Die Zeitschrift der deutschen Apotheker

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

 

 

Langzeiteinnahme von ASS: Nutzen überwiegt Risiken

NACHRICHTEN

 
Langzeiteinnahme von ASS: Nutzen überwiegt Risiken
 


Wenn Menschen ab 50 sich etwas Gutes tun wollen, sollten sie täglich 75 bis 325 mg Acetylsalicylsäure (ASS) einnehmen, und zwar mindestens fünf, besser zehn Jahre lang. So lässt sich das Ergebnis einer aktuell im Fachjournal «Annals of Oncology» erschienenen Übersichtsarbeit zusammenfassen. Die Autoren um Professor Dr. Jack Cuzick von der Queen Mary Universität London wägen darin den Nutzen der Langzeit-Einnahme von ASS gegen den möglichen Schaden ab. Auf der Negativ-Seite steht das bekannte Risiko für schwere Blutungen, insbesondere im Magen-Darm-Trakt. Schwerer wiegt allerdings neben der Reduktion des Herzinfarkt-Risikos vor allem eine Senkung der Krebs-Inzidenz und -Mortalität, die positiv zu Buche schlagen.

Der Nutzen für den Anwender beruht dabei überwiegend auf der Schutzwirkung vor Krebs und nicht vor Herzinfarkt. Das überrascht bei diesem Arzneistoff, der aufgrund seiner Thrombozyten-Aggregations-hemmenden Wirkung seit Jahren zur Prophylaxe von Herz-Kreislauf-Erkrankungen eingesetzt wird, zur Krebsprävention jedoch noch nicht standardmäßig empfohlen wird. Insbesondere bei Kolorektalkarzinomen (CRC) sei die Evidenz für eine Risikoreduktion durch ASS «überwältigend», schreiben die Autoren. Weniger gut belegt, aber laut Cuzick und Kollegen in mehreren Studien gezeigt wurde ein positiver Effekt auf die Inzidenz von Speiseröhren-Krebs. Bei anderen gastrointestinalen Tumoren seien die Daten weniger umfassend und teilweise widersprüchlich, auch das Ausmaß der Schutzwirkung scheine hier geringer zu sein. Als weitere Krebsformen, bei denen sich ASS geringfügig positiv auf die Erkrankungswahrscheinlichkeit auszuwirken scheint, nennen die Autoren Brust-, Prostata- und Lungenkrebs.

Schwere Blutungsepisoden sind zweifellos die gravierendste Nebenwirkung von ASS. Ihre Häufigkeit steigt unter ASS-Daueranwendung ausgehend von 0,57 bis 2,37 Prozent über einen 15-Jahreszeitraum vorsichtig geschätzt um 0,21 bis 1,05 Prozent. Im selben Zeitraum sinkt die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken oder einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden, abhängig vom Alter und dem Geschlecht zwischen 0,95 Prozent (Frauen, die als 50-Jährige mit der ASS-Einnahme beginnen) und 3,84 Prozent (Männer, die ab 65 Jahren ASS einnehmen), rechnen die Autoren vor. Um einen Krebs- oder Herz-Kreislauf-bedingten Todesfall zu verhindern, müssten je nach Berechnungs-Modell und abhängig vom Geschlecht zwischen 46 und 213 Personen 20 Jahre lang ASS einnehmen. ASS habe damit einen Benefit in der Größenordnung der Statine, allerdings überwiegend aufgrund seiner Krebs-präventiven Wirkung und damit komplementär zu den Lipidsenkern, so die Autoren.

Obwohl ihre Ergebnisse die Langzeitanwendung von ASS bei Älteren generell nahelegen, sehen die Autoren hinsichtlich mehrerer Fragestellungen weiteren Forschungsbedarf. Das betrifft erstens die Dauer der Anwendung: fünf Jahre, zehn Jahre oder gar noch länger? Auch ist unklar, ob es eine obere Altersgrenze gibt, ab der die Risiken den Nutzen überwiegen. Da sich das Blutungsrisiko mit jeder Lebensdekade annährend verdopple, sei eine Beschränkung der ASS-Prophylaxe in der Allgemeinbevölkerung auf Unter-70-Jährige bis zum Vorliegen weiterer Daten vermutlich sinnvoll, so Cuzick und Kollegen. Künftige Studien sollten sich darüber hinaus der Frage widmen, ob zur Identifizierung von Personen mit erhöhtem Risiko für Magenblutungen alle Patienten vor Beginn der ASS-Langzeit-Prophylaxe standardmäßig auf Helicobacter pylori getestet werden sollten. Last but not least gilt es, die ideale ASS-Dosis für die Langzeit-Anwendung zu ermitteln. (am)

doi: 10.1093/annonc/mdu225

 

Mehr zum Thema Krebs und Zytostatika

 

08.08.2014 l PZ

Foto: Fotolia/photophonie

 

 

Das könnte Sie auch interessieren

 

 

Weitere Nachrichten

 


Krebs: Alternative Therapien senken Überlebenschancen

Wer sich gegen eine etablierte Krebstherapie entscheidet und auf alternative Medizin setzt, senkt seine Chancen, die kommenden fünf Jahre...



Zufallsentdeckung: Virostatika mit breiter Wirkung

Die Hemmung der Histon-Methyltransferasen EHZ2 und EZH1 könnte einen neuen therapeutischen Ansatzpunkt gegen Infektionen mit verschiedenen...



Gesundheitszustand: Zwei Drittel der Deutschen sind zufrieden

Die meisten Bundesbürger sind mit ihrem Gesundheitszustand zufrieden. 39 Prozent schätzen ihn als gut ein, 20 Prozent als sehr gut und 9...



Diagnostik-Kaugummi: Wenn Entzündung bitter schmeckt

Ein Kaugummi, der auf bestimmte Stoffe im Speichel mit einem Geschmackswechsel reagiert, könnte künftig als Frühwarnsystem für Entzündungen...

 
 

Geschlechtsidentität von Kindern: Eltern ohne Einfluss
Ob ein Adoptivkind bei klassischen Eltern oder einem Männer- oder Frauenpaar aufwächst, beeinflusst seine Geschlechtsidentität einer neuen...

Vogelgrippe: Gefahr in Europa nicht gebannt
Die Vogelgrippe-Epidemie ist in den vergangenen Monaten in Europa deutlich abgeflaut. Angesichts weiter auftretender Fälle sehen Experten...

CRISP/Cas: Hauttransplantate als Hormonproduzenten
Eine ungewöhnliche Art der Hormonzufuhr haben Forscher aus Chicago entwickelt: Sie nutzen das CRISPR/Cas-System um epidermale...

USA: Nebenwirkungs-Datenbank wenig zuverlässig
Wer in der Datenbank FAERS der US-Arzneimittelbehörde FDA unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) auswerten will, hat es derzeit nicht...

Stada-Übernahme: Beirat appelliert an die Aktionäre
Der Arzneimittelhersteller Stada will das milliardenschwere Kaufangebot der Finanzinvestoren Bain und Cinven mit allen Mitteln zum Erfolg...

So viel verdienen Ärzte in Deutschland
Radiologen haben in Deutschland die höchsten Einnahmen unter den Ärzten – mit weitem Abstand gefolgt von Augenärzten und Orthopäden. Wie...

Hamburg ist Deutschlands Fitness-Hochburg
Nirgendwo in Deutschland gibt es so viele Fitness-Studios und Mitglieder wie in Hamburg, gemessen an der Einwohnerzahl. Das ergab eine...

Neonicotinoide: Hummeln legen weniger Eier
Bestimmte Pflanzenschutzmittel sind für Hummeln zwar nicht unmittelbar tödlich – langfristig betrachtet aber sehr wohl. In einem...

Einzelhandel erzielt sattes Plus bei Handdesinfektionsmitteln
Der deutsche Einzelhandel hat mit Handdesinfektionsmitteln in den vergangenen Jahren deutlich mehr Umsatz gemacht. Einer Studie des...

Brustkrebs-Operation: Duo soll Metastasierungs-Risiko senken
Frauen profitieren möglicherweise davon, wenn sie vor einer anstehenden Brustkrebs-Operation eine Begleitmedikation mit einem Betablocker...

Noch mehr Meldungen...

PHARMAZEUTISCHE ZEITUNG ONLINE IST EINE MARKE DER

 












DIREKT ZU