien insbesondere hinsichtlich einer Verbesserung der Gangsymptomatik. Daher spricht die S3-Leitlinie ­sowohl für Memantin als auch für ­Methylphenidat keine Empfehlung aus (16, 38, 44).

 

Therapie von Begleit­erscheinungen




Abbildung 2: Zonisamid
Noch mehr Repurposing: das Antiepileptikum Zonisamid (oben) und der H3-Rezeptor-Antagonist Pitolisant, der erst kürzlich die Zulassung der EMA erhielt

Nicht nur das Parkinson-Syndrom selbst, sondern vor allem auch dessen Begleiterscheinungen sowie die Probleme des Alters belasten viele Patienten. Werden die Beschwerden effektiv behandelt, steigt auch die Lebensqua­lität der Betroffenen deutlich. Viele ­zugelassene Arzneistoffe aus anderen ­Indikationsbereichen werden in den letzten Jahren gesondert auf ihre Eignung bei Parkinson-Patienten untersucht.

 

Die Kombination aus Oxycodon und Naloxon in einer retardierten Arzneiform wurde in einer Phase-II-Studie zur Behandlung starker Schmerzen beim Parkinson-Syndrom verwendet. Es gab Hinweise auf einen analgetischen Nutzen für die Patienten. Eine mögliche Verzerrung des Studienergebnisses könnte jedoch dadurch entstanden sein, dass Patienten neben der untersuchten Wirkstoffkombination noch bis zu dreimal täglich ein Kombipräparat aus Levodopa und Benserazid-Hydrochlorid als Basistherapie erhielten (45).




Pitolisant

Nicht nur durch die Medikation mit Opioiden, sondern auch durch das Parkinson-Syndrom selbst leiden etwa 80 bis 90 Prozent der Patienten unter Obstipation. Daraus ergab sich die Entwicklung des Ghrelin-Agonisten Relamorelin (46). Das »Hunger-Hormon« Ghrelin unterdrückt nicht nur das Sättigungsgefühl, sondern erhöht auch die Darmmotilität (47). Relamorelin wurde in mehreren Studien bei verschiedenen gastrointestinalen Dysfunktionen untersucht und steigerte die Darmmotilität (48). Eine Phase-II-Studie zur Therapie der Obstipation bei Parkinson-Patienten wurde abgeschlossen, die Ergebnisse stehen allerdings noch aus.

 

Eine weitere häufige Begleiterscheinung ist die Hypersalivation, also die übermäßige Speichelproduktion. Derzeit laufen Phase-II- und -III-Studien mit Anticholinergika wie Clonidin, einer Kombination aus Clonidin und Oxybutynin sowie mit Tropicamid (46, 49–52).

 

Auch verschiedene Botulinumtoxine werden getestet. Incobotulinum­toxin A (Beispiel: Xeomin®) konnte in einer Phase-II-Studie den Tremor bei Parkinson-Patienten verbessern (50, 53).

 

Zelluläre Therapien: ­Heilung als Ziel

 

Zelluläre Therapien haben ein klares Ziel: Sie wollen Ansätze zu einer Heilung des Morbus Parkinson liefern. Alle zellulären Therapieansätze befinden sich in frühen Phasen der klinischen Entwicklung. Somit ist noch keine fundierte Aussage zu deren Erfolgsaussichten möglich.




Viele Parkinson-Patienten leiden an Magen-Darm-­Störungen, unter anderem an ­Obstipation.

Foto: Fotolia/ michaelheim


Ein Ansatz besteht darin, die Neurotrophin-Konzentration im Patienten zu erhöhen. Neurotrophine sind kleine basische Proteine, die membranständige Rezeptoren binden, die entweder zur Tumornekrosefaktor(TNF)-Familie oder zur Tyrosinkinase(Trk)-Familie gehören. Erstere fördern den Zelltod, Letztere das Zellwachstum von Neuronen. Die Affinität der Neurotrophine zu Tyrosinkinasen ist jedoch höher; dies wird für die günstigen Eigenschaften bei Parkinson-Patienten verantwortlich gemacht (54).

 

Die NTCell-Therapie versucht, exogene Neurotrophine langfristig in beschädigte Hirnregionen zu liefern. Dazu werden Zellen aus dem Plexus Choroideus, einem Adergeflecht des Gehirns, verwendet. Diese produzieren und sezernieren Neurotrophine, sind also NTCellen. Für die Therapie wird der Plexus Choroideus aus neugeborenen Schweinen entnommen, seziert und durch Kollagenasen aufgeschlossen. Anschließend wird der Überstand entfernt und die Zellen mit einer Hülle aus dem Polysaccharid Alginat verkapselt. Durch die Alginathülle können die Zellen Neurotrophine sezernieren, entgehen aber dem Immunsystem des Wirts. Die präparierten NTCellen werden dann in die geschädigte Hirnregion der Patienten implantiert (55).

 

In einer Phase-I/IIa-Studie mit vier Patienten wurde nach 58 Wochen eine anhaltende signifikante Besserung eines Parkinson-Scores gegenüber dem Ausgangswert vor Beginn der Therapie gemessen. Es gab jedoch keine Vergleichsgruppe mit Placebo-Behandlung. Inzwischen rekrutiert die Firma Patienten für eine Phase-IIb-Studie (56).

 

Ein weiterer zur Parkinson-Therapie eingesetzter neurotropher Faktor ist das Protein Glial cell line-derived neurotrophic factor (GDNF). Gliazellen, aus denen dieser Faktor isoliert wird, bilden das Stützgewebe des Nervensystems. Zur Gewinnung von GDNF werden transfizierte Gliazellen verwendet. Bislang gibt es keine hinreichenden Hinweise darauf, dass Gliazellen den Faktor auch in vivo exprimieren. Wie bei Proteinen aus der Neurotrophin-Familie üblich, vermittelt GDNF seine Signale über einen Rezeptorkomplex und wirkt neuroprotektiv auf dopaminerge Neurone.

 

Nach überzeugenden Ergebnissen im Tiermodell wurden mehrere Präparate entwickelt, die beim Menschen zum Einsatz kommen sollten (57). In ersten klinischen Studien wurde GDNF über ­einen Katheter ins Putamen infundiert. Dies wurde über eine Pumpe kontrolliert, die in Brust oder Bauch der Patienten implantiert wurde (58). Die Ergebnisse waren eher moderat. Weitere Darreichungsformen, unter anderem virale Vektoren wurden entwickelt. Eine Adeno-Virus-assoziierte Therapie mit GDNF befindet sich momentan in Phase I der klinischen Testung (59).

 

Zudem wurden genetisch modifizierte Makrophagen entwickelt, die GDNF an beschädigte Neurone abgeben. Der Vorteil liegt darin, dass Makrophagen die Blut-Hirn-Schranke passieren können, also nicht in Gehirnareale injiziert werden müssen, um zum Wirk­ort zu gelangen. Außerdem werden ­humane Makrophagen nicht vom Immunsystem angegriffen. Maus-Makrophagen, getestet an Parkinson-Mäusen, lieferten positive Ergebnisse (60).

 

Bei der CERE-120-Therapie wird der virale Vektor AAV-NRTN eingesetzt. Es handelt sich ebenfalls um Adeno-assoziierte Viren, die den genetischen Bauplan für den neurotrophen Faktor Neurturin in das Putamen und die Substantia nigra der Patienten einschleusen sollen. Dieses Protein bindet mehrere Rezeptoren und aktiviert den MAP (mitogen activated protein)-Kinase-Weg, der ein wichtiger Bestandteil der zellulären Signalübertragung ist (61). In vitro verlängerte Neurturin das Über­leben dopaminerger Neurone (62).

 

CERE-120 wurde in einer Phase-II-­Studie bei Parkinson-Patienten mit motorischen Problemen trotz adäquater medikamentöser Therapie geprüft. Bei einem Teil der Patienten wurde CERE-120 injiziert, während die Vergleichsgruppe lediglich eine Scheininjektion erhielt. Es zeigte sich zwar eine Tendenz zur Besserung in der Verumgruppe, aber das Ergebnis war gegenüber Placebo nicht statistisch signifikant (63). ­Momentan wird die Entwicklung von CERE-120 nicht weiter betrieben (64).

 

Ein anderer viraler Vektor wird bei der GAD-Transfer-Therapie übertragen. Den Vektoren wurden Gene eingefügt, die für Glutamat-Decarboxylasen ­kodieren. Dies sind Schrittmacher-­Enzyme für die Bereitstellung des ­Neurotransmitters γ-Aminobuttersäure (GABA) aus der Aminosäure Glutamat. Die rekombinanten Adeno-assoziierten Viren werden in den subthalamischen Kern der Patienten injiziert. Dort soll die GABA-Synthese steigen und dem Neurotransmitterungleichgewicht in Schaltkreisen des extrapyramidal-motorischen Systems entgegenwirken. Mehrere Studien zeigten bereits, dass die Bereitstellung von GABA im subthalamischen Kern die Kardinalsymptome des Morbus Parkinson lindert (65). In einer Phase-II-Studie war die Wirksamkeit aber nur moderat; daher wird die Therapie nicht weiterentwickelt (66).

 

Impfen gegen Parkinson




Neuronengeflecht im menschlichen Gehirn: Können Neurotrophine das Zellwachstum ­anregen?

Foto: Your Photo Today


Ebenfalls neu ist ein synthetisches Peptid aus sechs Aminosäuren. Es wird unter dem Namen Affitope® als »Parkinson-Impfstoff« vermarktet. Dieser soll das Immunsystem der Patienten dazu anregen, Antikörper gegen das Protein α-Synuklein zu bilden. Diese Strategie zielt nicht auf eine symptomatische Therapie, sondern auf eine Verlangsamung der Krankheitsprogression ab.

 

Der Impfstoff besteht aus einem derart kleinen Peptid, dass keine unerwünschten T-Zell-Reaktionen hervorgerufen werden. Die antigene Determinante ist so beschaffen, dass sie vorrangig das als Oligomer vorliegende, also pathogene α-Synuklein nachahmt und so zum Ziel der von den B-Zellen produzierten Antikörper wird. Somit ist der Impfstoff spezifisch für Synukleino­pathien wie Morbus Parkinson. Im Tiermodell konnte eine Verringerung der α-Synuklein-Aggregate in Axonen und Synapsen bei gleichzeitiger Besserung der Motorik beobachtet werden (67). Am Menschen wurde bislang nur eine Phase-I-Studie erfolgreich abgeschlossen (68).

 

Nicht medikamentöse ­Therapien

 

Neben zellulärer und arzneistoffgestützter Therapie stehen auch nicht medikamentöse Maßnahmen zur Verfügung. Die bekannteste und am häufigsten eingesetzte ist die tiefe Hirnstimulation, deren Wirksamkeit durch mehr als 50 Studien gestützt wird.




Die tiefe Hirnstimulation ist ein operatives Verfahren, das mitunter bei Parkinson-Patienten im fortgeschrittenen Stadium eingesetzt wird.

Foto: Your Photo Today


Lassen sich die Wirkungsfluktuationen im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung medikamentös nicht mehr kontrollieren, wird eine Eskalations­therapie eingeleitet. Die Zielstruktur im Gehirn ist meist der Nucleus sub­thalamus, bei starkem Tremor auch der Nucleus ventralis intermedius des ­Thalamus. Obwohl die tiefe Hirnstimulation nur die Off-Symptomatik des Parkinson-Syndroms verbessern kann, erfahren besonders jüngere Patienten eine erhebliche Verbesserung der Lebensqualität. Daher sollte diese Alternative zur peroralen Therapie immer erwogen werden (69, 70).

 

Da es sich um einen invasiven Eingriff handelt, eignet sich die Operation nicht für alle Patienten. Insbesondere Personen mit antikoagulativer Therapie sind ausgeschlossen. Für sie steht beispielsweise das γ-Knife zur Verfügung, bei dem mit Radiofrequenzen Gewebe des Globus pallidus gezielt und nicht invasiv zerstört wird. Obwohl langfristig gesehen weniger effektiv als die tiefe Hirnstimulation, ist der Einsatz des γ-Knifes für diese Patienten abzuwägen (71).

 

Bei der transkraniellen Magnetstimulation handelt es sich ebenfalls um eine nicht invasive Methode. Durch das Anlegen von Magnetfeldern an ­bestimmte Hirnareale werden Induk­tionsströme erzeugt, die die Aktivität der entsprechenden Neuronen stimuliert. Die Behandlung wird seit etwa 20 Jahren hinsichtlich ihrer Wirksamkeit beim Parkinson-Syndrom analysiert. Denn anders als bei der schweren Depression ist die Datenlage hier weniger eindeutig. Trotz starker Hinweise auf einen Nutzen insbesondere bei ­Motorsymptomen ist eine Optimierung der Methode notwendig (72).

 

Der Gyro Glove soll Patienten in jedem Erkrankungsstadium den Alltag erleichtern. Das Prinzip sind sich drehende Scheiben, sogenannte Gyroskope, die durch ihren Drehimpuls möglichst aufrecht bleiben wollen und so auch die Handbewegungen durch den ­Tremor mindern. Frühe Tests zeigten eine um bis zu 80 Prozent reduzierte Tremorbewegung. Der Gyro Glove befindet sich noch in einer sehr frühen Phase der Entwicklung. Eine Phase-I-Studie ist angekündigt.

 

Die hier vorgestellten präklinischen und klinischen Optionen haben eindeutig experimentellen Charakter. Unklar ist derzeit, welche der Möglichkeiten die Nutzen-Risiko-Bewertung zur Marktreife positiv abschließen werden oder überhaupt bis zu einer solchen ­Bewertung gelangen. Die aktuellen ­Bewegungen in den Therapiemaßnahmen bei neurodegenerativen Erkrankungen lassen gedämpft optimistisch in die Zukunft blicken. /

 

Literatur bei den Verfassern


Die Autoren

Hjördis Brückmann studierte Pharmazie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und absolvierte das Praktische Jahr an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf am Institut für Pharmazeutische und Medizinische Chemie und in der Rheingold-Apotheke Düsseldorf. 2014 erhielt sie die Approbation und ist seitdem als Doktorandin am Institut für Pharmazeutische und Medizinische Chemie der Universität Düsseldorf im Arbeitskreis von Professor Holger Stark tätig.

 

Lars Stank studierte ebenfalls Pharmazie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Das Praktische Jahr verbrachte er am Institut für Pharmazeutische und Medizinische Chemie, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, und in der Hindenburg-Apotheke Oberhausen. 2013 erhielt er die Approbation. Seitdem arbeitet er als Doktorand am Institut für Pharmazeutische und Medizinische Chemie, Universität Düsseldorf, im Arbeitskreis von Professor Stark.

 

Holger Stark studierte Pharmazie an der Freien Universität Berlin und wurde unter Betreuung von Professor Walter Schunack promoviert. Auf die Habilitation 1999 folgte eine Professur an der Goethe-Universität Frankfurt 2000 (C3) und 2007 (W3). Nach Rufablehnungen in Braunschweig und Innsbruck nahm Stark 2013 einen W3-Ruf an die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf an; aktuell ist er dort ­Geschäftsführender Leiter der Pharmazie. Seine Forschungsschwerpunkte sind in der Medizinischen Chemie Neurotransmitter wie Histamin, Dopamin und Glutamat sowie Lipidsignalling in Arachidon- und Sphingolipidkaskaden. Mittels neuer pharmakologischer Werkzeuge beschäftigt er sich mit bildgebenden oder Multitargeting-Liganden mit Arzneistoffcharakter. Er ist Miterfinder des ersten selektiven Histamin-H3-­Rezeptorantagonisten mit Marktreife, Pitolisant, als Orphan Drug gegen ­Narkolepsie. Für seine Forschungs­arbeiten und für seine Lehre wurde er mehrfach ausgezeichnet. 2016 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Universität Nis, Serbien.

 

Professor Dr. Dr. h. c. Holger Stark

Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Institut für Pharmazeutische und Medizinische Chemie

Universitätsstraße 1

40225 Düsseldorf

E-Mail: stark@hhu.de



Beitrag erschienen in Ausgabe 43/2016

 

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