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Histamin-Intoleranz: Möhren statt Meeresfrüchte

MEDIZIN

 
Histamin-Intoleranz

Möhren statt Meeresfrüchte


Von Nicole Schuster / Menschen mit Histamin-Unverträglichkeit reagieren auf oral zugeführtes Histamin mit verschiedenen Symptomen. Als Ursache wird ein Mangel an abbauenden Enzymen angenommen. Eine kausale Therapie gibt es nicht, daher ist neben einer Ernährungsumstellung oft auch die Einnahme von Antihistaminika erforderlich.

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Ein Glas Wein und dazu ein gut gereifter Hartkäse – viele Menschen haben sich an den Festtagen diesen Genuss gegönnt. Doch nicht jedem ist das gut bekommen. Schätzungen zufolge leidet bis zu 1 Prozent der Deutschen an einem Histamin-Intoleranz-Syndrom (HIS), auch Histaminose oder Histamin-Unverträglichkeit genannt. Mit etwa 80 Prozent sind Frauen weitaus häufiger betroffen als Männer.

 

Das Erscheinungsbild der Unverträglichkeit ist inhomogen. Das liegt vor allem an den vielfältigen und unspezifischen Symptomen, die verschiedene Organsysteme betreffen können. Möglich sind Hauterscheinungen wie Rötungen, Nesselsucht, Ekzeme oder Juckreiz, Atembeschwerden bis hin zu Asthma, erhöhter Blutdruck mit Herzrasen, aber auch Migräne. Gastrointestinale Symptome sind Übelkeit, Erbrechen, Diarrhö und Bauchschmerzen.

 

Akute und chronische Beschwerden

 

»Zu unterscheiden sind zeitnah nach der Histamin-Aufnahme auftretende Beschwerden von chronischen Symptomen«, sagt Professor Dr. Martin Raithel, Leiter der interdisziplinären Notaufnahme am Universitätsklinikum in Erlangen gegenüber der Pharmazeutischen Zeitung. »Chronische Symptome treten auf, wenn die Erkrankung lange unerkannt bleibt. Die Patienten nehmen dann zwar selbst schon wenig Histamin auf, die langfristigen Histamin-Effekte führen aber zu chronischen Krankheitssymptomen wie Müdigkeit, Antriebslosigkeit, psychischer Verstimmtheit oder Unruhe.«

 




Foto: Fotolia/Sven Hoppe


Den Botenstoff Histamin stellt der Körper in bestimmten Mengen selbst her. Er spielt eine wichtige Rolle bei Abwehrfunktionen und wird bei allergischen Reaktionen in erhöhter Konzentration ausgeschüttet. Die Histamin-Intoleranz ist eine Unverträglichkeit gegenüber exogen zugeführtem Histamin. Die Ursache dafür ist nicht vollständig geklärt. Oft wird eine Abbaustörung von Histamin beobachtet, es können aber auch andere Mechanismen dazu beitragen.

 

Normalerweise wird der Histamin-Abbau von zwei Enzymen übernommen: innerhalb der Zelle von der Histamin-N-Methyltransferase (HNMT) durch Methylierung und außerhalb der Zelle oxidativ von der im Darm gebildeten Diaminoxidase (DAO). Ursache für die Histamin-Unverträglichkeit ist vermutlich meist eine verringerte Aktivität der DAO. Eine andere mögliche Erklärung für den gestörten Histamin-Metabolismus ist eine herabgesetzte Aktivität der HNMT, bei der bereits beim Asthma Veränderungen festgestellt wurden.

 

»Allerdings konnte ein definierter Enzymmangel als Ursache einer Histamin-Unverträglichkeit bislang in wissenschaftlichen Studien nicht ausreichend bestätigt werden«, sagt Professor Dr. Margitta Worm, Leiterin der Hochschulambulanz am Allergie-Cen­trum der Berliner Charité. Ob also wirklich eine Abbauschwäche oder eine andere Ursache die Unverträglichkeit auslöst, muss weiter erforscht werden. Einige Experten bezweifeln sogar, dass es die Histamin-Intoleranz überhaupt gibt. Sie berufen sich unter anderem darauf, dass weder kontrollierte Einzelstudien noch eine Metaanalyse aus dem Jahr 2003 einen eindeutigen wissenschaftlichen Beleg für die Krankheit ergaben.

 

Die Diagnose Histamin-Intoleranz wird zwar oft vermutet, aber selten rationell gesichert. Die Praxis zeigt, dass zumindest bei einem Teil der mutmaßlichen Patienten eine bestimmte Grunderkrankung, meist eine Allergie, die Symptome hervorruft. »Allergiepatienten reagieren vermutlich grundsätzlich sensibler auf Histamin, sodass es bei ihnen schneller zu Symptomen kommen kann. Definitionsgemäß liegt dann kein HIS vor, es wird aber oft von Ärzten und Patienten so interpretiert«, sagt Raithel. Grundsätzlich rät er bei allen mit Histamin assoziierten Symptomen zu einer umfassenden Abklärung. Erst wenn sich keine allergische oder anderwei­tige Ursache finden ließe, erhärte sich der Verdacht auf eine Histamin-Unverträglichkeit.

 

In diesem Fall ist eine versuchsweise Ernährungsumstellung mit vorherigen und anschließenden Messungen der Histamin- und DAO-Konzentrationen ratsam. Auch hier kann Einiges falsch gemacht werden. »Die oft durchgeführte Bestimmung der DAO alleine aus dem Blut ist nicht aussagefähig und wird von den Fachgesellschaften nicht empfohlen«, so Raithel. Auch von einer Bestimmung aus dem Urin oder Stuhl ist abzuraten. Mit speziellen Methoden kann die Enzymaktivität in der Darmschleimhaut direkt bestimmt werden. Diese Untersuchung wird allerdings nicht flächendeckend angeboten.

 

Provokationstest auf der Intensivstation

 

Wer wirklich sichergehen möchte, sollte ohnehin einen Provokationstest vornehmen lassen, der laut Leitlinie nach der Reduktion von exogenem Histamin durchgeführt werden soll. Dabei wird mittels einer titrierten Histamin-Provokation die individuell verträgliche Dosis ermittelt. Raithel hat in seiner Klinik festgestellt, dass die meisten Patienten bei etwa 75 mg Histamin-Zufuhr pseudoallergische Symptome erleben. Das ist etwa die Hälfte der Histamin-Menge, die auch bei Gesunden eine Histamin-Intoxikation auslösen kann. »Ein Provokationstest darf wegen der damit verbundenen Risiken nur durch spezialisierte Ärzte und unter intensivmedizinischer Beobachtung durchgeführt werden«, sagt der Experte.

 

Nur im Falle einer bestätigten Histamin-Intoleranz sollte eine Reduktion der Histamin-Zufuhr über die Nahrung erfolgen. Eine Faustregel für Betroffene ist, dazu am besten frische und unverarbeitete Lebensmittel zu wählen. Zu meiden sind die großen Histamin-Quellen. Da der Stoff vor allem dann entsteht, wenn Nahrungsmittel reifen oder gären, ist er in entsprechend hoher Konzentration in gereiftem Hartkäse, bakteriell fermentierten Lebensmitteln wie geräuchertem Fleisch und Wurst, aber auch in Innereien, Fischkonserven und Meeresfrüchten enthalten. Allerdings bedingen Reifegrad, Lagerdauer und Verarbeitung, dass die Histamin-Gehalte stark schwanken. Auch individuelle Faktoren wie der Hormonstatus bei Frauen – die Empfindlichkeit zum Zeitpunkt der Monatsblutung ist erhöht –, Stress und der Abstand zwischen den Mahlzeiten können die Histamin-Verträglichkeit beeinflussen. Viele Frauen sind in der Schwangerschaft beschwerdefrei, vermutlich, weil ab der zehnten Schwangerschaftswoche in der Plazenta große Mengen DAO gebildet werden.

 

Antihistaminika lindern Symptome

 

Wenn Patienten doch einmal ein Glas Wein oder ein Stück gereiften Käse genießen wollen, kann die Einnahme von Antihistaminika die Symptome mindern. Andere Medikamente sind für Menschen mit einer Histaminose jedoch mitunter ein Problem. Arzneimittel wie Acetylcystein, Metamizol, Vera­pamil, Metronidazol oder Metoclopramid sollen die Aktivität der DAO verringern. Aufpassen sollten Patienten auch bei einigen entzündungs- und schmerzhemmenden Medikamenten wie Diclofenac, Indometacin oder Acetylsalicylsäure, die speziell die allergenspezifische Histamin-Freisetzung steigern sollen. Worm warnt allerdings vor Panikmache: »Mögliche Wechselwirkungen mit bestimmten Medikamenten werden heutzutage eher überschätzt und etwaige Konsequenzen sollten mit großer Zurückhaltung erfolgen.« /

 

Literatur bei der Verfasserin



Beitrag erschienen in Ausgabe 01/02/2014

 

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