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Extrakt aus Pestwurzblättern lindert allergische Rhinitis

PHARMAZIE

 
Phytotherapie

Extrakt aus Pestwurzblättern lindert allergische Rhinitis

von Brigitte M. Gensthaler, München

Als Pestarznei hat sie im Mittelalter - trotz der Namensähnlichkeit - kläglich versagt. Die Pestwurz konnte sich erst als Spasmolytikum in der modernen Medizin behaupten. Heute werden Extrakte aus dem Rhizom auch zur Migräneprophylaxe eingesetzt. Zubereitungen aus Pestwurzblättern könnten neue Indikationen erschließen.

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Auf feuchtem Boden, an Bach- und Flussufern ist die gemeine Pestwurz (Petasites hybridus, Asteraceae) kaum zu übersehen. Die rötlichen Blütenstände erscheinen schon im zeitigen Frühjahr, später fallen die mächtigen Blätter auf. Der griechische Arzt Dioskurides benannte die Pflanze nach dem griechischen Wort „petasos“ als „Regenhut“.

Als pharmakologisch aktive Substanzen wurden etwa 20 isomere Sesquiterpenester wie Petasin, Neo- und Isopetasin identifiziert. Deren Muskel relaxierende und dadurch spasmolytische Wirkung wird durch eine Abnahme der intrazellulären Calcium-Konzentration ausgelöst, erklärte Dr. Peter Kälin, Roggwil, bei einem Symposium Ende letzten Jahres an der Universität Irchel Zürich. Außerdem hemmen Petasine die Leukotriensynthese in Monozyten und Granulozyten und wirken somit auch antiinflammatorisch.

 

Seit der Antike im Einsatz Die gemeine Pestwurz ist in Europa, Asien und Nordamerika verbreitet. Die griechische Arzt Dioskurides (um 50 nach Christus) empfahl die zerstoßenen Blätter zur Heilung von Geschwüren. Tabernaemonatnus erweiterte in seinem Kräuterbuch von 1664 das Anwendungsspektrum auf Bauchkoliken, schweren Atem und Husten; außerdem empfahl er Pestwurz als Emmenagogum und Schweiß treibenden Trank. Erst 1951 fand die Pestwurz Eingang in die rationale Phytotherapie, als ihre spasmolytische Aktivität in vitro nachgewiesen wurde.

 

In Verruf gekommen ist die Pestwurz durch ihren Gehalt an potenziell lebertoxischen und kanzerogenen Pyrrolizidinalkaloiden (PA). Dank moderner Extraktionsverfahren mit „überkritischem“ Kohlendioxid liegt die Konzentration der Alkaloide in Fertigpräparaten (zum Beispiel Petadolex®, Petaforce®) jedoch unter der Nachweisgrenze und damit weit unter der vom ehemaligen Bundesgesundheitsamt festgesetzten Menge von 0,1 mg PA pro Tagesdosis.

Erprobt bei Spasmen und Migräne

Traditionell wird Pestwurzrhizom-Extrakt bei Spasmen der ableitenden Harnwege und des Magen-Darm-Galle-Bereichs, bei spastisch bedingten Schmerzen, Dysmenorrhoe und Kopfschmerz eingesetzt. Eine kleine Studie belegte vor drei Jahren die Wirksamkeit des Extraktes in der Migräneprophylaxe. In der doppelblinden Studie hatten 60 Patienten drei Monate lang entweder zweimal täglich 50 mg Rhizomextrakt oder Placebo eingenommen. Anzahl und Dauer der Attacken nahmen gegenüber Placebo signifikant ab, auch die Schmerzen waren schwächer. Studienleiter Professor Dr. Werner Grossmann, München, rät zu einer drei- bis viermonatigen Einnahme; dann solle der Patient die Medikation langsam reduzieren („ausschleichen“).

Der Petasites-Extrakt wirke bei Migräne mindestens ebenso gut prophylaktisch wie die synthetischen Wirkstoffe Propranolol und Flunarizin, betonte Kälin in Zürich.

Für Aufsehen sorgten in den letzten zehn Jahren Berichte über drei Fälle einer cholestatischen Hepatitis, die unter Langzeiteinnahme des Extraktes aufgetreten waren. Daher sollen zu Beginn einer Langzeittherapie und danach alle vier bis sechs Wochen die Leberwerte des Patienten kontrolliert werden. Bei deren Anstieg muss das Phytopräparat sofort abgesetzt werden. Eine Comedikation mit lebertoxischen Substanzen und regelmäßiger Alkoholkonsum sind während der Therapie zu vermeiden. Zur Anwendung während Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei Kindern unter zwölf Jahren liegen keine Daten vor.

Entzündungsmediatoren gehemmt

Sowohl Petasine als auch ein Extrakt (Ze 339) aus den Pestwurzblättern blockieren die Freisetzung von Entzündungsmediatoren, zum Beispiel Histamin, sehr rasch nach Einnahme des Medikaments, wodurch die Symptome des Heuschnupfens blockiert werden. Zusätzlich wird die Synthese der Leukotriene nachhaltig gehemmt. Dies konnte der Berner Apotheker Dr. Oliver Thomet in einer kleinen Studie nachweisen. Nach fünftägiger Therapie mit dreimal täglich zwei Tabletten (standardisiert auf je 8 mg Petasine) sanken der Leukotrien- und Histamingehalt im Nasensekret von Patienten mit allergischer Rhinitis signifikant ab. Ihre Lebensqualität nahm deutlich zu.

 

Vorsicht Verfälschung Eine unrühmliche Rolle spielen Pestwurzblätter als Verwechslung oder Verunreinigung in der Droge Huflattichblätter (Tussilago farfarae, Asteraceae). Mit der Dünnschichtchromatographie lassen sich jedoch die Sesquiterpenalkohole vom Eremophilan-Typ wie Petasin und Isopetasin nachweisen.

 

In einer randomisierten doppelblinden Parallelgruppenstudie mit 125 Heuschnupfen-Patienten schnitt der Extrakt Ze 339 ähnlich gut ab wie Cetirizin. Nach zweiwöchiger Therapie waren sowohl das subjektive Befinden als auch das klinische Bild vergleichbar gebessert. Die Studiengruppe um den Schweizer Allergologen und HNO-Arzt Dr. Andreas Schapowal hält das Phytopharmakon zur Behandlung der saisonalen allergischen Rhinitis für geeignet, wenn mögliche sedierende Nebeneffekte von Antihistaminika vermieden werden sollen (Schapowal, A., et al., Brit. Med. J. 324 (2002) 144-146). Lästig ist allerdings die hohe Einnahmefrequenz: Die Patienten mussten viermal täglich eine Tablette des Phytopharmakons schlucken.

Weitere Indikationen denkbar

Der neue Extrakt wird mit unterkritischem CO2 aus Pestwurzblättern gewonnen, teilte Professor Dr. Axel Brattström, Leiter der Klinischen Forschung bei der Schweizer Firma Zeller AG, auf Anfrage mit. Die Tabletten sind standardisiert auf 8 mg Petasine, dazu zählen Petasin, Iso- und Neopetasin, die die Leukotriensynthese gleich stark hemmen. Der PA-Gehalt liegt laut Brattström unter der Nachweisgrenze von 35 ppb (parts per billion).

Das Präparat soll im Frühjahr zur Behandlung der saisonalen allergischen Rhinitis auf den eidgenössischen Markt kommen (Tesalin®) und wird rezeptpflichtig sein. Die Firma will die deutsche Zulassung ebenfalls in diesem Jahr beantragen. Die rasche Blockade von Entzündungsmediatoren lässt sie auf weitere Indikationen hoffen. Angestrebt werde eine Ausweitung der Zulassung auf andere atopische Erkrankungen wie allergisches Asthma (orale Therapie) und Neurodermitis. Hier habe eine topische Formulierung des Extraktes in einer Lipolotion gute Effekte gezeigt, berichtet der Forschungsleiter. Erste positive Kasuistiken lägen für Patienten mit chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) vor.

Ein Lichtblick für Pferdefreunde: Auch Tiere mit COPD und Asthma, häufig ausgelöst durch Schimmelpilze im Heu, profitierten von den Pestwurz-Tabletten. Die allergischen Reaktionen der Rösser ließen deutlich nach. Top

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Beitrag erschienen in Ausgabe 03/2003

 

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