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Blutdruck fehlerfrei selbst bestimmen

PHARMAZIE

 
Beratung

Blutdruck fehlerfrei selbst bestimmen

von Nina Griese und Martin Schulz, Berlin

Laut einer Untersuchung kennt die Mehrzahl der Patienten die Regeln für eine korrekte Blutdruckmessung nicht. Zur Unterstützung der Beratung hat das ZAPP der ABDA eine Standardarbeitsanweisung »Patientenberatung bei der Blutdruckselbstmessung« sowie ein Informationsblatt für die Messung am Handgelenk und am Oberarm erarbeitet.

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Schätzungsweise 30 Millionen Menschen haben in Deutschland einen zu hohen Blutdruck (1). Von diesen 30 Millionen Hypertonikern weiß etwa nur die Hälfte von ihrer Erkrankung und von diesen wird wiederum nur circa die Hälfte behandelt. Nur bei etwa 20 Prozent der behandelten Bluthochdruckpatienten ist der Blutdruck im Normbereich.

Grundpfeiler für die Diagnose, das Management und die Therapie der arteriellen Hypertonie ist die Blutdruckmessung. Dabei entscheidet die Genauigkeit der Messung über die Art und Dosierung der Antihypertonika. Zur Bestimmung des Blutdrucks stehen die konventionelle Gelegenheitsblutdruckmessung, die Blutdruckselbstmessung und die ambulante Blutdruck-Langzeitmessung zur Verfügung. Jedes dieser Messverfahren hat seine Vor- und Nachteile, wodurch sich die Verfahren in Diagnostik, Prognose und Therapie ergänzen. Vorteile der Blutdruckselbstmessung im Vergleich zur Arztmessung sind im nachfolgenden Kasten zusammengefasst.

 

Vorteile der Blutdruckselbstmessung
  • einfach und kostengünstig
  • genaue und reproduzierbare Erfassung von Therapieeffekten in der Dosistitrationsphase und Langzeittherapie
  • gibt dem Patienten Sicherheit
  • Förderung der Selbstwirksamkeit
  • Förderung der Compliance
  • höhere prognostische Aussagekraft
  • führt zur Therapieoptimierung

 

Laut einer Metaanalyse wird durch die Einbeziehung der Selbstmessung eine bessere Blutdruckeinstellung als mit alleiniger ärztlicher Kontrolle erreicht. So hatten in der Metaanalyse von 18 kontrollierten Studien mit insgesamt 2714 Patienten selbstmessende Patienten unter Therapie systolisch um 4,3 und diastolisch um 2,4 mmHg niedrigere Blutdruckwerte als nicht selbstmessende (2). Der Anteil der Patienten, die den Zielblutdruck erreichten, war bei der Selbstmessung um 11 Prozent höher. Die vom Patienten selbst gemessenen Blutdruckwerte scheinen auch eine höhere prognostische Aussagekraft als die vom Arzt gemessenen Blutdruckwerte zu haben. So zeigten mehrere Untersuchungen, dass die Selbstmessung im Vergleich zur Praxismessung eine engere Beziehung zur kardiovaskulären Mortalität aufweist (3, 4).

Im Vergleich zu normotonen Patienten, bei denen die häuslich gemessenen Blutdruckwerte kaum Unterschiede zu denen beim Arzt gemessenen aufweisen, finden sich beim Bluthochdruckpatient im Mittel niedrigere selbst gemessene Werte (5). Daher ist bei der Bewertung der Selbstmessung wichtig, dass hier niedrigere Normgrenzen als in der Praxis gelten: Bei der Selbstmessung beträgt der obere Normwert 135/85 mmHg im Vergleich zu 140/90 mmHg in der Praxis (6). Die selbstgemessenen Blutdruckwerte sind allerdings nur dann klinisch verwendbar, wenn der Patient ein zuverlässiges Gerät benutzt und die Messung richtig durchführt.

Daher sollte zur Messung nur ein technisch einwandfrei arbeitendes und nach den Leitlinien der Deutschen Hochdruckliga oder anderen anerkannten Fachgesellschaften erfolgreich getestetes Gerät empfohlen werden.

Eine Untersuchung zu Informationsdefiziten bei der Blutdruckselbstmessung ergab, dass die Mehrzahl der Patienten die Regeln für eine korrekte Blutdruckmessung nicht kennt (7). Dies betraf sowohl ungeschulte Patienten als auch in Arztpraxen oder Apotheken eingewiesene Patienten. Nur etwa der Hälfte der Befragten war bekannt, dass vor der Messung eine Ruhepause einzuhalten ist. Weniger als ein Drittel wusste, dass die morgendliche Messung vor der Einnahme von Antihypertensiva und am Arm mit den höheren Blutdruckwerten erfolgen sollte und dass der Messpunkt in Herzhöhe liegen muss. Weitere wichtige Fehlerquellen bei der Blutdruckselbstmessung sind Reden während der Messung und falsche Manschettengröße.

Auswahl des geeigneten Gerätes

Um den passenden Gerätetyp und den richtigen Messarm für den Patienten zu ermitteln, erfolgt je eine Messung am rechten und linken Oberarm und eine Messung am rechten und linken Handgelenk. Bei Abweichung der Messung am Handgelenk im Vergleich zur Messung am Oberarm von mehr 10 mmHg ist das Handgelenksgerät nicht geeignet. Größere Abweichungen finden sich oft bei Diabetikern und älteren Patienten auf Grund arteriosklerotischer Gefäßveränderungen. Bei 6 Prozent aller Hypertonika liegen Blutdruckdifferenzen von mehr als 10 mmHg zwischen beiden Armen vor. Daher ist auch eine Vergleichsmessung zwischen linkem und rechtem Arm durchzuführen. Unterscheiden sich die Vergleichsmessung zwischen linkem und rechtem Arm um mehr als 10 mmHg, ist immer an dem Arm mit dem höheren Wert zu messen (8). Sind die Werte etwa gleich hoch, wird am linken Arm gemessen. Bei Seitendifferenzen von mehr als 20/10 mmHg sollte der Patient an den Arzt verwiesen werden (6).

Bei Vorhofflimmern oder gehäuften Extrasystolen sind elektronische Geräte mit oszillometrischer Messung wegen der großen Fehlerbreite nicht geeignet (9). Hier sollte die Blutdruckmessung mit dem Stethoskop erfolgen (10).

Korrekte Manschettengröße wählen

Durch die wachsende Anzahl an übergewichtigen Hypertonikern wird die Auswahl der richtigen Manschettengröße immer wichtiger. In einer Untersuchung in den USA im Jahr 2001 benötigten von 430 Patienten einer Hypertonieklinik 61 Prozent eine größere Oberarmmanschette, da ihr Armumfang über 33 cm betrug (11).

Wird die Blutdruckmanschette bezogen auf den Oberarmumfang zu klein gewählt, resultiert hieraus eine Überschätzung des tatsächlichen Blutdrucks. Umgekehrt wird bei einer zu großen Blutdruckmanschette der tatsächliche Blutdruck unterschätzt. Im Allgemeinen wird häufiger eine zu kleine Blutdruckmanschette gewählt (6).

Für die Selbstmessung am Handgelenk und am Oberarm werden vom Hersteller in der Regel verschieden große Blutdruckmanschetten in Abhängigkeit vom Arm- beziehungsweise Handgelenksdurchmesser angeboten. Daher sollte bei der Wahl der Manschette auf die Angaben der Hersteller geachtet werden.

Auf Grund der zahlreichen Fehlerquellen ist es sinnvoll, die erste Blutdruckmessung in der Apotheke gemeinsam mit dem Patienten durchzuführen und den Erfolg der Schulung nach zwei bis drei Wochen nochmals zu kontrollieren. Eine jährliche Überprüfung von Gerät und Messtechnik sollte die Beratung bei der Blutdruckselbstmessung ergänzen.

Der Blutdruck unterliegt starken tageszeitlichen und auch jahreszeitlichen Schwankungen. Aber auch die momentane physische und emotionale Lage hat einen deutlichen Einfluss auf den Blutdruck. Ein wichtiger Aspekt bei der Einweisung in die Selbstmessung ist daher, dass Patienten ihren Blutdruck als variable Größe verstehen und wissen, dass auch Wiederholungsmessungen unterschiedliche Werte ergeben können.

Wann und wie häufig?

Um vergleichbare Werte zu erhalten, ist es wichtig, die Messungen immer zur gleichen Zeit durchzuführen. Wegen des morgendlichen Blutdruckanstiegs und dem »Nachlassen« der antihypertensiven Wirkung der meisten Antihypertonika nach Gabe am Vortag sind die Blutdruckwerte am Morgen signifikant höher als am Abend (12). Die Messungen sollten daher morgens zwischen 6.00 und 9.00 Uhr sowie abends zwischen 18.00 und 21.00 Uhr jeweils vor der Mahlzeit und vor der Einnahme von blutdrucksenkenden Medikamenten erfolgen.

Zu Beginn der Therapie oder nach der Umstellung auf ein neues Arzneimittel sollten die Patienten die Messungen täglich morgens und abends durchführen (6). Sind stabile und normale Blutdruckwerte erreicht, kann die Messfrequenz verringert werden. Häufig genügt es, wenn an einem Tag pro Woche jeweils zwei Messungen am Abend und zwei Messungen am Morgen vor der Medikamenteneinnahme durchgeführt werden (6).

Es ist sinnvoll, dass die Patienten neben den gemessenen Werten das jeweilige Gewicht, besondere Belastungen und Änderungen der Therapie im Blutdruckpass dokumentieren.

Bei einigen wenigen Patienten kann die Messung höherer Werte Ängste auslösen und dazu führen, den Blutdruck zu häufig zu messen. Die Selbstmessung ist bei diesen Patienten nicht angezeigt.

 

Literatur

  1. Middeke, M., Arterielle Hypertonie. (2005), Georg Thieme Verlag, Stuttgart.
  2. Cappuccio, F. P.,et al., Blood pressure control by home monitoring: meta-analysis of randomised trials. BMJ. 329 (2004) 145-150.
  3. Kleinert, H. D. et al., What is the value of home blood pressure measurement in patients with mild hypertension? Hypertension 6 (1984) 574-578.
  4. Ohkubo, T. et al., Home blood pressure measurement has a stronger predictive power for mortality than does screening blood pressure measurement: a population-based observation in Ohasama, Japan. J. Hypertens. 16 (1998) 971-975.
  5. Mancia, G. et al., Blood-pressure control in the hypertensive population. Lancet 349 (1997) 454-457.
  6. Deutsche Hochdruckliga: Leitlinien für die Prävention, Erkennung, Diagnostik und Therapie der arteriellen Hypertonie. (2003).
  7. Patyna, W. D. et al., [Information deficits concerning blood pressure self-measurement]. Dtsch. Med. Wochenschr. 129 (2004) 2466-2469.
  8. Deutsche Hochdruckliga: Empfehlungen zur Selbstmessung des Blutdrucks, 2. Auflage. (2000).
  9. Franz, I. W., Echter Hochdruck oder Manschetten vor dem Arzt? Munch. Med. Wochenschr. 29-30 (2005) 673-676.
  10. Diers, K., Manuale zur pharmazeutischen Betreuung ­ Band 6: Hypertonie. (2003), Govi-Verlag, Eschborn.
  11. Graves, J., Prevalence of blood pressure cuff sizes in a referral practice of 430 consecutive adult hypertensives. Blood Press. Monit. 6 (2001) 17-20.
  12. Imai, Y. et al., Characteristics of blood pressure measured at home in the morning and in the evening: the Ohasama study. J. Hypertens. 17 (1999) 889-898.

 

Weitere Infos auf der Expopharm Zur Qualitätssicherung der Patientenberatung wurden vom ZAPP der ABDA Standardarbeitsanweisungen entwickelt. Sie unterstützen den Apotheker bei der Umsetzung der Patientenberatung zu den Themen Blutdruck- und Blutzuckerselbstkontrolle, Insulinanwendung durch den Patienten, gesundes Ernährungsverhalten und Gewichtsreduktion. Zu den Themen Blutzuckerselbstkontrolle und Insulinanwendung wurden zusätzlich Check-Listen erarbeitet, die eine Verlaufsdokumentation der Beratung und damit eine Erfolgskontrolle ermöglichen. Weiterhin finden Sie als Auswahlhilfe eine tabellarische Zusammenstellung der wichtigsten Merkmale zahlreicher gängiger Blutzuckermessgeräte.

Diese Arbeitsmaterialien sowie Informationstexte für den Patienten zur Blutdruckselbstmessung finden Sie als Kopiervorlage im Serviceteil der Druck-Ausgabe oder unter www.abda.de/Themen/Qualitätssicherung.

Für Fragen zu diesen Materialien, wie auch zu den Themen Hausapotheke und Beratungsoffensive, stehen Ihnen auf der Expopharm 2005 in Halle 13.2 am ABDA-Stand (B-15) Mitarbeiter des Zentrums für Arzneimittelinformation und Pharmazeutische Praxis (ZAPP) der ABDA zur Verfügung.

 

Für die Verfasser:
Zentrum für Arzneimittelinformation und Pharmazeutische Praxis (ZAPP) der ABDA
Jägerstraße 49/50
10117 Berlin
zapp@abda.aponet.de
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E-Mail: redaktion@govi.de


Beitrag erschienen in Ausgabe 38/2005

 

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