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Kulturgeschichte: Wenn jemand eine Reise tut

MAGAZIN

 
Kulturgeschichte

Wenn jemand eine Reise tut*


Von Ulrike Abel-Wanek / Schon lange ist der Mensch in Bewegung und geht auf Reisen. Die Tourismusexpertin Professor Dr. Anja Brittner-Widmann von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Ravensburg, sprach mit der PZ über sich wandelnde Reisemotive und warum heute kein Urlaubsort mehr am Thema Gesundheit vorbeikommt.


PZ: Warum reisen wir Menschen eigentlich?

 

Brittner-Widmann: Es gibt nicht nur ein einziges Reisemotiv, sondern meistens ein ganzes Bündel. Unterscheiden kann man zwischen intrinsischen und extrinsischen Reisemotiven. Also, mache ich einen Bildungsurlaub und schaue mir zum Beispiel aus eigenem Interesse Kunst und Kultur der Renaissance an? Oder muss ich meinen Standort wegen Hungersnöten oder aus militärischen Gründen wechseln? Die ersten Reisenden waren Soldaten, um neue Länder zu erobern, aber auch Pilger und Kaufleute auf dem Weg zu religiösen Wallfahrtsorten und Handelsstätten.

 

PZ: Seit wann spricht man von Tourismus?

 




»Gesundheitsurlaub« kann auch heißen, einfach nur faul am Strand zu liegen.

Foto: Fotolia/Jenny Sturm


Brittner-Widmann: Die beiden Begriffe Reisen und Tourismus werden oft in einen Topf geworfen, man muss sie aber voneinander trennen. Unter Tourismus versteht man das zeitweilige Verlassen seiner gewohnten Umgebung, bei dem die Rückkehr zum Ausgangspunkt von vorn- herein feststeht. Reisen jedoch kann man unablässig: Entweder kehrt man wieder zum Ausgangs- punkt zurück, oder man bleibt – etwa beim Auswandern oder auf der Flucht.

 

Tourismus impliziert: Ich suche Spaß und Abwechslung oder bin einfach neugierig auf Neues. Dem Reisen wiederum liegen eher existenzielle Motive zugrunde, also ich will oder muss Geschäfte abschließen, Nahrung suchen und so weiter. Der moderne Tourismus geht auf die »Grand Tour« zurück, einer traditionellen und oft mehrere Monate andauernden Bildungsreise durch Europa, zu der sich im 18. Jahrhundert viele Wohlhabende und Adelige aufmachten. Goethes Italienreise war auch eine »Grand Tour«.

 

PZ: Wann reiste man zum ersten Mal zum Zweck der Erholung?

 

Brittner-Widmann: Bis zur Industrialisierung war das Reisen ein Privileg für den Adel und das Bildungsbürgertum. Dass das Thema Urlaub zu Erholungszwecken in den Vordergrund rückte, war in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Da begab sich eine neue Mittelklasse in die sprichwörtliche Sommerfrische. Also raus aus der Luftverschmutzung der industriell geprägten Städte, die sich negativ auf die Gesundheit auswirkte. Mit zunehmender Technisierung, der Entdeckung von Bahn und Dampfschiffen beispielsweise, konnte man sich dann auch weiter entfernte Gebiete erschließen. Man fuhr raus aus den stickigen Orten an die Nord- und Ostsee, in die Mittelgebirge und Alpenregion nach der Faustregel: 100 Meter höher ist gleich ein Grad weniger Temperatur und damit erholsamer. Die Heidi-Romane von Johanna Spyri sind 1880/81 entstanden und beschreiben diese Verhältnisse ganz gut.

 

PZ: Und was war mit Otto Normalverbraucher und den Arbeitern mit kleinem Einkommen? Die brauchten doch eigentlich die Erholung.




»Die Grenzen des Gesundheitstourismus sind schwammig.«Professor Dr. Anja Brittner-Widmann

Foto: Kai Loges + Andreas Langen


Brittner-Widmann: Mit Einführung der Sozialversicherungen durch Otto von Bismarck wurde um 1900 der Grundstein dafür gelegt, dass auch die arbeitende Bevölkerung in Urlaub fahren konnte, um sich zu erholen – zum Beispiel in ersten Kurorten und Heilbädern, die man damals schon infrastrukturell begann auszubauen. Weniger Sommmerfrische-Orte an Ost- und Nordsee, sondern eher Orte, die über andere Heilmittel als das Seeklima verfügten, zum Beispiel das Moor. Schon 1892 hat der Allgemeine Deutsche Bäderverband Begriffsbestimmungen für Heilquellen, den therapeutischen Wert des Klimas, Diätversorgung, Ruhe im Kurort, Ferienregelungen, Gymnastik und Sport thematisiert. Vor und während des Zweiten Weltkriegs haben die Nationalsozialisten dann die organisierten Verschickungen der Bevölkerung in Erholungsheime sehr forciert.

 

Erst danach, in den Wiederaufbaujahren, als die Luftkorridore über Deutschland aufgehoben wurden und die Lufthansa wieder fliegen durfte, begann zum ersten Mal das Thema Freizeit eine zentrale Rolle im Urlaub zu spielen. Alle Menschen hatten nun Zugang zum Reisen, und Ende der 1950er-/Anfang der 1960er-Jahre ging es los mit den ersten Pauschalreisen.

 

PZ: Damals ging auch eine Art Kurtourismus los, noch großzügig unterstützt von den Sozialversicherungsträgern.

 

Brittner-Widmann: Von Kurtourismus sprach man ungern, weil das implizierte, dass man vorrangig zum Vergnügen in die Heilbäder und Kurorte fuhr. Kur und Tourismus – das war ein Oxymoron, die Begriffe schlossen sich gegenseitig aus. Man nannte das Kurverkehr zu rein medizinisch-therapeutischen Zwecken. Die Kur diente der Erholung von einer Krankheit, für die eine ärztliche Indikation vorliegen musste. Finanziert wurde sie von den Krankenkassen, Beihilfen und Rentenversicherungsträgern, also Playern des 1. Gesundheitsmarktes – unter der Voraussetzung, dass sie in Kurkliniken und Sanatorien in den dafür prädikatisierten Heilbädern und Kurorten stattfand.

 

PZ: Dann kam die Krise der Sozialversicherungssysteme in den 1990er-Jahren, und damit auch eine Krise der Kurorte. Mit welchen Folgen?

 

Brittner-Widmann: Durch die Gesundheitsreform und den Rückgang der Finanzierung von Kuren wurden viele Kliniken in Kurorten geschlossen, aber die Infrastruktur musste aufrecht- erhalten bleiben. Wir haben circa 360 hoch prädikatisierte Heilbäder und Kurorte in Deutschland. Diese 360 Orte vereinen mehr als ein Drittel aller Übernachtungen im Deutschlandtourismus auf sich – inklusive der Übernachtungen in Reha-Kliniken und Sanatorien, die touristisch mitgezählt werden.

 

Was machte man also? Man hatte die Gesundheitsstruktur vor Ort – und investierte in neue Hotels in der Hoffnung auf den privat zahlen- den Gesundheits-Gast. Das führte dazu, dass wir heute einen fast un- überschaubaren 2. Gesundheitsmarkt mit privat zu bezahlenden Angeboten haben.

 

PZ: Und wie sieht es mit der Qualität dieser Angebote aus?

 

Brittner-Widmann: Es ist ein freier Markt entstanden, und viele Touristen wissen nicht mehr, was sie buchen sollen, weil die Angebotsfülle so groß und unübersichtlich geworden ist. Beispielsweise der Bereich Wellness, der schwerpunktmäßig um die Jahrtausendwende entstand. Heilbäder und Kurorte sind staatlich zertifiziert und kontrolliert, der Titel Wellness-Hotel ist aber nicht geschützt. Wellness-Produkte kann jeder anbieten, und ein Gütesiegel könnten auch Sie ins Leben rufen. Über 50 Wellness-Siegel gibt es, darunter qualitativ hochwertige, aber auch Trittbrettfahrer, bei denen es schon ausreicht, wenn ein Solarium vorhanden ist und ein Schwimmbad eine bestimmte Quadratmeterzahl aufweist. Die guten Anbieter konnten sich mittlerweile etwas absetzen, sie tragen zum Beispiel das Siegel des Deutschen Wellnessverbands oder sind »Wellness-Stars« zertifiziert und kontrolliert.

 

Grundsätzlich kann man aber sagen: Die Grenzen des Gesundheitstourismus sind schwammig: So zählen medizinisch notwendige Aufenthalte in Heilbädern und Kurorten aus dem 1. Gesundheitsmarkt genauso dazu wie präventiv durchgeführte, selbst finanzierte Wellness-Urlaube.

 

PZ: Der Gesundheitstourismus gilt als sogenannter Megatrend und Konjunkturmotor. Wie sehen Sie das?

 

Bittner-Widmann: Es gibt eine interessante Untersuchung von der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen. Sie führt jedes Jahr die Reiseanalyse durch und fragt die Deutschen nach den Motiven für ihren Urlaub. Sie haben herausgefunden, dass nur für 2 Prozent der Befragten Gesundheit als primäres Urlaubsmotiv – bezogen auf die Haupturlaubsreise – eine Rolle spielt. Bei Kurz- und Wochenendreisen spielt es eine etwas größere Rolle. Das zeigt: Das Thema Gesundheit ist für die Deutschen bei den Krankenkassen verankert. Wenn man krank ist, nimmt man deren Leistungen in Anspruch. Die Menschen sortieren das Thema Gesundheit in den medizinischen Bereich aus und wollen sich im Urlaub möglichst wenig mit ihrer Krankheit ausei-nandersetzen. Das bedeutet aber nicht, dass das zunehmende Gesundheitsbewusstsein im Urlaub nicht ständig präsent ist. Gesundheitsurlaube sind nie zweckfrei. Die Touristen erwarten von Gesundheitsurlauben, dass sie lange über die Reise hinaus andauern. Bei »normalen« Erholungsurlauben steht das aktuelle Wohlfühlen während der Reise im Vordergrund.

 

Es gibt aber auch schon Touris- musorte, die sich auf Zielgruppen spezialisieren, die im Urlaub ausdrücklich nicht auf die Gesundheit achten wollen und – mit einem Augenzwinkern – für ihre kalorienreichen Speckplatten auf der Speisekarte werben. /

 

*) »Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was verzählen.« (Matthias Claudius, Gedichte, Urians Reise um die Welt)


H. Jürgen Kagelmann, Walter Kiefl:

Gesundheitsreisen und Gesundheitstourismus – Grundlagen und Lexikon

320 Seiten, Profil-Verlag 2016, ISBN: 978-3-89019-704-3, EUR 39,50.

 

Rainer Wieland (Hrsg.):
Das Buch des Reisens.
Von dem Seefahrern der Antike zu den Abenteuern unserer Zeit

496 Seiten, ISBN-13 9783549074565, EUR 48.

 

Attilio Brilli:
Als Reisen eine Kunst war. Vom Beginn des modernen Tourismus: Die Grand Tour

224 Seiten, Wagenbach 2012, ISBN 978-3-8031-2274-2, EUR 12,90.



Beitrag erschienen in Ausgabe 32/2017

 

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