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Traditionelles Männerbild als Gesundheitsrisiko

von Siegfried Löffler, Tutzing

Das gerade zu Ende gegangene 20. Jahrhundert brachte Männern und Frauen eine Verdoppelung der Lebenserwartung. Männer sterben aber weiterhin früher als Frauen. Ist es da noch berechtigt, vom "schwachen Geschlecht" zu sprechen, wenn von Frauen die Rede ist?

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Fachleute wissen längst, dass die Männer weltweit nicht nur eine weitaus geringere Lebenserwartung haben, sondern auch häufiger krank sind. Der 1. Kongress zur Männergesundheit 1995 in London bezeichnete die Männer daher als das "kranke Geschlecht"; die Männerforschung spricht inzwischen unter gesundheitlichen Aspekten von den Männern als dem "schwachen Geschlecht".

Aus der Sicht des Sozialverbandes VdK ist es an der Zeit, dass die Gesundheitspolitik Konsequenzen aus der Erkenntnis zieht, nach der besonders ältere Männer eine "medizinisch benachteiligte und sozial übergangene Minderheit" sind. Der VdK Bayern konzentrierte diesmal sein traditionelles zweitägiges Forum in Tutzing am Starnberger See auf die Frage, wie besonders den älteren Männern geholfen werden kann.

Nach Ansicht der Fachleute stehen die Chancen dafür gar nicht schlecht. Die Männer selbst müssen allerdings entscheidend dazu beitragen. Sie müssen den Mut haben, über ihren eigenen Schatten zu springen und endlich nicht mehr bei jeder Gelegenheit "den starken Mann spielen", sondern rechtzeitig zum Arzt gehen, wenn sie sich nicht wohl fühlen.

Frauen haben da weniger Hemmungen. Sie geben eher zu, krank zu sein und gehen grundsätzlich früher zum Arzt als Männer. Der Unterschied zwischen Männern und Frauen zeigt sich schon in der Akzeptanz der Krebsfrüherkennungsuntersuchungen, auf die alle mindestens 20-jährigen Frauen und Männer ab 45 Jahren einmal jährlich Anspruch haben. Diese Möglichkeit, durch Früherkennung von Krankheiten rechtzeitig gegensteuern zu können, wird noch viel zu wenig von Frauen, jedoch wesentlich häufiger als von Männern genutzt. Hier begegnet sich die Ansicht "Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß!" mit der noch weit verbreiteten starren Haltung, dass es "unmännlich" sei, Gesundheitsstörungen zuzugeben.

Während des VdK-Forums las der Berliner Publizist Professor Dr. Walter Hollstein seinen Geschlechtsgenossen gehörig die Leviten: Je weniger Schlaf sie brauchen, je mehr Schmerzen sie ertragen, je weniger sie auf eigene Befindlichkeiten, auf Warnsignale des Körpers achten, umso männlicher fühlen sie sich. Das erkläre die bedeutend geringere Lebenserwartung im Vergleich zu den Frauen. Dominanz und Machtgebaren im Berufsleben forderten physisch und psychisch ihren Tribut. Hollstein: "Die äußere Macht der Männer bedingt notwendigerweise ihre innere Ohnmacht." Das hat schon vor Jahren auch die Weltgesundheitsorganisation WHO erkannt, nach deren Statistiken die Männer bei den meisten Krankheitsbildern Spitzenreiter sind.

In die gleiche Kerbe schlug der Hamburger Diplom-Psychologe Matthias Weikert. Natürlich sind die Männer an der geringen Beachtung ihres Problems selbst schuld, wenn sie nicht zum Arzt gehen, weil sie einen Verlust der Rolle des Ernährers der Familie, des Sachverständigen im Beruf, der körperlichen Stärke befürchten.

Die Statistik, die die Fachleute in Tutzing präsentierten, spricht eine deutliche Sprache: Gicht als Folge falscher Ernährung tritt bei Männern zehnmal häufiger auf als bei Frauen. Im Alter zwischen 30 und 50 Jahren erleiden Männer sechsmal häufiger einen Herzinfarkt. Nur ein Drittel der Männer, aber zwei Drittel der Frauen gehen rechtzeitig zum Arzt, dreimal so viele Männer werden alkoholkrank, achtmal mehr Männer als Frauen nehmen harte Drogen.

Selbst bei der Statistik erfolgreicher Selbstmordversuche führen die Männer: Es entspricht ihrem Rollenverständnis, Pläne konsequent zu verwirklichen, während Frauen "viel öfter einen Selbstmordversuch beginnen, aber damit in erster Linie auf ihre schwierige Lage aufmerksam machen wollen", so Hollstein

Auf das Nord-Süd-Gefälle bei der Männergesundheit wies der Wissenschaftliche Direktor der Studiengruppe für Sozialforschung in Marquartstein/Chiemsee, Diplom-Soziologe Gerd-Uwe Watzlawczik hin. Die Männer, die im Norden und Nordwesten Europas leben, haben eine geringere Lebenserwartung als die Südeuropäer. Die in jenen Breiten besonders gepflegte Siesta ist eine wichtige Voraussetzung für eine längere Lebenserwartung. Aber auch innerhalb der einzelnen Länder, zum Beispiel in Frankreich und Italien, gibt es ein Nord-Süd-Gefälle. Die Südfranzosen haben eine um acht Jahre höhere Lebenserwartung als ihre Landsleute in der Bretagne, die mehr Fett zu sich nehmen und öfters einen Calvados trinken.

Mit der richtigen Ernährung hängt auch zusammen, dass überall in Europa verheiratete Männer eine längere Lebenserwartung haben als Junggesellen. Das liegt sicher daran, dass Verheiratete von ihren Frauen gesundheitsbewusster bekocht werden.

Auch der Gesundheitszustand der über 60-jährigen Ausländer sei schlechter als der gleichaltriger Deutscher, sagte Diplom-Volkswirtin Ulla-Kristina Schuleri-Hartje vom Deutschen Institut für Urbanistik in Berlin. Schlaflosigkeit, starke Vergesslichkeit, psychosomatische Erkrankungen sind offensichtlich der Preis für das Leben in der Fremde. Auch hier trifft es mehr Männer als Frauen.

Aus der Sicht von Karl Jörg Wohlhüter, Vorsitzender des Sozialverbandes VdK Bayern, ist "eine Medizin, die stärker die geschlechtsspezifischen Bedürfnisse der Männer berücksichtigt", dringend erforderlich. Der erste Kongress über Männergesundheit in London, der auf das lange Zeit vernachlässigte Thema hinwies, liegt bereits fünf Jahre zurück. Nachdem aber 1999 die österreichische Hauptstadt Wien als erste europäische Großstadt einen Männergesundheitsbericht vorlegte und Anfang dieses Jahres in Hamburg und Konstanz die ersten Männergesundheitszentren eröffnet wurden, hoffen die älteren Männer in Europa, dass sie nicht weiter eine "medizinisch benachteiligte und sozial übergangene Minderheit" bleiben. 

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Beitrag erschienen in Ausgabe 15/2000

 

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