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Autismus: Leben in einer eigenen Welt

MEDIZIN

 
Autismus

Leben in einer eigenen Welt

Von Nicole Schuster

 

Sie wirken unzugänglich, in sich zurückgezogen und unnahbar. Menschen mit Autismus sind vielen ein Rätsel. Sie können keinen Small Talk halten, besitzen aber oft sonderbare Begabungen. Die Ursachen der Störung sind unklar, eine Heilung ist nicht in Sicht.

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Autismus ist aktuellen Studien zufolge verbreiteter als bisher angenommen. Schätzungen aus Großbritannien gehen beispielsweise von etwa einem Prozent der Bevölkerung aus, das eine autistische Störung aufweist (»Lancet« 2006; 368: 210-5). Der Bundesverband Autismus Deutschland gibt die Prävalenz mit 6 bis 7 pro 1000 Einwohner an (www.autismus.de/pages/was-ist-autismus.php). Demzufolge leben in Deutschland etwa eine halbe Million Autisten.

 

Autismus ist eine tief greifende Entwicklungsstörung. Nach heutiger Auffassung umfasst das Krankheitsbild ein ganzes Spektrum von Störungen. Je nach Ausprägung und Schwere der Behinderung unterscheiden Mediziner zwischen dem Asperger-Autismus mit nur geringen Beeinträchtigungen, dem oft mit einer geistigen Behinderung einhergehenden frühkindlichen Autismus (Kanner-Syndrom) sowie verschiedenen nicht genau definierten Störungen. Auf dem Spektrum bewegen sich damit sowohl hochintelligente Asperger-Autisten, die inmitten ihrer normalen Mitmenschen kaum auffallen, als auch schwer behinderte Kanner-Autisten, die oft nicht sprechen können und ihr ganzes Leben lang auf Hilfe selbst bei einfachen Tätigkeiten wie Zähneputzen angewiesen sind.

 

Wie macht sich Autismus bemerkbar?

 

Gemeinsam sind allen Autisten Auffälligkeiten in drei Kernbereichen: der sozialen Interaktion, der Kommunikation und des Verhaltens. So können sich Betroffene nur sehr schlecht in andere hineinversetzen und kaum an Gesichtern Gefühle erkennen. Dies wird deutlich in Tests, bei denen Probanden Bilder von Menschen gezeigt bekommen, auf deren Gesicht ein bestimmtes Gefühl ausgedrückt ist. Viele Autisten haben große Schwierigkeiten, selbst elementare Gefühle wie Freude, Überraschung, Angst, Ekel, Trauer und Ärger voneinander zu unterscheiden. Im Alltag sind sie nur wenig auf soziale Zusammenhänge fokussiert und interessieren sich mehr für technische Details oder reines Faktenwissen. Viele Autisten müssen erst in Therapien lernen, die Welt durch die »soziale Brille« zu sehen.

 

Eine erschwerte oder ganz ausbleibende Sprachentwicklung ist häufig Teil der Krankheit. Viele Kanner-Autisten lernen nie, flüssig zu sprechen. Anders verhält es sich bei Asperger-Autisten: Bei ihnen ist eine Sprachverzögerung eher selten. Viele von ihnen sprechen schon als sehr junge Kinder erstaunlich gut und grammatikalisch ausgereift.

 

Menschen mit Autismus haben oft einen unglaublich scharfen Blick für Details. Sie sind aber selten fähig, die vielen Details zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzusetzen. Als Beispiel für diese Art der Wahrnehmung mag eine geschriebene »7« dienen, die aus lauter Fünfen zusammengesetzt ist. Der Autist würde hier nur eine Ansammlung von Fünfen sehen, der gesunde Mensch hingegen primär das Gesamtbild, also die »7« erkennen.

 

Der Alltag ist eine Herausforderung

 

Mit vielen Reizen aus ihrer Umwelt sind autistische Menschen häufig überfordert. Menschenmassen, laute Geräusche und grelle Lichter können zu viel werden und die sensible Wahrnehmung überlasten. Auch Veränderungen können ein großes Problem sein. Gerade kleinere Kinder können Wutanfälle bekommen, wenn einmal nicht der gewohnte Löffel an der richtigen Stelle neben dem Joghurt liegt oder im Wohnzimmer ein Schrank verschoben ist. Das Bedürfnis nach Gleichförmigkeit bestimmt häufig den ganzen Alltag. Das kann darin münden, dass der Tagesablauf bis auf die Minute genau vorausgeplant wird und kein spontanes Handeln mehr möglich ist. Im Interessenbereich schlägt sich das darin nieder, dass viele Autisten ein sehr eng umgrenztes Gebiet haben, auf dem sie zu richtigen Experten werden können. Nicht immer sind diese Spezialinteressen sinnvoll oder nützlich. So gibt es Autisten, die Fahrpläne auswendig lernen oder Straßenkarten detailgetreu wiedergeben können. Andere Menschen mit Autismus, die sich beispielsweise für Programmiersprachen begeistern, haben schon eher Chancen, sich damit auf dem Arbeitsmarkt zu integrieren.

 

Spurensuche im Gehirn

 

Wodurch Autismus genau verursacht wird, ist bis heute nicht völlig geklärt. Sicher ist, dass weder »Kühlschrankmütter« noch die Erziehung schuld sind, wie einige Wissenschaftler in den 60er-Jahren vermutet hatten. Hinweise auf eine genetische Ursache lieferten Zwillingsstudien, die zeigen, dass bei eineiigen Zwillingen mit großer Sicherheit beide Kinder autistisch sind. Geschwister von erkrankten Kindern haben ebenfalls ein erhöhtes Risiko, an Autismus zu erkranken. Mittlerweile haben Forscher verschiedene Genveränderungen entdeckt, die mit der Erkrankung assoziiert sind.

 

Die Genveränderungen führen vermutlich zu einer gestörten Gehirnentwicklung. Die Ergebnisse aus solchen Untersuchungen sind allerdings uneinheitlich und ihre Bedeutung nicht immer klar. Andere Studien weisen darauf hin, dass die Kommunikation von Hirnarealen bei autistischen Menschen gestört ist. Autistische Symptome könnten demnach dadurch zustande kommen, dass Hirnareale nicht gut miteinander kooperieren.

 

Funktion der Spiegelneurone

 

Eine recht neue Richtung zeigen die Spiegelneurone auf. Diese Nervenzellen im Gehirn zeichnen sich dadurch aus, dass sie sowohl aktiv sind, wenn eine Person eine Handlung vornimmt, als auch wenn sie die Handlung nur beobachtet. Die Spiegelneurone spielen dem aktuellen Kenntnisstand zufolge eine Rolle, wenn ein Mensch eine Bewegung nachmacht, imitiert, zudem befähigen sie ihn, die Intentionen anderer zu erahnen. Auch bei der Empathie sollen Spiegelneurone eine Rolle spielen. So feuern die Spezialzellen nicht nur, wenn man selbst Schmerzen empfindet, sondern auch dann, wenn ein anderer das Gesicht vor Schmerzen verzieht. Menschen mit autistischer Behinderung zeigen hier ein abweichendes Verhalten: Sie können weder die Intentionen anderer erkennen, noch deren Gefühle nachempfinden. Wissenschaftler schließen daraus, dass die Spiegelsysteme von Autisten nur vermindert aktiv sind. Untersuchungen im Magnetresonanztomografen bestätigen diese Vermutung.

 

Hilfe zur Integration

 

Eine ursächliche Heilung des Autismus ist nicht möglich. Es gibt jedoch eine Vielzahl von therapeutischen Interventionsmöglichkeiten. Den Durchbruch in der Behandlung hat aber bisher keine von ihnen gebracht. Verbreitet sind verhaltenstherapeutische oder körperbezogene Konzepte, wie die TEACCH-Methode (=Treatment and Education of Autistic and related Communication handicapped Children, deutsch: Behandlung und Förderung autistischer und in ähnlicher Weise kommunikationsbeeinträchtigter Kinder). Das Programm umfasst eine individuelle Diagnostik und Förderung, Kooperation mit Eltern und Familien, die Optimierung der Fähigkeit, in seiner Lebenswelt zurechtzukommen sowie die Förderung sämtlicher Aspekte der Persönlichkeit. Ein weiterer Ansatz ist die ABA-Therapie (Applied Behavior Analysis, deutsch: angewandte Verhaltensanalyse), die hauptsächlich auf Methoden des operanten Konditionierens basiert. Lernversuche und -erfolge sowie erwünschtes Verhalten werden möglichst direkt verstärkt. Um speziell die sprachliche und kommunikative Entwicklung zu fördern, stehen verschiedene Methoden wie das Bilder-Austausch-System PECS (Picture Exchange System) zur Verfügung.

 

Ziel der meisten Therapien ist es, den Erkrankten ein möglichst selbstständiges Leben zu ermöglichen und ihnen zu helfen, sich zu integrieren. Eine erfolgreiche Behandlung sollte sich dabei immer an den individuellen Bedürfnissen und Voraussetzungen des Patienten orientieren.

 

Auch pharmakologisch lassen sich bestimmte Symptome verbessern. Zu den am häufigsten eingesetzten Mitteln gehören Substanzen aus der Gruppe der Neuroleptika, Antidepressiva und Psychostimulanzien. Unter den Neuroleptika zeigt besonders Risperidon oft positive Auswirkungen auf Reizbarkeit, aggressives und stereotypes Verhalten. Antidepressiva aus der Gruppe der Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) haben sich in Studien als wirksam gegenüber Stereotypien, Ritualen und Ängsten erwiesen. Auch bei Zwangsstörungen können sie eine Option sein. Zu bedenken ist, dass als Nebenwirkungen Antriebssteigerungen mit Schlafstörungen und motorischer Unruhe auftreten können. Außerdem können sie die Suizidgefahr erhöhen. Die psychostimulierend wirkenden Substanzen Methylphenidat oder Amphetamine helfen, wenn Betroffene nicht nur an Autismus, sondern auch an einem Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) leiden. Besonders der für ADHS zugelassene Arzneistoff Atomoxetin zeigt hier gute Ergebnisse.

 

Neue Therapiemöglichkeiten könnte das Hormon Oxytocin eröffnen. Es hat sich gezeigt, dass dieses Hormon zwischenmenschliches Vertrauen schafft und in Untersuchungen Autisten bindungsstärker gemacht hat (lesen Sie dazu Oxytocin: Das Hormon Ihres Vertrauens, PZ 34/08). Von einer klinischen Anwendung sind die Wissenschaftler bei dieser Substanz aber noch entfernt.

 

Quellen:

Website des Bundesverbands der Förderung von Menschen mit Autismus: Autismus Deutschland e. V. (www.autismus.de)
Baird, G., E. Simonoff, et al. (2006). »Prevalence of disorders of the autism spectrum in a population cohort of children in South Thames: the Special Needs and Autism Project (SNAP).« Lancet 368 (9531): 210-15.

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Beitrag erschienen in Ausgabe 46/2008

 

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