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Haarausfall ist keine Diagnose

von Hans Wolff, München

Verstärkter Haarverlust ist ein Resultat verschiedenster Umstände. Häufigste Ursache sowohl bei Männern als auch bei Frauen ist die genetisch vorbestimmte androgenetische Alopezie. Medikamentös wirksam sind Finasterid-Tabletten und Minoxidillösung.

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Haare werden in Mini-Organen, den Haarfollikeln, gebildet. Jeder Mensch trägt ungefähr 100.000 Kopfhaare, deren Wachstum in Zyklen verläuft. Zu jedem Zeitpunkt befinden sich mindestens 80 Prozent von ihnen in der Wachstumsphase und werden täglich etwa um ein Drittel Millimeter länger; pro Monat wächst ein Kopfhaar etwa einen Zentimeter. Die Wachstumsphase ist nach zwei bis sechs Jahren beendet. Nach dieser Umwandlungsphase befindet sich das Haar noch zwei bis vier Monate in einer Ruhephase, nach der es schmerzlos ausfällt.

Der Verlust von 60 bis 100 Haaren pro Tag ist normal. Fallen jedoch über einen längeren Zeitraum deutlich mehr Haare aus (Effluvium), kann es schließlich zu einer sichtbaren Haarlichtung kommen. Verstärkter Haarausfall lässt sich mittels einer Haarwurzelanalyse (Trichogramm) beim Hautarzt feststellen. Häufigste Ursache ist die androgenetische Alopezie, ein erblich vorbestimmter Haarverlust. Er betrifft etwa 50 Prozent aller Männer und 10 bis 20 Prozent aller Frauen.

Mögliche Ursachen für vorübergehend verstärkten Haarausfall, der nicht erblich vorbestimmt ist, können sein:

  • Schilddrüsenüberfunktion,
  • sinkende Estrogenspiegel nach den Wechseljahren,
  • Haarausfall nach der Schwangerschaft (postpartales Effluvium, zwei bis vier Monate nach der Geburt),
  • Wechsel von oralen Kontrazeptiva,
  • Eisenmangel,
  • Arzneimittel-Nebenwirkung (Chemotherapie, Heparinspritzen),
  • Pilzinfektionen der Kopfhaut,
  • Vergiftungen (sehr selten: Thallium, Arsen),
  • Syphilis (sehr selten).

Erstmalig auftretender verstärkter Haarausfall sollte bezüglich dieser Möglichkeiten anamnestisch und labordiagnostisch differenziert und entsprechend behandelt werden. Die verschiedenen Formen von sichtbarer Haarlichtung werden unterschieden in:

  • erblich bedingter Haarausfall bei Männern (androgenetische Alopezie),
  • erblich bedingter Haarausfall bei Frauen (androgenetische Alopezie),
  • immunologisch bedingter Haarausfall (Alopecia areata),
  • symptomatischer, diffuser Haarausfall.
  • selten: vernarbender Haarausfall durch bakterielle Infektionen mit Staphylokokken sowie andere vernarbende Alopezien bei Erkrankungen der Kopfhaut.

Fast jeder zweite Mann hat eine Glatze

Die androgenetische Alopezie ist häufig: Etwa jeder dritte Mann bemerkt noch vor dem 30. Lebensjahr eine Lichtung seiner Kopfbehaarung. Zum 50. Lebensjahr ist circa jeder zweite Mann betroffen. Ursache des Haarausfalls ist eine fortschreitende Schrumpfung bestimmter Kopfhaarfollikel, die überempfindlich auf das Androgen Dihydrotestosteron (DHT) reagieren. Die Bluthormonwerte der betroffenen Männer sind dabei jedoch normal. In welchem Lebensalter eine Haarwurzel zu schrumpfen beginnt, ist genetisch vorbestimmt.

Eine geschrumpfte Haarwurzel ist nicht mehr in der Lage, ein kräftiges Kopfhaar auszubilden. Häufig beginnt der Haarausfall bei Männern in den so genannten Geheimratsecken, bei manchen auch diffus am Oberkopf oder speziell im Haarwirbel. Ein verstärkter Haarausfall muss dabei nicht vorliegen, die Haarlichtung kann sich auch über Jahre schleichend ausbilden.

Für die Behandlung der Alopezie wird eine Reihe von Präparaten angeboten. In der Regel haben sie entweder gar keine oder eine zu schwache Wirkung, um den Haarverlust aufzuhalten. Im Wesentlichen stehen derzeit nur zwei wirksame medikamentöse Ansätze zur Verfügung, die jedoch von der GKV nicht erstattet werden: Finasteridtabletten und Minoxidil in Form einer 5-prozentigen Lösung.

Finasterid hemmt die 5-α-Reduktase Typ II und damit die Bildung von DHT aus seiner Vorstufe Testosteron. Bei täglicher Einnahme einer 1-mg-Finasteridtablette (Propecia®) kommt es zu einer etwa 70-prozentigen Absenkung der Serum-DHT-Spiegel.

Die Wirksamkeit von Finasterid bei aktiver androgenetischer Alopezie konnte in einer fünfjährigen Multicenterstudie an 1553 Männern zwischen 18 und 41 Jahren nachgewiesen werden. Auch bei Männern zwischen 41 und 60 Jahren wurde die Wirkung klinisch belegt.

Antihypertonikum gegen Haarausfall

Minoxidil wurde ursprünglich als orales Antihypertonikum eingesetzt. Bei einigen Anwendern kam es als Nebenwirkung zu einer ausgeprägten Hypertrichose. Daraufhin wurde in klinischen Studien die Wirksamkeit einer äußerlich anzuwendenden Minoxidillösung bei der androgenetischen Alopezie untersucht.

1988 wurde Minoxidillösung als erstes Haarwuchsmittel in den USA zugelassen. Seit 1996 ist sie in den USA und vielen anderen Ländern rezeptfrei in Apotheken erhältlich, in Deutschland seit Juli 2005 (Regaine® 5 Prozent Männer). Die Lösung wird zweimal täglich äußerlich angewendet. Als Wirkmechanismus wird unter anderem eine Verbesserung der Mikrozirkulation an der dermalen Papille vermutet, zum Beispiel durch örtliche Erhöhung des VEGF (vascular endothelial growth factor) und der Prostaglandinsynthese.

Eine Anwendungsbeobachtung mit 984 männlichen Probanden im Alter von 14 bis 84 Jahren belegt, dass bereits nach sechs bis acht Therapiewochen erste Erfolge erzielt werden können. In der Eingangsuntersuchung stellten Dermatologen eine mediane Dauer des Haarausfalls von 53,5 Monaten bei den Probanden fest. Zwölf Monate lang trugen die Männer zweimal täglich Minoxidil-5%-Lösung auf die betreffenden, sich lichtenden Haarstellen auf. Die Dermatologen kontrollierten alle drei Monate das Haarwachstum. Bereits nach sechswöchiger Therapiedauer wurde dabei bei der Mehrzahl der Anwender eine Stabilisierung des Haarausfalls beobachtet, der sich bis zum Ende der Anwendung nach zwölf Monaten stetig verbesserte. Insgesamt stabilisierte sich bei 92 Prozent der Probanden der Verlauf der androgenetischen Alopezie, bei 62 Prozent verkleinerte sich das vom Haarausfall betroffene Areal und bei 48 Prozent der Teilnehmer bildete sich kräftiges Haar.

Mit Finasterid und Minoxidil gelingt es bei circa 80 bis 90 Prozent der Behandelten, den Haarausfall zu stoppen. Bei etwa der Hälfte der Männer kommt es sogar zu einer sichtbaren Verdichtung der Kopfbehaarung.

Jede zehnte Frau betroffen

Vor den Wechseljahren leiden etwa 10 Prozent der Frauen unter erblichem Haarausfall, nach den Wechseljahren sind bis zu 20 Prozent aller Frauen betroffen. Die androgenetische Alopezie der Frau zeigt sich meist in einer diffusen Lichtung am Oberkopf, vor allem im Mittelscheitelareal. Vollkommen haarlose Flächen wie bei Männern entstehen nicht.

Ursache des Haarverlustes ist eine starke erbliche Komponente. Die Überempfindlichkeit gegenüber DHT kann durch Estrogene kompensiert werden. Wenn nach den Wechseljahren die Estrogenspiegel absinken, setzt sich bei manchen Frauen der Einfluss der männlichen Sexualhormone durch. Auch hier ist Ursache für die Haarlichtung eine Miniaturisierung der Haarwurzeln. Ein verstärkter Haarausfall liegt meist nicht vor. Die Serumhormonwerte (Estrogene, Testosteron) sind wie bei den Männern meistens normal.

Therapie niedriger dosiert

Auch zur Behandlung des weiblichen Haarausfalls werden zahlreiche Nahrungsergänzungsmittel, Vitamine und Kopfwässer angeboten. Sie sind in der Regel nicht ausreichend wirksam, um eine androgenetische Alopezie zu stoppen. Wirksam ist auch hier die äußerliche Behandlung mit Minoxidillösung, die morgens und abends auf die betroffenen Kopfhautstellen aufgetragen werden muss.

Anders als bei Männern sollte bei Frauen eine 2-prozentige Lösung (Regaine® 2 Prozent Frauen) verwendet werden. In dieser Konzentration kommt es wesentlich seltener zu Rötung und Schuppung der Kopfhaut. Genau abzuwägen ist die Anwendung von Minoxidil bei Frauen dunklen Typs, da es bei ihnen in 10 bis 20 Prozent der Fälle zu verstärkter Hypertrichose im Gesicht kommen kann.

Die Minoxidilbehandlung muss kontinuierlich durchgeführt werden, da sonst die zugewonnenen Haare wieder ausfallen. Bei richtiger Anwendung kommt es bei rund 50 Prozent der behandelten Frauen zu sichtbaren Verdichtungen der Kopfhaare.

Als Ergänzung kommt bei Frauen auch die systemische Anwendung von Kontrazeptiva mit antiandrogener Komponente infrage (zum Beispiel Neo-Eunomin®, Belara®, Valette®, Diane 35®). Sie mindern den unerwünschten Einfluss der männlichen Sexualhormone. Bei der Gabe von Antiandrogenen muss eine Schwangerschaft vermieden werden; andernfalls kann es zur gestörten Genitalentwicklung bei männlichen Föten kommen.

  • Als Wirkmechanismus dieser Pillen sind zwei Vorgänge relevant:
  • Das enthaltene Estrogen erhöht die Serumkonzentration des sexualhormonbindenden Globulins (SHBG). Dadurch wird mehr Testosteron im Blut gebunden. Es steht weniger freies Testosteron zur Verfügung, um in die Zelle zu gelangen.
  • In der Zelle blockiert das Antiandrogen den Androgen-Rezeptor für Testosteron und DHT.

Bei Raucherinnen ist wegen eines erhöhten Thromboserisikos die systemische Sexualhormongabe zur Behandlung der androgenetischen Alopezie allerdings nicht zu empfehlen.

Als Autoimmunerkrankung

Eine Alopecia areata (kreisrunder Haarausfall) kann jeden in jedem Lebensalter betreffen. Bereits Kleinkinder können umschriebene, zunächst münzgroße haarfreie Areale am Kopf entwickeln. Die meisten der münzgroßen Herde heilen spontan wieder ab. Bei einigen Betroffenen schreitet die Haarlichtung aber fort, manchmal bis zum völligen Haarverlust (Alopecia areata totalis). In einigen Fällen geht jedes Haar am Körper verloren (Alopecia areata universalis).

Ursache des Haarverlustes ist ein immunologischer Angriff des Körpers gegen die eigenen Haarfollikel. Dabei umgeben T-Lymphozyten die Haarwurzel und senden Zytokin-Signale aus, die die Funktion der Haarwurzel lähmen. Die Haarwurzeln werden dabei allerdings nicht zerstört, sodass auch nach Jahren noch spontan Haare wachsen können.

Bei nur geringer Ausdehnung und erstmaligem Auftreten kann zunächst mit einer Behandlung abgewartet werden, denn häufig wachsen die Haare nach drei bis sechs Monaten wieder von selbst nach. Bei leichten Formen können Zinktabletten helfen. Die orale Einnahme von Cortison ist meist unwirksam und kann Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme, Bluthochdruck oder unerwünschtes Haarwachstum im Gesicht mit sich bringen.

Für besonders ausgeprägte Formen des kreisrunden Haarausfalls wird in speziellen Haar-Sprechstunden eine örtliche immunstimulierende Therapie mit Diphencyprone (DCP) durchgeführt. Dieses Verfahren ist jedoch nicht als Arzneimittel zugelassen, sodass die Behandlung im Rahmen eines individuellen Heilversuches erfolgt. Die Kopfhaut des Patienten wird dabei einmal wöchentlich mit DCP eingerieben. Die nachfolgende Entzündungsreaktion beeinflusst die überreagierenden Immunzellen, sodass sich etwa bei der Hälfte der behandelten Patienten wieder Haarwachstum zeigt. Die Behandlungskosten von etwa 250 Euro pro Monat werden von den Krankenkassen in der Regel nicht übernommen.

 

Anschrift des Verfassers:
Professor Dr. Hans Wolff
Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie
Ludwig-Maximilians-Universität
Frauenlobstraße 9-11
80337 München
hans.wolff@lrz.uni-muenchen.de
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E-Mail: redaktion@govi.de


Beitrag erschienen in Ausgabe 41/2005

 

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