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Tabakheizsysteme: Erhitzen statt verbrennen

MEDIZIN

 
Tabakheizsysteme

Erhitzen statt verbrennen


Von Christina Hohmann-Jeddi / Da Zigaretten immer unbeliebter werden, setzt die Tabakindustrie verstärkt auf alternative Produkte. Eines kam vor Kurzem in Deutschland auf den Markt: ein Tabakheizsystem, das den Tabak erhitzt, aber nicht verbrennt. Der entstehende Dampf soll weniger schädliche Substanzen enthalten als Zigarettenrauch. Wie sieht es mit der Evidenz aus?

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Weltweit sterben jedes Jahr etwa sechs Millionen Menschen an den Folgen des Tabakkonsums. In Deutschland sind es etwa 120 000. Da die Gefahren bekannt sind, verzichten immer mehr Menschen auf das Rauchen. Seit 1990 sank der Anteil der Raucher bei Männern um etwa 28 Prozent und bei Frauen um 34 Prozent, hieß es vor Kurzem im Fachjournal »The Lancet« (DOI: 10.1016/S0140-6736(17)30819-X). Auch der Absatz an Zigaretten geht entsprechend zurück. Die Tabakindustrie trägt der Entwicklung Rechnung, indem sie an alternativen Produkten arbeitet.




Das Tabakheizsystem IQOS ist ein Hybrid zwischen E-Zigarette und Zigarette. Es besteht aus einem batteriebetriebenem Gerät, das einen Tabakstrang erhitzt.

Foto: Philip Morris International


Die E-Zigarette ist ein Beispiel hierfür. Diese Geräte enthalten einen elektrischen Vernebler, der die in einer Kartusche enthaltene Flüssigkeit, das sogenannte Liquid, verdampft. Der Dampf wird dann eingeatmet. Liquids gibt es in nikotinhaltigen und -freien Varianten. E-Zigaretten sind weniger gesundheitsschädlich als herkömmliche Zigaretten, aber auch nicht völlig unbedenklich. So ist zum Beispiel unklar, wie sich die enthaltenen Aromastoffe langfristig auf die Gesundheit auswirken. Außerdem konnten E-Zigaretten viele Raucher nicht überzeugen, da der Nikotinkick ausbleibt und der Tabakgeschmack fehlt.

 

Neu auf dem Markt

 

Eine Möglichkeit, diese Nachteile zu umgehen, sehen Hersteller in sogenannten Tabakheizsystemen. Dabei handelt es sich um batteriebetriebene Geräte, in denen kurze Stränge aus komprimiertem Feinschnitttabak, sogenannte Heatsticks, auf etwa 300 °C erhitzt werden, um inhalierbare Dämpfe zu erzeugen. Diese enthalten Nikotin und schmecken nach Tabak. Eine Verbrennung findet aber nicht statt und somit auch keine Rauchentwicklung. Philip Morris International hat jetzt als erste Firma bundesweit ein solches System namens IQOS auf den Markt gebracht. Die Produkte der Konkurrenz heißen etwa Glo und Glo iFuse (British American Tobacco) oder Ploom Tech (Japan Tobacco). Sie sind derzeit noch nicht erhältlich.

 

Verbrennungsprodukte

 

Rauch, der beim Verbrennen von Tabak bei Temperaturen von 600 bis 800 °C entsteht, ist eine komplexe Mischung aus festen Partikeln und Flüssigkeitstropfen. Er enthält etwa 6000 verschiedene Substanzen, von denen eine Reihe als gesundheitsschädlich gilt. Rauchen erhöht anerkanntermaßen das Risiko für Krebs, Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen. Die kanzerogenen Effekte des Rauchens werden nach derzeitigem Kenntnisstand in erster Linie auf die toxischen Verbrennungsprodukte und nicht auf das Nikotin zurückgeführt.

 

Beim Erhitzen von Tabak in einem Tabakheizsystem entsteht ein Aerosol, das zwar nikotinhaltig ist, aber weniger dieser schädlichen Substanzen enthalten soll. Hierzu gibt es umfassende Untersuchungen des IQOS-Herstellers. So fand ein Team um Jean-Pierre Schaller von Philip Morris bei einem Vergleich im IQOS-Aerosol 90 Prozent weniger schädigende Substanzen als im Rauch einer Zigarette (»Regulatory Toxicology and Pharmacology« 2016, DOI: 10.1016/j.yrtph.2016.10.001). Bei anschließenden Tests in Zelluntersuchungen und Tiermodellen lagen auch Zelltoxizität und Mutagenität des Aerosols um 90 Prozent unter denen des Tabakrauchs; die Mutagenität war um 95 Prozent reduziert.




Plakate mit dem neuen Tabakprodukt sind derzeit in ganz Deutschland zu finden.

Foto: PZ/Mende


Auch klinische Untersuchungen mit dem Tabakheizsystem wurden publiziert. So zeigten vier randomisierte Cross-over-Studien mit jeweils 62 Teilnehmern, dass das Nikotinaufnahmeprofil nach einmaliger Verwendung von IQOS dem einer herkömmlichen Zigarette entspricht. In vier weiteren klinischen Studien wurden je 160 erwachsene Raucher auf drei Arme randomisiert: Eine Gruppe rauchte ihre favorisierte Zigarettenmarke weiter, eine Gruppe stieg auf das Tabakheizsystem um und eine Gruppe hörte mit dem Rauchen auf. Bei den Probanden wurden 15 Biomarker gemessen, die eine Exposition gegenüber Schadstoffen anzeigen, in der Regel deren Abbauprodukte.

 

Gleicher Nikotingehalt

 

Die Exposition erfolgte für fünf Tage stationär unter Beobachtung, um die Compliance sicherzustellen. Bei zwei der Untersuchungen schloss sich an diese Phase eine Expositionsdauer von drei Monaten ohne Beobachtung an. Alle vier Studien zeigten, dass die Werte der Biomarker in der IQOS-Gruppe im Vergleich zu der Zigarettengruppe deutlich zurückgingen – um 47 bis 96 Prozent. Sie kamen den Werten nahe, die in der Abstinenzgruppe erreicht wurden. Auch nach der drei­monatigen Expositionsphase war die Reduktion noch zu erkennen, wenn auch geringfügig schwächer (Rückgang um 34 bis 94 Prozent).

 

Das Genexpressionsprofil der auf IQOS umgestiegenen Raucher glich sich dem der Abstinenten an. Sechs weitere Biomarker, die durch Rauchen induzierte Pathomechanismen widerspiegeln, zeigten eine Verbesserung der Werte in der IQOS-Gruppe gegenüber den Rauchern an. Die bisherige wissenschaftliche Evidenz zeige, dass das Tabakheizsystem eine weniger gesundheitsschädliche Alternative zur herkömmlichen Zigarette darstellt, heißt es zusammenfassend in einer Veröffentlichung von Philip Morris.


Kommentar

Kontrolle ist besser

Eine risikoärmere Alternative zur Zigarette, die Raucher auch tatsächlich annehmen – das wäre eine tolle Sache. Wenn abhängige Raucher, die es nicht schaffen aufzuhören, auf Tabakheizsysteme wie IQOS umsteigen, könnte dies vermutlich die durch Rauchen verursachte Morbidität und Mortalität senken. Aber diese Aussagen sind im Konjunktiv, denn bisher existieren nur Daten des Herstellers. Noch ist nicht von unabhängiger Seite wissenschaftlich nachgewiesen, dass die alternativen Produkte tatsächlich weniger Risiken bergen als Zigaretten. Misstrauen gegenüber der Tabakindustrie ist angebracht angesichts der jahrzehntelangen systematischen Verharmlosung der Gesundheitsgefahren des Rauchens und Passivrauchens. Da ist es gut, dass mit der FDA nun eine unabhängige Institution die Gesundheitsrisiken von IQOS unter die Lupe nimmt und auch das Bundesinstitut für Risikobewertung in Deutschland eine Bewertung plant. Doch selbst wenn diese Untersuchungen die im Vergleich zur Zigarette niedrigere Schadstoffbelastung bestätigen, sagt das nichts über die Suchtgefahr aus. Ob man Tabak nun raucht oder erhitzt: Abhängig ist man in jedem Fall. Ein Produkt mit niedrigerem Suchtpotenzial wäre auch gar nicht im Sinne der Hersteller, denn sie leben ja von der Abhängigkeit ihrer Kunden. Abstinenz ist sowohl für den Geldbeutel als auch für die Gesundheit des Anwenders immer noch das Beste.

 

Christina Hohmann-Jeddi

Ressortleitung Medizin


Dem kann das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) nur in Teilen zustimmen. Das BfR hält es für wahrscheinlich, dass eine erhebliche Reduzierung der gesundheitlich bedenklichen Emissionen mit verminderten gesundheitlichen Risiken verbunden ist. »Für die Abschätzung der verminderten Risiken sind jedoch weitere Untersuchungen notwendig, die unter anderem im Rahmen eines Einstufungsverfahrens in den USA durchgeführt werden«, erklärt das Institut auf Anfrage der PZ.

 

Insgesamt schätzt das BfR Tabakheizsysteme im Vergleich zu herkömmlichen Rauchtabakerzeugnissen zwar als weniger bedenklich ein. Diese Bewertung sei jedoch vorläufig und basiere auf Studien eines Hersteller­unternehmens. Konkrete Aussagen lassen sich erst machen, wenn unabhängige Studien diese Daten bestätigen oder widerlegen. Das Institut plant eigene Untersuchungen zu den Emissionen des einen bereits untersuchten Geräts und gegebenenfalls anderen in Deutschland vermarkteten Systemen, die ab Herbst 2017 beginnen werden. Inwieweit diese oder andere Tabakheizsysteme eine ähnliche Verminderung von kanzerogenen und gesundheitsschädlichen Stoffen in den Emissionen erreichen, sei bislang nicht abzuschätzen, da keine Daten vorliegen, so das BfR.

 

Gefahren nicht verharmlosen

 

Unabhängig von den schadstoffhaltigen Emissionen birgt das Produkt IQOS aber andere Risiken. Da die in den Dämpfen erreichbaren Nikotingehalte in der gleichen Größenordnung liegen wie bei herkömmlichen Tabakzigaretten, muss von einem vergleichbaren Suchtpotenzial ausgegangen werden, heißt es vom BfR. Das betont auch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Marlene Mortler (CSU) gegenüber der PZ. Gesundheitlich unproblematisch seien Tabakheizsysteme definitiv nicht. »Sie machen genauso süchtig wie Zigaretten. Unbedingt vermeiden müssen wir, dass Nichtraucher zu solchen Produkten greifen, weil sie meinen, diese seien gesundheitlich kein Problem«, so Mortler. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 28/2017

 

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