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Antibiotika-Resistenzen: Individuelle Impfstoffe als Alternative

PHARMAZIE

 
Antibiotika-Resistenzen

Individuelle Impfstoffe als Alternative

Von Christiane Berg, Hamburg

 

Zunehmende Antibiotika-Resistenzen könnten individuelle Impfstoffe wieder stärker in den Fokus rücken. Bei diesen für jeden Patienten maßgeschneiderten Impfstoffen wird der spezifische Erreger isoliert, in Reinkultur vermehrt, inaktiviert und anschließend dem Patienten sub- oder intrakutan verabreicht.

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»Das therapeutische Prinzip besteht darin, den Erreger, der bei einem Patienten eine Infektion auslöst, zu isolieren und als Grundlage für einen maßgeschneiderten Impfstoff zu verwenden«, erklärte Privatdozent Dr. Oliver Nolte auf einer Veranstaltung von Pohl-Boskamp. Am Beispiel von UniVaccin® schilderte der Mikrobiologe neueste Erkenntnisse zu Indikationen und zur Wirkweise dieses Therapieprinzips, das bereits Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt wurde, jedoch im westlichen Europa durch den Einsatz von Antibiotika weitgehend in Vergessenheit geriet.

 

Autovakzine sind keine Impfstoffe im Sinne der tatsächlichen Definition. »Anders als herkömmliche Impfstoffe dienen diese nicht der langfristigen Immunisierung gegenüber Erregern, mit denen die geimpften Personen unter Umständen gar nicht in Kontakt kommen«, machte Nolte deutlich. Als »Eigenimpfstoffe« werden sie aus spezifischen krankheitsauslösenden Erregern des Patienten hergestellt. Durch subkutane Applikation der Autovakzine wird das Abwehrsystem des Patienten in der Auseinandersetzung mit diesem spezifischen Infektionserreger gestärkt. »Autogene Vakzine sind patienten-, erreger- und krankheitsspezifisch. Sie dienen nicht der Prävention, sondern der Therapie bereits bestehender Krankheiten«, so Nolte.

 

Nahezu klassisch sei der Einsatz von Autovakzinen bei Patienten, die immer wieder unter eitrigen Entzündungen wie Abszessen, Furunkulose oder Karbunkulose, verursacht durch Staphylococcus aureus, leiden. Weitere diagnosebedingte Indikationen seien bakterielle Infektionen im Urogenitalbereich, also unkomplizierte, rezidivierende Harnwegsinfekte, Vaginosen und chronische bakterielle Prostatitis, sowie bakterielle Infektionen der Haut und Grenzflächen wie Akne, Acne inversa, Folliculitis, Neurodermitis.

 

Anwendungsgebiete seien zudem bakterielle Infektionen im Nasen-Rachen-Raum wie Tonsillitis, Otitis media, chronische Sinusitis und Parodontitis sowie Infektionen der Atemwege wie Bronchitis und Mukoviszidose. Die Wirksamkeit der Autovakzine bei Osteomyelitis durch Staphylococcus aureus sei laut Studien am höchsten innerhalb des ersten Jahres nach Krankheitsentstehung. Mit zunehmender Krankheitsdauer nehme danach die Wahrscheinlichkeit eines Behandlungserfolges ab. 

 

Nolte informierte, dass die Herstellung der Autovakzine mit Identifizierung der Mikroorganismen in Eiter, Vaginalabstrich, Stuhl, Urin oder Sputum sowie Primäranzucht der Kultur und Inaktivierung der Erreger durch Hitze im medizinisch-mikrobiologischen Speziallabor circa drei Wochen benötigt. Parallel zum Versand des Probenmaterials an das zuständige Labor schickt der Arzt das Rezept für Abrechnungsvermerke an die Apotheke des Patienten. Diese wiederum sendet das Bestellformular an den Hersteller. Der in zwei Stärken, also Verdünnungen der Stammsuspension hergestellte Impfstoff geht nach Abschluss aller Qualitätskontrollen an die Apotheke, die die Ampullen an die Arztpraxis sendet.

 

Die therapeutische Impfung umfasst acht Applikationen. Impfungen gegen grampositive Erreger werden intrakutan appliziert, Impfungen gegen gramnegative subkutan. Bei steigender Konzentration werden die ersten Impfungen im Abstand von einer Woche verabreicht. Danach erfolgen zwei weitere Impfungen im Abstand von einem Monat. Nach jeweils einem weiteren halben Jahr werden zwei Auffrischimpfungen empfohlen. Nach Injektion kann es an der Einstichstelle kurzzeitig zu Brennen oder Jucken kommen. Leichte Temperaturerhöhungen über ein bis zwei Tage werden ebenso wie lokale Rötungen und leichte Schwellungen mit Druckschmerz an der Injektionsstelle als normale Reaktionen betrachtet. Gleichermaßen wurde über milde Formen von Diarrhö sowie verstärktes Schwitzen nach Applikation der Autovakzine berichtet.

 

Wissenschaftliche Studien zu Wirkmechanismen und Heilungsraten stünden noch aus. Eine klinische Studie sei in Vorbereitung. Angenommen werde, dass die in dem Eigenimpfstoff enthaltenen Ganzzellantigene über die Präsentation dendritischer Zellen spezifische humorale und zelluläre Immunreaktionen induzieren.


Naht das Ende der antibiotischen Ära?

Antibiotika stoßen zunehmend an ihre Grenzen. Waren 1984 nur 3 Prozent der Staphylococcus-aureus-Stämme gegen Penicillin resistent, sind es heute bis zu 80 Prozent, sagte Professor Dr. Pramod M. Shah, Frankfurt am Main. Im Falle von Escherichia coli als ein Erreger von Harnwegsinfektionen sei innerhalb von 20 Jahren bei Gyrasehemmern eine Resistenzzunahme auf 30 Prozent zu registrieren. Glykopetide wie Teicoplanin oder Vancomycin, gegen die Staphylococcus-aureus-Stämme bis 1995 keine Resistenzen zeigten, hätten inzwischen ihre volle Wirksamkeit nicht nur gegen diesen Erreger, sondern auch gegen Enterokokken verloren. Immer häufiger, so Shah, werden Erreger mit Mehrfachresistenzen nachgewiesen. Der Anteil von Methicillin-resistenten S. aureus (MRSA-) Infektionen in Krankenhäusern stieg von 1998 bis 2004 von circa 15 auf über 20 Prozent. 72 Prozent aller MRSA aus Mitteleuropa sind nach Angaben des Robert-Koch-Instituts resistent gegen Erythromycin, 93,89 Prozent gegen Chinolone und 66 Prozent gegen Clindamycin. Besorgniserregend sei zudem das Vorkommen hoch resistenter Erreger in der ambulanten Anwendung.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 45/2008

 

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