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Krebserkrankungen: Übergewicht bald Hauptrisikofaktor

MEDIZIN

 
Krebserkrankungen

Übergewicht bald Hauptrisikofaktor


Von Christina Hohmann-Jeddi, Heidelberg / Übergewicht und Fehlernährung könnten in der Zukunft Rauchen als Hauptursache von Krebserkrankungen den Rang ablaufen. Darauf wiesen Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg auf einer Pressekonferenz anlässlich des Weltkrebstages hin. Grund sei ein Rückgang des Tabakkonsums und ein Anstieg der Adipositas-Inzidenz.

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»Der Tabakkonsum ist seit Jahren rückläufig, vor allem aufgrund der effektiven Kampagnen und der Gesetze zum Nichtraucherschutz«, sagte Professor Dr. Ottmar Wiestler, Vorstandsvorsitzender des DKFZ. Da­gegen steige die Zahl der Übergewichtigen weltweit an. 1,5 Milliarden Menschen sind zu schwer. Fehlernährung und Übergewicht sind auf dem Weg, wichtigster Risikofaktor für Krebs­erkrankungen zu werden. In zehn Jahren könnte er das Rauchen überholt haben. Laut einer britischen Untersuchung von 2010, die der Epi­demiologe Professor Dr. Rudolf Kaaks vorstellte, ist Rauchen derzeit für 19,4 Prozent aller Krebserkrankungen verantwortlich, eine ungesunde Ernährung für 9,2 Prozent und Übergewicht für 5,5 Prozent.




Ungesunde Ernährung ist nicht nur schlecht für die Figur, sondern erhöht auch das Krebsrisiko.

Foto: Fotolia/whitestorm


Schon seit Langem sind Assoziationen zwischen verschiedenen Lebensstilfaktoren und dem Krebsrisiko bekannt. Um diese genauer zu untersuchen, begannen Forscher in den 1980er-Jahren prospektive Kohortenstudien mit großen Teilnehmerzahlen aufzubauen, berichtete Kaaks. Ein Beispiel ist die European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition Study (EPIC-Studie), an der mehr als 520 000 Menschen in zehn europä­ischen Ländern teilnahmen. Ein Ergebnis dieser Studie war, dass der Verzehr von rotem Fleisch und von verarbeiteten Fleischprodukten das Risiko für Kolorektalkrebs erhöht. Auch Alkohol ist ein wichtiger Risikofaktor, der die Erkrankungswahrscheinlichkeit für eine ganze Reihe von Tumorarten vor allem des Gastrointestinaltrakts, der Leber und der Brust erhöht.

 

Ein schützender Effekt wird dem Verzehr von Obst und Gemüse zugesprochen, weshalb die Aktion »5 am Tag« entstand. Doch die EPIC-Studie konnte keine Assoziation zu Brust-, Nierenzell-, Prostata-, Blasen- und Pankreaskrebs sowie zu Lymphomen finden, berichtete Kaaks. Eine geringfügige Risikoreduktion sei für einen hohen Obst- und Gemüseverzehr für Tumoren der oberen Atemwege und Lungenkrebs bei Rauchern entdeckt worden. Obwohl der Nutzen gering ist, sollte an der Empfehlung, täglich fünf verschiedene Obst- und Gemüsesorten zu essen, festgehalten werden, da ein hoher Obst- und Gemüse-Konsum hilft, Übergewicht zu vermeiden.

 

Denn Übergewicht ist nachgewiesenermaßen ein wichtiger Risikofaktor für Krebs: Es erhöht Studien zufolge die Erkrankungswahrscheinlichkeit an Brust-, Endometrium-, Kolon-, Gallenblasen-, Pankreas-, Nierenzell- und Speise­röhrenkrebs. Dabei sei die Assoziation zu Endometrium- und Ösophaguskrebs am stärksten ausgeprägt, berichtete Kaaks. Hier ginge etwa die Hälfte aller Erkrankungen auf ein erhöhtes Körpergewicht zurück.

 

Fett als Hormondrüse

 

»Krebs wird mittlerweile zu den Folgeerkrankungen des metabolischen Syndroms gezählt«, sagte Professor Dr. Stephan Herzig vom DKFZ. Er stellte molekularbiologische Mechanismen vor, wie sich das Körperfett auf das Tumorwachstum auswirkt. Hormone spielen hier eine wichtige Rolle. Zum einen entstehe bei Übergewicht häufig eine Insulinresistenz, die dann zu einer erhöhten Ausschüttung von Insulin führt. »Insulin ist nicht nur metabolisch wirksam, sondern wirkt auch proliferativ – es fördert die Zellteilung«, sagte Herzig.

 

Im Mausmodell kann man mit Insulingaben das Tumorwachstum steigern. Andersherum kann man durch das Antidiabetikum Metformin das Tumorwachstum bremsen. In Untersuchungen mit Mäusen fördert energiereiche Ernährung das Tumorwachstum. Erhalten die überfütterten Tiere aber Metformin, so ist das Tumorwachstum auf vergleichbar niedrigem Niveau wie bei Mäusen auf normaler Kost, berichtete Herzig. Dieser positive Effekt lasse sich auch beim Menschen beobachten. In einer Fallkontrollstudie mit 97 430 Probanden habe sich gezeigt, dass Diabetiker ein niedrigeres Erkrankungsrisiko für hepatozelluläres Karzinom hatten, wenn sie Metformin einnahmen.

 

Zudem wirke das Körperfett selbst auch als Hormondrüse und setze verschiedene Botenstoffe frei. Bekanntestes Beispiel sei das Appetit-regulierende Hormon Leptin, erklärte der Experte. Auch dieses fördert das Zell- und damit das Tumorwachstum. »Wer viel Körperfett hat, schüttet viel Leptin aus und regt damit das Tumorwachstum an«, fasste Herzig zusammen. Ein weiterer Mechanismus sei, dass bei Übergewicht vermehrt Immunzellen in das Fettgewebe einwandern und dort eine chronische Entzündung bedingen. Die ausgeschütteten proinflammatorischen Botenstoffe richteten wiederum in anderen Organen Unheil an und förderten das Tumorwachstum.




Körperfett fördert das Tumorwachstum im Tierversuch.

Foto: DKFZ/Stephan Herzig


»Dass Stoffwechselfehlfunktionen und Übergewicht Tumore wachsen lassen, ist bewiesen; ob sie Krebs auch entstehen lassen, ist noch nicht geklärt.« Dies müsse in Zukunft weiter untersucht werden, so Herzig. Eine wichtige präventive Maßnahme, um das Krebsrisiko gering zu halten, sei es, Übergewicht generell zu vermeiden und sich möglichst viel zu bewegen.

 

Viren im Rindfleisch?

 

Einen möglichen Zusammenhang zwischen rohem Rindfleisch, Infektionen und der Entstehung von Darmkrebs stellte Professor Dr. Harald zur Hausen vor. »Der langfristige Verzehr von rotem Fleisch erhöht das Risiko für Kolorektalkrebs um 20 bis 30 Prozent«, sagte der Nobelpreisträger. Als Ursache vermutet man krebserregende Stoffe, die beim Grillen und Braten von rotem Fleisch entstehen. Diese entstünden aber auch beim Grillen von Geflügel oder Fisch, so zur Hausen. Es müsse also einen anderen Faktor geben. Darauf weise auch das Beispiel Mongolei hin: Die Menschen in diesem Land verzehren viel rotes Fleisch, hauptsächlich vom Grill, aber die Darmkrebsrate ist dort im weltweiten Vergleich ausgesprochen niedrig. Auf dem mongolischen Speiseplan stehen unter anderem Yaks, Schafe, Ziegen und Kamele, aber nur selten das europäische Hausrind (Bos taurus).

 

In verschiedenen Ländern sind die Inzidenzen für Darmkrebs sehr unterschiedlich. »Dabei korreliert die Rate mit dem Verzehr des Fleisches von Bos taurus«, sagte zur Hausen. Wenn andere Rinderarten verzehrt werden, fällt die Darmkrebsrate gering aus. Für den Virologen sind dies Hinweise darauf, dass Viren im europäischen Rind zur Krebsentstehung beitragen könnten. Er postulierte, dass virulente Faktoren im Rindfleisch zu latenten Infektionen im Gastrointestinaltrakt des Menschen führen könnten und diese wiederum über einen langen Zeitraum das Erbgut schädigen und Krebs verursachen könnten. Übertragen werden könnten die Viren aber nur, wenn das Rindfleisch roh oder schlecht durchgegart gegessen werde.

 

Um diese These zu prüfen, untersucht zur Hausen mit seiner Arbeitsgruppe die Seren von Kühen. »Wir haben schon eine ganze Reihe von neuen Viren gefunden.« Die meisten seien mit Anelloviren oder Circovirus-Familien verwandt. Ein möglicher Kandidat war aber noch nicht darunter. Belege habe er für seine These noch nicht, sagte zur Hausen daher, »aber deutliche Verdachtsmomente«. /


Weltkrebstag

Am 4. Februar findet der Weltkrebstag erneut unter dem Motto »Schluss mit den Krebsmythen« statt. Er setzt damit die Kampagne des vergangenen Jahres fort und will gängigen Krebsmythen seriöse Information und Aufklärung entgegensetzen. Weitere Informationen unter www.nct-heidelberg.de/de/nct/weltkrebstag/index.php.



Beitrag erschienen in Ausgabe 05/2014

 

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