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Risikopatienten erkennen

Die Abgabe von Analgetika gehört zum Tagesgeschäft des Apothekers. Doch jede Routine birgt Gefahren. Apotheker dürften nicht den Blick für die Probleme verlieren, die mit der Einnahme von Schmerzmitteln verbunden sind, mahnte Dr. Eric Martin, Marktheidenfeld, in seinem Vortrag über die Möglichkeiten und Grenzen der Selbstmedikation bei Schmerzen.

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Kopfschmerzpatienten wenden sich häufig zuerst an den Apotheker. Dieser sollte deshalb die Betroffenen verantwortungsbewusst und fachkompetent beraten. In der Praxis sei der Spielraum für eine Beratung oft nur gering, räumte der Referent ein. Viele Kunden verlangen ein spezielles Präparat und erwarten keine zusätzlichen Informationen. Vor allem solche Kunden, die Analgetika zu häufig und zu hoch dosiert einnehmen, versuchen ihren Missbrauch zu verschleiern und gehen einem Gespräch bewusst aus dem Weg.

Obwohl die Behandlung der meisten Kopfschmerzen eine Domäne der Selbstmedikation ist , sollte der Apotheker in jedem Einzelfall abwägen, ob er eine Selbstbehandlung verantworten kann. Diese Entscheidung kann er erst dann treffen, wenn er gezielt die Eigendiagnose des Patienten hinterfragt hat. Dazu gehören Fragen nach den Leitsymptomen, der Schmerzintensität und -qualität. Alle unklaren, persistierenden oder untypischen Kopfschmerzformen sind kein Fall für die Selbstmedikation.

"Wir müssen Risikopatienten erkennen können", so Martin. Unter anderem gilt es herauszufinden, ob der Patient unter sekundärem Kopfschmerz leidet. Typische Begleitsymptome sekundärer Kopfschmerzformen sind neurologische Ausfallserscheinungen, psychische Veränderungen, hohes Fieber und Nackensteifigkeit oder heftigste Schmerzen im Nackenbereich. Diesen Patienten muss dringend der Arztbesuch empfohlen werden. Nur der Arzt kann die genaue Ursache der Schmerzen diagnostizieren und dann die zu Grunde liegende Erkrankung behandeln.

Kein Fall für die Selbstmedikation

Auch chronische Kopfschmerzen sind kein Fall für die Selbstmedikation. Ein chronischer Kopfschmerz liegt vor, wenn die Beschwerden an mehr als 15 Tagen im Monat auftreten. Im Gegensatz zum Arzt kennt der Apotheker in vielen Fällen die regelmäßigen Konsumenten. Seine Aufgabe ist es, diese zu motivieren, ein Kopfschmerztagebuch zu führen. So lässt sich die Chronizität der Schmerzen nachweisen und eine adäquate Therapie einleiten.

Die beiden häufigsten Kopfschmerzformen, der Spannungskopfschmerz und die Migräne, lassen sich effektiv mit freiverkäuflichen Arzneimitteln behandeln. Eine Ausnahme bilden mittelschwere und schwere Migräne mit Aura. Spannungskopfschmerz und Migräne lassen sich leicht unterscheiden, wenn man die Patienten nach dem Effekt von körperlicher Aktivität befragt. Sie verstärkt die Schmerzen bei Migräne, wohingegen sie Spannungskopfschmerzen lindern kann.

Können Apotheker heute noch Kombinationspräparate empfehlen? Für deren Einsatz sprächen ihre bessere Verträglichkeit und die gegenseitige Wirkverstärkung der enthaltenen Substanzen, so Martin. Ein Missbrauch verstärke allerdings die unerwünschten Wirkungen. Sein Fazit: So lange der bestimmungsgemäße Gebrauch nicht garantiert werden kann, sollten Apotheker Monopräparate empfehlen.

Schwangere und Stillende sollten zwar grundsätzlich ganz auf Arzneimittel verzichten. Ist dennoch ein Analgetikum erforderlich, sei Paracetamol in niedriger Dosierung der Arzneistoff der Wahl. Dasselbe gelte für Kinder. Bei fieberhaften Infektionen dürften Kinder aus Sicherheitsgründen keine Acetylsalicylsäure erhalten.

Die unerwünschten Wirkungen von Analgetika können eine bestehende Erkrankung oder eine Dauermedikation negativ beeinflussen. Das müssen Apotheker bei ihrer Arzneimittelempfehlung berücksichtigen. Bei Hypertonikern, Patienten mit einer KHK und Patienten mit einer positiven Gichtanamnese ist Paracetamol das Mittel der Wahl, empfahl Martin. Hohe Dosen von mehr als 6 g ASS pro Tag können potenziell einen Gichtanfall induzieren. ASS-Dosen von mehr als 3 g täglich erhöhen das Risiko einer Hypoglykämie bei Typ-2-Diabetikern, die mit insulinotropen Antidiabetika behandelt werden.

Nach Risikofaktoren fragen

Alle nicht opioiden Analgetika können theoretisch das so genanntes Analgetika-Asthma auslösen. Diese pseudoallergische Reaktion tritt mit einer Häufigkeit von etwa 10 Prozent auf, betroffen sind vor allem Frauen im Alter zwischen 30 und 40. Vor jeder Analgetikaabgabe sollte der Apotheker deshalb den Kunden nach Risikofaktoren befragen. Bestehen Bedenken, bietet sich Paracetamol als Ausweichpharmakon an. Neueren Untersuchungen zu Folge reagieren immerhin noch circa 5 Prozent der Patienten auch auf Paracetamol sensibel.

Wie lautet die Empfehlung bei Patienten mit einer Lebererkrankung? Martin konstatierte: In Abhängigkeit von der Dosis sind alle Analgetika hepatotoxisch. Am problematischsten ist jedoch das Paracetamol. Als unbedenklich bezeichnete der Apotheker die Einnahme von angemessenen Dosen ASS und Ibuprofen.

Das Risiko einer Analgetika-Nephropatie ist weitgehend in Vergessenheit geraten. In diesem Zusammenhang erwähnte der Referent tierexperimentelle Befunde, die ergaben, dass der Zusatz von ASS zu Paracetamol die nephrotoxischen Effekte verstärkt. Deshalb mahnte er zur Vorsicht bei Patienten mit einer eingeschränkter Nierenfunktion.

"Welchen Beitrag kann der Apotheker zur Behandlung eines Analgetikamissbrauchs leisten?" Nach Martins Einschätzung macht es weder Sinn, die Abgabe von Medikamenten zu verweigern, noch einen Frontalangriff zu starten nach dem Motto: "Wenn Sie so weitermachen, zerstören Sie auf die Dauer Ihre Niere". In dieser Situation sind vor allem Geduld und Ausdauer angebracht. Das Ziel einer Beratung muss sein, den Patienten zu einem Arztbesuch und letztlich zu einem Entzug zu motivieren. Dazu muss das Gespräch so gestaltet werden, dass eine Vertrauensbasis entstehen kann und beim Patienten ein Problembewusstsein geweckt wird. Doch ohne den Dialog mit dem Arzt kann der Apotheker allein nichts ausrichten. Gemeinsam müsse man ein Netzwerk aufbauen, sich gegenseitig informieren und austauschen, damit alle zum Wohle des Patienten an einem Strang ziehen könnten. Top

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Beitrag erschienen in Ausgabe 41/2001

 

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