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Finnland: Apteekki im Land des Weihnachtsmanns

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Finnland


Apteekki im Land des Weihnachtsmanns

Von Sven Siebenand, Helsinki

 

Wer in Finnland eine Apotheke betritt, zieht häufig erstmal eine Nummer und wartet, bis ein Gong ertönt und die entsprechende Nummer rot über dem HV-Tisch aufflackert. Dieses Vorgehen deckt sich nicht unbedingt mit unseren Vorstellungen von Service. Wer daraus aber ableitet, dass für finnische Apotheker nicht der Patient im Mittelpunkt steht, der irrt. Dafür gibt es viele Beispiele.

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Ob Hustenstiller, Antacidum oder Schmerzmittel: Bei einem Rundgang durch den Verkaufsraum einer finnischen Apotheke fällt auf, dass viele OTC-Präparate in der Freiwahl stehen. »Ich treffe aber eine Auswahl, was wo platziert wird. Je erklärungsbedürftiger ein Medikament ist, desto näher steht es an den Bedienplätzen«, erklärt Apothekerin Eeva Teräsalmi. Neben der Lizenz für ihre Hauptapotheke einige Kilometer außerhalb der Hauptstadt Helsinki hält Teräsalmi auch Lizenzen für den Betrieb von Filialapotheken. Genau wie in Deutschland dürfen es aber nicht mehr als drei Filialen sein. Und: Teräsalmi und ihre finnischen Kollegen können nicht selbst entscheiden, ob und wo sie eine Apotheke beziehungsweise Filialen eröffnen. Das ist Bestandteil des strikt reglementierten Apothekensystems in Finnland, das Niederlassungsfreiheit nicht vorsieht.

 

Wie in Deutschland existiert zudem ein Fremdbesitzverbot. Einzige Ausnahme hinsichtlich Fremdbesitz und eingeschränktem Mehrbesitz bilden die Universitätsapotheken. So darf zum Beispiel die Universität Helsinki 17 Apotheken betreiben. Diese Anzahl ist historisch gewachsen. Vor mehr als 250 Jahren wurde die Universitätsapotheke gegründet. 1953 öffnete die erste Filiale ihre Türen, heute betreibt Yliopiston-Apteekki 15 weitere. Trotz Bestrebungen vonseiten der Universitäten hat die nationale Gesundheitsbehörde der Eröffnung weiterer Filialen nicht mehr zugestimmt.

 

Wettbewerb um Lizenzen

 

Eben diese Behörde vergibt auch die Lizenzen, um eine private Apotheke eröffnen oder übernehmen zu dürfen. Wird eine Lizenz frei, zum Beispiel wenn der Vorbesitzer einer Apotheke das Alter von 68 Jahren erreicht, oder soll eine neue Apotheke eröffnet werden, startet das Bewerberrennen. Die Interessenten müssen hoffen, dass die Wahl der Behörde dann auf sie fällt. Voraussetzungen sind, dass sie Apotheker und Bürger eines EU-Mitgliedsstaates sind. Der Lizenzinhaber trägt die berufliche und finanzielle Verantwortung für die Apotheke.

 

Ende 2007 gab es 805 Apotheken in Finnland, darunter 195 Filialapotheken. Wenn eine Filiale einen gewissen Umsatz oder eine bestimmte Rezeptmenge erreicht, dann kann die Gesundheitsbehörde entscheiden, dass sie in eine »richtige« Apotheke umgewandelt wird. Die Lizenz für den Betrieb der Filiale muss der jeweilige Inhaber dann zurückgeben und andere Apotheker können sich für den Betrieb einer Hauptapotheke bewerben. »Das ist natürlich ärgerlich für den Filialbetreiber, aber das System ist ja nicht für uns Apotheker, sondern für die Belange der Patienten geschaffen. Das darf man nie aus den Augen verlieren«, sagt Apothekerin Teräsalmi.

 

Umsatz bestimmt Gebühr

 

Der Preis eines Medikaments ist in ganz Finnland einheitlich. Die Vergütung der Apotheken ist abhängig vom Preis des abgegebenen Arzneimittels - ähnlich der degressiven Staffelung in der Arzneimittelpreisverordnung, die bis 2004 vor Inkrafttreten des GKV-Modernisierungsgesetzes in Deutschland galt. Das heißt, dass der prozentuale Aufschlag auf den Großhandelspreis abnimmt, je höher der Einkaufspreis ist. Im Endpreis ist bereits eine Apothekengebühr enthalten, die der Inhaber einer privaten Apotheke an den Staat zahlen muss. Alle öffentlichen Apotheken zusammen bescheren dem Staat Einnahmen von etwa 120 Millionen Euro pro Jahr. Keine Regel ohne Ausnahme: Und diese betrifft wieder die Universitätsapotheken, die die Gebühr direkt an die Hochschule entrichten.

 

Der Umsatz der Apotheke entscheidet, wie hoch die zu zahlende Gebühr ist. Durchschnittlich liegt der Umsatz bei rund 3,1 Millionen Euro pro Jahr. Während kleinere Apotheken einen geringen Prozentsatz (durchschnittlich 6,4 Prozent beziehungsweise rund 200.000 Euro pro Jahr) zu entrichten haben, müssen große Apotheken bis zu 11 Prozent bezahlen. Auf diese Weise verdienen kleine Apotheken etwas mehr am Verkauf eines Medikaments als größere. Dadurch können die Apotheken auch in dünn besiedelten Gebieten sich finanziell besser über Wasser halten - oft sind es Filialapotheken. Dem Staat gelingt es damit, die flächendeckende Arzneimittelversorgung sicherzustellen.

 

Im Durchschnitt kommen etwa 6600 Einwohner auf eine Apotheke. Damit ist die Apothekendichte in Finnland höher als in den anderen nordischen Ländern wie Schweden, Norwegen oder Dänemark. Zum Vergleich: Die Apothekendichte in Deutschland liegt mit etwa 3800 Einwohnern pro Apotheke im europäischen Mittelfeld. Insgesamt belieferten die Apotheken in Finnland im Jahr 2007 gut 45 Millionen Rezepte.

 

Nur ein Großhändler erlaubt

 

Grüne, gelbe und blaue Wannen in der Apotheke: Das gibt es vielleicht in deutschen, nicht aber in finnischen Apotheken. Denn finnische Apotheker dürfen genau wie die Kollegen im benachbarten Schweden nur bei einem pharmazeutischen Großhändler bestellen, entweder bei Oriola Oy oder bei Tamro Suomi. Eine Folge davon ist, dass die Distributionskosten für Medikamente zu den niedrigsten in Europa zählen. Beide Pharmagroßhändler beliefern hauptsächlich Apotheken und Krankenhäuser.

 

Eine Ausnahme bilden Nicotin-Ersatzmittel. Sie sind die einzigen OTC-Medikamente, die auch außerhalb der Apotheke in Einzelhandelsläden oder Tankstellen verkauft werden dürfen. Die Apotheker gehen mit dieser Ausnahme selbstbewusst um. »Man kann vielleicht die Arzneimittel outsourcen, nicht aber das Fachwissen. Bei uns werden die Präparate nicht nur verkauft, die Patienten bekommen Beratung und Unterstützung beim Nicotinentzug. Wenn die Patienten das merken, ist es den meisten auch wert, etwas mehr zu bezahlen als am Kiosk«, gibt sich Teräsalmi gewiss.

 

Unterstützung bekommt die Apothekerin von der finnischen Ministerin Liisa Hyssälä, die sich dafür einsetzt, dass die Apotheken in die Gesundheitsförderung weiter eingebunden werden. Einstweilen werde sie daher auch nicht, wie von anderen Interessengruppen gefordert, vorschlagen, den Verkauf von Nicotinersatzpräparaten auf Restaurants auszuweiten.

 

Hohe Zuzahlung

 

Abgesehen von Nicotinkaugummis und Co. sind alle weiteren OTC-Präparate (verschreibungspflichtige Medikamente sowieso) ausschließlich in der Apotheke erhältlich. Apropos OTC-Mittel: Nur in Ausnahmefällen, zum Beispiel wenn eine Langzeitbehandlung notwendig ist, übernimmt die Krankenversicherung die Kosten für diese.

 

Die Verwaltung dieser Versicherung liegt in den Händen der Sozialversicherungsanstalt Kansaneläkelaitos (Kela). Diese sorgt für die Grundsicherung aller in Finnland wohnhaften Personen. Wer will, kann zusätzlich eine private Krankenversicherung abschließen, um weitere Leistungen abzudecken.

 

Kommt ein Patient mit einem Rezept und seiner Kela-Karte in die Apotheke, muss er wie Patienten in Deutschland in der Regel eine Zuzahlung leisten. Ein fester Selbstbehalt von ein paar Euro ist immer fällig. Hinzu kommt ein Teil dessen, was die verordneten Medikamente kosten. Im Normalfall übernimmt die Krankenversicherung 42 Prozent des Preises. Ausnahmen gibt es bei verschiedenen chronischen Erkrankungen. So werden zum Beispiel Medikamente zur Behandlung von Asthma, Hypertonie und Herzinsuffizienz zu 72 Prozent erstattet und andere Medikamente, etwa Zytostatika und Insulin, vollständig. Ferner gibt es wie in Deutschland eine Belastungsgrenze, oberhalb derer die Patienten für den Rest des Jahres von weiteren Zuzahlungen befreit sind. Für 2008 liegt diese bei 643 Euro.

 

Wie viel Geld geben die Finnen in der Apotheke aus? Durchschnittlich sind es für verordnete Arzneimittel pro Jahr etwa 350 Euro, für OTC-Präparate kommen etwa 55 Euro hinzu.

 

Bachelor oder Master

 

Insgesamt arbeiten mehr als 8000 Finnen in einer Apotheke, durchschnittlich elf Mitarbeiter pro Offizin. Rund zwei Drittel haben eine pharmazeutische Ausbildung. Diese erhalten sie an einer der drei Universitäten, an denen das Pharmaziestudium angeboten wird: Helsinki, Kuopio oder Turku. Bis zum Bachelor-Abschluss dauert es mindestens drei Jahre, der Master-Studiengang ist in fünf Jahren zu schaffen. Zu beiden Studiengängen gehört ein sechsmonatiges Praktikum in der Apotheke während des Studiums und nicht danach wie in Deutschland.

 

Mit Eeva Teräsalmi hat die Pharmaziepraktikantin in der Omena-Apotheke in Virkkala eine Ausbilderin gefunden, die sehr viel Wert darauf legt, dass die Kunden eingehend beraten werden. »Wir Apotheker werden nicht deshalb geliebt, weil wir Apotheker sind, sondern weil wir den Patienten einige Vorteile bringen und uns um ihre Gesundheit kümmern«, sagt Teräsalmi. Die Apothekerin schafft aber auch den Spagat zwischen Heilberuflerin und Kauffrau. So hat sie auf den Internetseiten ihrer Apotheke einen Online-Shop eingerichtet. Bisher darf sie dort ausschließlich Nicht-Arzneimittel wie Kosmetika oder Nahrungsergänzungsmittel verkaufen. Wenn der Internethandel mit OTC-Präparaten aber erlaubt werden sollte, dann will Teräsalmi in den Startlöchern stehen (zum Thema Versandhandel siehe auch Interview: »Der Patient spielt die Hauptrolle«). »Agieren statt reagieren. Besser es vorher selbst machen, als es später nachmachen«, so ihre Devise.

 

Mit vielen Aktionen macht sie auf die Serviceleistungen in der Apotheke aufmerksam. »Dabei begann alles mit einem Versehen«, erinnert sich Teräsalmi mit einem Schmunzeln. Um die Journalisten aus der Umgebung über die Angebote in ihrer Apotheke zu informieren, hatte sie geplant, zu einer Pressekonferenz in der Offizin einzuladen. Die Medienvertreter wollte sie in diesem Rahmen mit einem gesunden Frühstück versorgen. So weit, so gut. Umso überraschter war die Apothekerin, als sie kurze Zeit später in der Zeitung las, dass sie die Leser herzlich zu einem Gesundheitsfrühstück einlade. »Ehrlich gesagt, ich hatte zunächst echt Angst, dass wir mit dem Ansturm nicht fertig werden könnten«, so Teräsalmi. Tatsächlich kamen viele alte und potenzielle neue Kunden. Die Aktion war ein großer Erfolg und mittlerweile ist das Virkkalaer Gesundheitsfrühstück in der Apotheke zu einer jährlichen Tradition geworden.

 

Kontaktperson für chronisch Kranke

 

Tradition haben auch besondere Beratungsleistungen. Und das selbstverständlich auch in den anderen Apotheken des Landes. Zwischen der Heimat des Weihnachtsmannes im Norden Lapplands und Hanko, der südlichsten Stadt Finnlands, zwischen Ilomantsi an der Grenze zu Russland und dem Bottnischen Meerbusen im Westen Finnlands gab es bis Ende 2007 mehr als 700 Kontaktapotheker für Asthmatiker, etwa genauso viele für Diabetiker und mehr als 600 für Herz-Kreislauf-Patienten. Damit stehen in einem Großteil der rund 800 finnischen Apotheken Ansprechpartner für die gängigsten chronischen Erkrankungen mit Rat und Tat zur Seite.

 

In speziellen Programmen klären die Apotheker die Patienten über ihre Erkrankung auf. Sie erläutern ihnen die Medikation und den Umgang mit Applikationshilfen, motivieren sie, ihre Medikamente korrekt einzunehmen und versorgen sie mit Informationsmaterial. Ferner wollen die Apotheker die Kooperation mit Ärzten, Selbsthilfegruppen, Krankenschwestern und Pflegern verbessern, also eine Patientenversorgung aus einem Guss schaffen.

 

Als Erstes startete vor rund zehn Jahren das Asthma-Programm. 2001 folgte das Diabetes-Programm. »Aufgrund der guten Erfahrungen mit den beiden ersten Programmen wurden die Apotheker regelrecht eingeladen, aktiv das Herz-Kreislauf-Programm mitzugestalten«, sagt Sirpa Peura von der finnischen Apothekervereinigung »Suomen Apteekkariliitto« gegenüber der PZ.

 

Aufforderung zur Vorführung

 

In der Lauttasaari-Apotheke in Helsinki zählt  Tiina Tuononen, Kontaktapothekerin für Asthma, ihre Aufgaben auf. Sie steht im Kontakt mit den Ärzten im benachbarten Gesundheitszentrum, mit örtlichen Selbsthilfegruppen, Krankenschwestern und Pflegern. Weiter ist sie für die Asthma-Schulung der Kolleginnen und Kollegen zuständig, beschafft Informations- und Demonstrationsmaterial rund um das Thema Asthma und Atemwegserkrankungen und ist natürlich wichtigster Ansprechpartner für Asthmatiker in der Apotheke. Mit neu diagnostizierten Patienten übt sie den Umgang mit den Applikationshilfen. Aber auch bei »alten Hasen« schleichen sich Fehler sein. Daher lässt sie sich von Zeit zu Zeit die Inhalationstechnik vorführen.

 

»Die Patienten schätzen es, dass wir uns um sie kümmern«, sagt die Apothekerin. Positiv aufgenommen wird auch der Ratschlag, ein Peak-flow-Tagebuch zu führen, das sie regelmäßig mit dem Patienten bespricht. Immer wieder müsse sie Asthmatikern die Angst vor inhalativen Glucocorticoiden nehmen, denn eine Langzeittherapie mit Corticoiden zu akzeptieren falle vielen schwer. »Wenn man dem Patienten erklärt, wie seine Medikamente wirken und warum er sie einnehmen sollte, lässt sich eine deutlich bessere Compliance erreichen«, so die Apothekerin. Diese Arbeit zählt sie zu ihren wichtigsten Aufgaben.

 

Die gewonnene Stunde nutzen

 

Die Tatsache, dass häufig jemand anderes für Diabetes und ein Dritter für Herz-Kreislauf-Patienten in den Apotheken zuständig ist, zeigt, wie arbeitsintensiv die Betreuung ist und mit welchem Engagement die Kontaktapotheker bei der Sache sind. Steckenpferd von Liisa Heikkinen, Inhaberin der Lauttasaari-Apotheke, sind Therapie und Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Regelmäßig hält sie abends Vorträge im Gemeindezentrum, schult Krankenschwestern und Pfleger im Umgang mit Arzneimitteln und animiert ihre Patienten zu Lebensstiländerungen.

 

Outet sich ein Apothekenkunde durch seinen Geruch zum Beispiel als Raucher, so kann er sicher sein, vom Personal darauf angesprochen zu werden. Wenn er möchte, bekommt er Unterstützung beim Nicotinentzug. Steter Tropfen höhlt den Stein: Eine Apothekerin berichtet, dass sie jahrelang auf eine COPD-Patientin eingeredet habe, sich das Rauchen abzugewöhnen. Eines Tages war diese dann zum Entzug bereit - mit Erfolg. Anschließend erhielt die Apothekerin für ihre »Penetranz« ein großes Dankeschön von der Kundin.

 

Eine weitere Aktion in der Lauttasaari-Apotheke nennt sich »Eine Stunde mehr«. Sie startet jedes Jahr pünktlich zur Zeitumstellung von Sommer- auf Winterzeit. Das Apothekenteam ermuntert die Patienten, die »gewonnene« Stunde zu nutzen, um sich körperlich zu betätigen. Zum Startschuss findet ein von der Apotheke organisierter gemeinsamer Spaziergang statt. Ein Angebot, das gut angenommen wird. Jahr für Jahr nehmen rund 50 Menschen daran teil.

 

An den Ärzten vorbeigezogen

 

Von Patienten und Selbsthilfeorganisationen bekommen die Apotheker für die geleistete Arbeit gute Noten. Bei einer Umfrage unter mehr als 1000 Verbrauchern überholten die Apotheker im vergangenen Jahr erstmals die Ärzte, wenn es darum geht, wer für sie ein wichtiger Ansprechpartner bei Fragen der Medikation ist.

 

87 Prozent nannten den Apotheker, 81 Prozent dagegen den Arzt. »Die Apotheke ist ganz sicher mehr als Arzneimittel-Abgabestelle, sie ist auch der ideale Ort, um Präventionsmaßnahmen anzubieten und über gesunde Lebensführung zu informieren«, sagt Marjaana Lahti-Koski von Suomen Sydänliitto, dem Pendant zur Deutschen Herzstiftung. Häufig verordnen Ärzte chronisch Kranken gleich den Jahresbedarf an Medikamenten. Diese erhalten die Patienten dann nach und nach in der Apotheke. Die Konsequenz: Die Patienten kommen viel häufiger in die Offizin als in die Arztpraxis.

 

Zudem lassen sich Risikopatienten für Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der Apotheke viel einfacher identifizieren, meint Lahti-Koski. Auch Patienten, die selten oder nie zum Arzt gehen, seien auf diesem Wege erreichbar. Die Apotheken sind deshalb ein wichtiger Partner, zum Beispiel für Aktionstage oder die jährliche Herzwoche. Dann können sich Patienten in der Apotheke Cholesterol-Werte messen lassen. Anders als in den meisten deutschen Apotheken sind Blutuntersuchungen in finnischen Apotheken sonst nicht üblich.

 

Finnische Honig-Gruppe

 

Lobend äußert sich Lahti-Koski über das gemeinsame Herz-Kreislauf-Programm. Ein wichtiger Faktor sei die enge Zusammenarbeit auf lokaler Ebene zwischen Arzt und Apotheker. Damit werde sichergestellt, dass die Patienten übereinstimmende Informationen und Ratschläge erhalten.

 

Noch einen Schritt weiter als das Diabetes-, Asthma- oder Herz-Kreislauf-Programm geht ein Projekt in der Havu-Apotheke in Mäntyharju, einer Gemeinde in Südostfinnland. Damit hat es Apothekerin Stina Parkkamäki nicht nur ins finnische Pendant der PZ, die Zeitschrift »Apteekkari«, geschafft. Viel wichtiger: Das Projekt hat der Apothekeninhaberin großes Lob von ihren Kunden sowie von Vertretern einiger Verbände und Behörden gebracht.

 

Was verbirgt sich hinter der »Honig-Gruppe«? Im Prinzip ist es ein Programm der nationalen Gesundheitsbehörde, das die Apothekerin an die Bedürfnisse der Diabetiker in ihrer Apotheke angepasst hat. Insgesamt lief das Pilotprojekt über gut ein Jahr. In dieser Zeit führte jeder Teilnehmer sechs circa einstündige Vier-Augen-Gespräche mit der Diabetes-Expertin in der Apotheke. »Die Treffen sind notwendig, weil wir wollen, dass jeder Diabetiker über die eigene Krankheitssituation nachdenkt. Die Teilnehmer brauchen eine gewisse Zeit, um zu verinnerlichen, dass der Lebensstil einen entscheidenden Einfluss auf das Krankheitsgeschehen hat«, so Parkkamäki. Ziel sei es, permanente Änderungen des Lebensstils zu erreichen und deren (positive) Auswirkungen zu erleben.

 

Die Apothekerin hat weitere lokale Ansprechpartner, etwa das Gesundheitszentrum der Gemeinde, den Diabetesverband und die Presse, mit ins Boot geholt und so dafür gesorgt, dass auch eine interdisziplinäre Zusammenarbeit erfolgt. Experten aus verschiedenen Bereichen halten zum Beispiel Vorträge bei Abendveranstaltungen für Diabetiker.

 

Der Ansturm auf die 20 Teilnehmerplätze war riesig: Insgesamt wollten 160 der angeschriebenen Diabetiker mitmachen. Daher musste das Los entscheiden, wer die 20 Glücklichen waren. Dazu zählten die 54-jährige Pirkko Tähtinen und der 70-jährige Esko Hyyryläinen. Beide waren froh, dass sie zu den  »Auserwählten« gehörten und nun mehr über ihre Erkrankung lernen konnten. Um den Erfolg des Projekts überprüfen zu können, gab es eine Kontrollgruppe mit derselben Teilnehmerzahl, demselben Durchschnittsalter und Geschlechterverhältnis. Beide Gruppen konnten an freiwilligen Info-Abenden teilnehmen, an denen Themen wie Ernährung, Sport, Diabetes-Therapie sowie Fuß- und Mundpflege besprochen wurden. Wer in der Honig-Gruppe war, hatte zusätzlich die sechs individuellen Treffen in der Apotheke.

 

Sowohl Tähtinen als auch Hyyryläinen sind vom Wert der Einzelbetreuung überzeugt. Ausreichend Zeit zu haben, Fragen zu stellen und mit einem Experten die persönliche Situation zu diskutieren, geben sie als Vorteile an. Dafür sei bei den quartalsmäßigen Besuchen in der Diabetes-Sprechstunde im Gesundheitszentrum nicht immer Zeit. »Zum Beispiel sprechen wir dort nicht darüber, wie die Medikamente wirken, wie wir sie einnehmen sollten und welche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten möglich sind«, erklärt Tähtinen. Für sie ist es ein großer Gewinn, dass sie das Therapiekonzept nun versteht. Eine cholesterolsenkende Therapie sieht sie nun nicht mehr als ganz und gar schlechte Sache an. »Nun weiß ich, warum ich die Medikamente brauche, wie sie mir helfen und was mein Nutzen ist.«

 

Beide Gruppen überwachten während des Projekts Gewicht, Blutzucker, Blutdruck, Cholesterol- und Triglyzerid-Werte. Für die Mitglieder der Honig-Gruppe wurde zudem ein großes Informationspaket zusammengestellt und zusätzlich gab es Hausaufgaben. Zum Beispiel galt es, ein Ernährungs- und Sporttagebuch zu führen.

 

»Natürlich kann ich auch anderswo Informationen über Gewichtskontrolle bekommen, aber die Aufgaben halfen mir, sie auch umzusetzen«, sagt Tähtinen, die insgesamt sechs Kilo abnahm. Hyyryläinen übertrumpfte sie noch. Er nahm insgesamt neun Kilo ab. Dazu brauchten beide keine radikale Lebensumstellung. Schon kleine Dinge führten zum Erfolg: weniger Brot, weniger Salz, mehr Obst und Süßstoff statt Zucker. Die Gewichtsabnahme macht es leichter, sich körperlich zu betätigen. Und: »Auch die Laborwerte haben sich verbessert«, fügt Tähtinen hinzu. Sie hofft, dass zukünftig mehr Teilnehmer in den Genuss des Projekts kommen werden und dass das Apothekenteam die Energie aufbringen kann, das Projekt fortzusetzen.

 

Apothekerin Parkkamäki kann das positive Urteil ihrer Kunden nur bestätigen. »Wenn ich die Teilnehmer frage, wie sie sich zukünftig verhalten werden, sagen alle, dass sie bei der Umstellung der Lebensgewohnheiten bleiben wollen.«

 

Lob von allen Seiten

 

Vertreter von Verbänden und Behörden wissen den Einsatz der Apothekerin zu schätzen. »Der Erfolg eines derartigen Projekts hängt immer von zwei Faktoren ab: fachliche und soziale Kompetenz. In diesem Fall liegt beides vor«, sagt Pekka Puska vom nationalen Gesundheitsinstitut. Für ihn sind die Apotheker der richtige Ansprechpartner, wenn es darum geht, Patienten zur Therapietreue zu ermutigen und ihnen bei Fragen und Sorgen zur Seite zu stehen.

 

Dem stimmt Jorma Huttunen vom finnischen Diabetikerbund zu. Das Projekt mache einige wichtige Aspekte deutlich. Erstens wollen die Patienten mehr Informationen über ihre Krankheit und die möglichen Konsequenzen. Zweitens zeige dieses Projekt, welche Vorteile eine interdisziplinäre Zusammenarbeit bringt. Insgesamt werde sichergestellt, dass die Compliance des Patienten zunimmt. Das sei letztendlich auch der richtige Weg, um Kosteneffizienz zu schaffen. »Ein großartiges Projekt«, bringt es Huttunen auf den Punkt.

 

In ihrem neuen Regierungsprogramm betonen die Politiker des Landes die Wichtigkeit einer besseren Versorgung der älteren Bevölkerung. Und da im Land des Weihnachtsmannes Wunschzettel schnell abgearbeitet werden, haben die Apotheker das Thema umgehend aufgegriffen. Sie haben ein Aktionsprogramm zur besseren Arzneimittelversorgung von Senioren ins Leben gerufen. Ein Bestandteil ist die Verblisterung der Medikamente für ältere Patienten, die zum Beispiel in Pflegeheimen wohnen. Innerhalb kurzer Zeit ist die Anzahl der teilnehmenden Apotheken auf 260 angewachsen, circa 9000 Patienten werden momentan mit den Blistern versorgt.

 

Die von den Apotheken für die Bereitstellung erhobene Gebühr wird zum Teil von der Krankenversicherung übernommen, sodass die Patienten nur eine geringe Zuzahlung selbst tragen. Wichtig: Die Blister werden nicht industriell, sondern von einer Apotheke zusammengestellt. Bevor es losgeht, nimmt die Apotheke sämtliche verordneten Medikamente unter die Lupe und macht einen Interaktions-Check.

 

Ministerin setzt auf die Apotheken

 

In die Pilotphase des Projekts waren auch die Havu-Apotheke in Mäntyharju und ein Altenheim in der Umgebung eingebunden. Bereits seit mehr als drei Jahren liefert die Apotheke die Zwei-Wochen-Blister ins Heim und steht als Ansprechpartner zur Verfügung. Gemeindeschwester Riitta Markkanen sagt, dass die Patientensicherheit dadurch verbessert wurde und das Pflegepersonal im Heim nun mehr Zeit für den eigentlichen Job habe.

 

Auch Gesundheitsministerin Paula Risikko äußerte sich positiv zum Engagement der Apotheker. »In der Zukunft werden die Herausforderungen weiter steigen, weil es mehr alte Menschen geben wird, die unterschiedliche Medikamente einnehmen«, so Risikko. Sie ist der Meinung, dass die Medikation älterer chronisch kranker Patienten regelmäßig überprüft werden sollte.

 

Apotheker spielen dabei eine Schlüsselrolle. Wenn es darum geht, Abläufe zu verbessern, ist es wichtig, ihr Fachwissen heranzuziehen. »Immer und immer wieder haben wir Apotheker die Rolle als Präventions- und Gesundheitsmanager beansprucht und den Politikern gesagt, dass wir Verantwortung übernehmen wollen«, erinnert sich Apothekerin Teräsalmi.

 

Ihre Kollegin Sirpa Peura von der finnischen Apothekervereinigung fügt hinzu: »Wir sind endgültig dort angekommen, wo wir hinwollten.« Mitte September erhielt Peura eine Einladung zu einer Veranstaltung der Gesundheitsministerin. Als sie das Konzeptpapier aufschlug, konnte sie schwarz auf weiß lesen, dass die Ministerin die Apotheken explizit in das Präventionsprogramm der Regierung aufgenommen hatte. »Ein Riesenerfolg!«


»Finnische PZ« besucht deutsche Apotheke

In der Oktoberausgabe der Zeitschrift »Apteekkari«, dem Pendant zur PZ, berichtet die finnische Redakteurin Leena Castrén über ihren Besuch in einer Berliner Innenstadtapotheke. Darin stellt sie den finnischen Kollegen das deutsche Apothekensystem vor. Unter anderem geht sie auch auf Serviceleistungen ein, die in finnischen Apotheken weniger üblich sind wie das Verleihen von Babywaagen und Milchpumpen sowie Blutwert-Bestimmungen. Eindruck hinterließen bei der Verfasserin aber auch die vielen asiatischen Touristen in dieser Apotheke, die sich mit Naturkosmetik und Blutdruckmessgeräten eingedeckt haben.


Der Autor

Sven Siebenand studierte Pharmazie an der Martin-Luther-Universität in Halle. Die Approbation als Apotheker erfolgte 2001 im Anschluss an das praktische Jahr in einer öffentlichen Apotheke und in der pharmazeutischen Industrie bei der Merck KGaA in Darmstadt. Nach einem Volontariat bei der Pharmazeutischen Zeitung arbeitet er seit 2006 als Redakteur bei der PZ.

 

 

E-Mail: siebenand(at)govi.de


Außerdem in dieser Ausgabe...

Beitrag erschienen in Ausgabe 51/52/2008

 

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